Kindersoldat aus Kambodscha Die schwäbische Pfarrersfamilie und der Sohn aus dem Dschungel

Vath Kuth (rechts) mit seiner schwäbischen Pflegefamilie 1986 in Großbottwar. Foto: privat

Das Beste aus dem StZ-Plus-Archiv: Vath Kuth war ein Kindersoldat im kambodschanischen Bürgerkrieg. Als 15-Jähriger kam er 1980 in eine schwäbische Pfarrersfamilie. Das ist seine Geschichte. 

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Wolfschlugen - Am 9. August 1979, einem regnerischen Donnerstag, landet Vath in Stuttgart. Vor ihm tauchen Männer auf, die Wörter rufen, die er nicht versteht. Das seien Journalisten, die über kambodschanische Flüchtlingskinder berichten wollten, erklärt ihm eine Mitarbeiterin vom Roten Kreuz. Vath ist verwirrt, er sehnt sich nach Ruhe. Ein Bus bringt die Gruppe ins SOS Kinderdorf nach Bad Dürrheim. Zum Abendessen gibt es Rührei mit einer grünen Pampe, die Vath an einen Kuhfladen erinnert.

 

Gut vier Jahrzehnte später sagt Vath Kuth: „Ich danke Gott, dass er mich damals in dieses wunderbare Land geführt hat.“ Neben ihm sitzt seine Pflegemutter Dora Schultheiß. Die 71-Jährige will ihrem Sohn, der noch immer besser Khmer als Deutsch spricht, dabei helfen, seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Sie beginnt in einem winzigen Dorf in der südkambodschanischen Provinz Prey Veng. Vath ist eines von neun Kindern eines Bauern und einer Hebamme. Der Junge lebt in ständiger Angst vor seinem Vater, der viel Zuckerwein trinkt und ihn verprügelt, wenn er sich bei der Arbeit auf dem Reisfeld ungeschickt anstellt. Und er fürchtet sich vor den amerikanischen Militärhubschraubern, die mit ihrer todbringenden Fracht von Vietnam her über den Dschungel donnern. Wenn das Dröhnen näherkommt, kauert sich die Familie Kuth in einer Erdhöhle zusammen, die sie neben ihrer Holzhütte gebuddelt hat.

Ein diffuser Krieg

Eines Morgens im Frühjahr 1975 wacht Vath von lautem Gebrüll auf. Er schaut sich in der Bambushütte um: Seine Eltern sind nicht da. Seltsam. Er läuft zum Dorfplatz und sieht eine Horde fremder Männer. Sie tragen schwarze, pyjamaartige Kleidung und rote Stirnbänder. Manche von ihnen sind sehr jung, kaum älter als er selbst. Einer dieser dunkel gekleideten Soldaten ruft: „Wir sind die neuen Befehlshaber! Bringt uns eure Kinder!“ Eine Mutter schreit „Nein!“ – und bekommt einen Gewehrkolben gegen den Kopf geschlagen. Man hört ein Geräusch, als würde ein trockener Ast zerbrechen. Ein Soldat rammt einen Stock in den Staub, reihum wird jeder Junge und jedes Mädchen aufgefordert, sich daneben zu stellen. Wer den Stock überragt, muss den Soldaten in den Dschungel folgen. Der elfjährige Vath misst kaum anderthalb Meter – und ist dennoch groß genug, um seiner Familie entrissen zu werden.

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Seit Mitte der 50er Jahre tobt in Südostasien ein diffuser Krieg. Im Zentrum des Konflikts steht das geteilte Vietnam, wo der kommunistische Norden gegen die durch die US Army unterstützte Republik im Süden kämpft. Das Chaos in der Region will der kambodschanische Maoist Pol Pot nutzen, um seine Heimat in einen Arbeiter-und-Bauern-Staat zu verwandeln. Mit russischer und chinesischer Hilfe baut er eine schwer bewaffnete Miliz auf: die Roten Khmer. In ganzen Land lässt Pol Pot seine Kämpfer verkünden, dass die alte Regierung von einer Organisation namens Angka abgelöst sei. Angka vertreibt die Bevölkerung aus den Städten. Angka kontrolliert die Landwirtschaft. Angka duldet kein Privateigentum. Wer Angka kritisiert, wird getötet. Auch lebensgefährlich: an einen Gott glauben, eine Brille tragen, eine Fremdsprache beherrschen, ja sogar ein Buch lesen oder laut lachen.

Kalaschnikow in Kinderhänden

Morgens wird Vath durch Schläge auf einen Blechdeckel geweckt. Noch vor Sonnenaufgang muss er mit den anderen zur Arbeit, Wassergräben ausheben. Die Erde wird in Körben fortgetragen. Brechen Kinder unter der Last zusammen, werden sie von den Aufsehern erschlagen. Die leeren Augen der Toten verfolgen Vath bis in seine Träume.

Eines Tages drückt ihm ein Soldat eine Kalaschnikow in die Hände. Das Gewehr ist so schwer, dass Vath es kaum halten kann. Seine Knie zittern. Er drückt ab und spürt den Rückstoß an der Schulter. Seine Ohren dröhnen von dem Knall. Aber in diesem Augenblick fühlt er sich wie ein richtiger Mann – dabei ist er bloß eines von Hunderttausenden Kindern, die Pol Pot für seine Zwecke missbraucht.

Seine Seele schmerzt, wenn Vath Kuth über diese dunkle Vergangenheit spricht. Tränen fließen. Man habe damals sein Gehirn gewaschen, sagt der 56-Jährige: Kinder seien leicht zu manipulieren, könnten noch nicht genau zwischen Gut und Böse unterscheiden, suchten nach Anerkennung. Außerdem: „Wir wussten, dass wir nur dann überleben können, wenn wir alles machen, was von uns verlangt wird.“

Mehr als zwei Millionen Tote

In leichten Ledersandalen, aber schwer bewaffnet ziehen Pol Pots unfreiwillige Jünger durchs Land. Vath sieht mit an, wie Männer ihr eigenes Grab schaufeln müssen. Tagelang schleppt er, ein unterernährter Hänfling, eine Panzerfaust durch den Dschungel. Hat er geschossen? Getötet? Vath Kuth weicht solchen Fragen aus, sagt lediglich, er habe seinerzeit „Scheuklappen wie ein Pferd gehabt“.

Drei Jahre, acht Monate und 20 Tage hält sich Pol Pots Schreckensregime an der Macht. Mehr als zwei Millionen Menschen werden in diesem Zeitraum ermordet. Sie enden als „Düngemittel auf den Reisfeldern“, wie die Henker in ihrem Zynismus sagen.

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Im Dezember 1978 befreit die Vietnamesische Volksarmee Kambodscha von den Roten Khmer. Vath ist nun kein Krieger mehr, sondern ein Landstreicher. Er wandert Richtung Norden, unterwegs ernährt er sich von Früchten und Palmenmark. Nach etwa einem halben Jahr erreicht er die thailändische Grenze und wird in ein nahe gelegenes Flüchtlingslager gebracht. Wenige Wochen später werden er und mehr als 100 weitere kambodschanische Flüchtlingskinder im Rahmen einer UN-Hilfsaktion von Bangkok nach Stuttgart geflogen.

Vaths neue Familie

Die ersten Monate im Bad Dürrheimer SOS Kinderdorf fühlen sich für Vath so an, als wäre er von der Hölle ins Paradies gebeamt worden. Er kann essen, bis er satt ist. Er darf Fußball spielen. Oder fernsehen. Er lernt Fahrradfahren. Er sieht, wie der erste Schnee die Hochebene weiß färbt. Eines Tages stehen eine Frau, ein Mann und zwei Kinder vor ihm. Die Fremden stellen sich als Dora, Martin, Steffen und Cathrin vor. Sie sind seine neue Familie.

Warum nimmt man einen Pflegesohn aus Kambodscha auf, wenn man zwei leibliche Kinder hat? „Mein Mann und ich dachten damals: Wo vier Menschen zusammenleben, hat es auch Platz für einen fünften“, sagt Dora Schultheiß. Und wie geht man mit einem Heranwachsenden um, der nie eine Schule besucht, aber hautnah miterlebt hat, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind? „Wir haben Vath so genommen, wie er ist. Und ihn spüren lassen, dass er zu uns gehört.“

Als Vath im August 1980 einzieht, ist Martin Schultheiß Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Großbottwar. Zwei Monate später adoptiert das Ehepaar ein kleines Mädchen aus Indien, und in den folgenden drei Jahren bringt Dora Schultheiß noch eine Tochter und einen Sohn zur Welt. Schlussendlich wohnen in dem Pfarrhaus sechs Kinder aus drei Nationen: „Und jedes von ihnen hat unser Leben bereichert.“

Jahre der Eingewöhnung

Der 15-jährige Vath kommt zunächst in die dritte Grundschulklasse und erhält mit vier weiteren kambodschanischen Flüchtlingen zusätzlich Förderunterricht. Das Lernen fällt ihm schwer. „Ich bin halt dein Sohn aus dem Dschungel“, sagt er zu seiner Pflegemutter, wenn er wieder einmal eine schlechte Note nach Hause bringt. „Die Roten Khmer haben mir das Denken verboten, ich durfte nur arbeiten und kämpfen.“

Es dauert, bis sich Vath in der fremden Welt eingewöhnt. Mit 18 wird er von seinem Pflegevater getauft, mit 22 konfirmiert. 1987, als 23-Jähriger, macht er den Hauptschulabschluss und beginnt eine Ausbildung zum Gas- und Wasserinstallateur.

Im Jahr darauf verhilft ihm das Deutsche Rote Kreuz zu einem Wiedersehen mit seiner leiblichen Mutter in Phnom Penh. Touch Kuth hat sich auf das Treffen mit ihrem tot geglaubten Sohn gut vorbereitet: Sie zeigt ihm ein Foto von der Tochter einer Freundin. Vath weiß sofort, dass sie der Tradition folgend eine Braut für ihn ausgesucht hat. Mary stammt aus einer wohlhabenden Familie, die im Frühjahr 1975 von den Roten Khmer aus der Hauptstadt vertrieben worden war. Nach dem Bürgerkrieg kehrte sie zurück, ging wieder zur Schule, lernte Steuerberaterin und fand eine Stelle auf dem Finanzamt. Eine gute Partie für einen Bauernjungen.

Ein stabiles Glück

Am 27. August 1988 begegnen sich Vath und Mary zum ersten Mal, zwei weitere Tage bleiben ihnen, um sich kennenzulernen. Erst drei Jahre später sehen sie sich bei ihrer Hochzeit in Phnom Penh wieder. Die Zeremonie ist gleichzeitig Marys Abschiedsfest. Anschließend beginnt auch für sie 10 000 Kilometer westlich ein neues Leben.

Die arrangierte Ehe zwischen Vath und Mary Kuth hält mittlerweile mehr als 30 Jahre. „In Deutschland verliebt man sich ineinander und trennt sich irgendwann wieder“, sagt er. „In Kambodscha lernt man allmählich, sich gegenseitig zu lieben und bleibt für immer zusammen.“

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Vath Kuth arbeitet heute als Lagerist in einem Logistikunternehmen, Mary Kuth als Reinigungskraft in einem Kindergarten. Das Ehepaar lebt mit seinen beiden erwachsenen Söhnen in einer Dreizimmer-Eigentumswohnung in Wolfschlugen. „Wir sind zufrieden mit dem, was wir haben.“

Im Januar 2019 stirbt Touch Kuth. Vath kann an der Trauerfeier für seine leibliche Mutter nicht teilnehmen, aber im Sommerurlaub fliegt er nach Kambodscha, um ihre Grabstätte zu besuchen. Der Urwald, der sein Heimatdorf einst umgab, ist längst abgeholzt. Noch immer gibt es keinen Strom und kein fließendes Wasser. Nachts liegt Vath auf einer Bambusmatte und findet keinen Schlaf. Er denkt an seinen jähzornigen Vater und an all die Qualen, die noch folgen sollten. Seit jenem regnerischen Donnerstag, als er in Stuttgart landete, konnten diese tiefen Kindheitswunden allmählich heilen. Gott schenkte Vath Kuth am 9. August 1979 ein neues Leben. Was wäre sonst aus ihm geworden?

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