Kameramann aus Freiberg in der Ukraine Lukas Hoffmann fängt die Schrecken des Krieges ein

Lukas Hoffmann wollte schon als Kind Kameramann werden. Der Traum hat sich erfüllt. Für die ARD ist er viermal in die Ukraine gereist. Foto: privat/Lukas Hoffmann

Menschen fliehen aus der Ukraine, Lukas Hoffmann fährt hin. Er ist Kameramann und arbeitet für die ARD. Was macht der Job als Kriegsberichterstatter mit einem?

Digital Desk: Michael Bosch (mbo)

Vor Kurzem postete Lukas Hoffmann ein Bild von einem Luftballon in einem Messengerdienst. „Schön, dass du wieder zuhause bist“, war darauf zu lesen. Die Erleichterung, die diejenigen mit dem Ballon ausdrückten, kam nicht von ungefähr. Hoffmann war beruflich in der Ukraine. Als Kameramann dokumentierte er das, was der Krieg mit dem Land und den Menschen anrichtet.

 

Einige Tage zuvor sitzt Lukas Hoffmann in der Lobby seines Hotels in Kiew, im Hintergrund zwitschern Vögel, der Raum ist lichtdurchflutet, es geht geschäftig zu. Der junge Mann aus Freiberg am Neckar wirkt gelöst, es geht bald heim. In der ukrainischen Hauptstadt habe es drei Tage lang heftige Angriffe gegeben. „Es war ziemlich laut“, sagt Hoffmann. An vielen anderen Tagen merke man in Kiew – abgesehen von der Ausgangssperre, die ab 23 Uhr gilt – wenig bis nichts davon, dass Russland einen brutalen Angriffskrieg gegen sein Nachbarland führt. „Alles geht seinen Gang“, sagt der Kameramann aus Freiberg.

Beiträge laufen in den Hauptnachrichtensendungen

Hoffmann war seit Kriegsbeginn viermal in der Ukraine. Gefilmt hat er Beiträge für die Nachrichtensendungen der ARD: „Tagesschau“, „Tagesthemen“, „Morgenmagazin“ und „Mittagsmagazin“ sowie „Weltspiegel“. Anders als in Kiew war der Krieg teilweise gefährlich nahe. Beispielsweise haben er und seine Kollegen Minensucher begleitet, es ging querfeldein. In der Ferne waren Explosionen zu hören – „wie ein nicht endender Donner“, sagt Hoffmann. „Da wird einem schon anders“, sagt der Freiberger, und man überlege, was passiere, wenn der Vordermann auf eine Mine trete.

Menschen sterben sehen hat Hoffmann nicht, Leichen sehr wohl – und er hat mitbekommen, wie skrupellos die Kriegsparteien vorgehen. Zwischen Charkiw und Isjum lagen leblose Körper einfach auf der Straße. Weil die Leichen vermint sein können, mussten die Spezialeinheit und das Filmteam bei der Bergung sehr vorsichtig vorgehen.

Bilder wie diese bleiben zwangsläufig hängen, Geschichten von Kindern, die ihre Eltern verloren haben, auch. Hoffmann sagt zwar: „Im Endeffekt ist es einfach mein Job, das darf man nicht so sehr an sich ranlassen.“ Die Kamera und dass er alles durch eine Linse sieht, hilft ihm dabei. „Das ist ein gewisser Schutz“, sagt Hoffmann, „die Bilder sind gespeichert, deshalb muss ich sie nicht mitnehmen.“ Immer gelingt das nicht.

Nicht das erste Mal in einem Konfliktgebiet

Damit sich nicht zu viel seelischer Ballast anhäuft, spricht er mit seinen Kollegen über die Erlebnisse. Die können es nachvollziehen, weil sie auch dabei waren. Für den 31-Jährigen waren die Jobs in der Ukraine nicht die ersten in einem Konfliktgebiet. Er war schon im Nordirak, im Libanon, in Kairo – überall rumorte es. „Aber es war für mich das erste Mal an einer richtigen Front.“ Vorbereitet hat sich Hoffmann darauf akribisch, er absolvierte ein Training, mit dem sich auch Bundeswehrsoldaten für mögliche Extremsituationen wappnen, die ein Krieg bereithält. Außerdem hat Hoffmann seine ganz eigene Taktik entwickelt, sich auf die Fahrt in ein Kriegsgebiet vorzubereiten: „Ich überlege mir, was mir in anderen Einsätzen geholfen hat, was mir gefehlt hat, was mir Sicherheit gibt“, sagt er. Bei ihm gehört auch seine persönliche Ausrüstung dazu: Helm und eine kugelsichere Weste. Hoffmann spricht von einem „Plattenträger“.

Der Sender gebe sich größte Mühe, alles für die Sicherheit seiner Mitarbeiter zu tun. Allerdings seien die Konvois, in denen die Berichterstatter unterwegs sind, „ziemlich auffällig“. Verletzt werden könne man bei der Arbeit sehr wohl, das müsse man immer im Hinterkopf haben.

Lukas Hoffmann hat den langen Weg in die Ukraine – zwei Tage dauert die Reise über Polen – trotzdem gerne viermal auf sich genommen. Schlecht bezahlt sei der Job nicht, und – das ist ihm noch wichtiger – er habe das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun. „Ich wollte schon als Kind Kameramann werden“, sagt der 31-Jährige. Er ist gelernter Mediengestalter, beherrscht sowohl Bild als auch Ton, seit dem Jahr 2010 ist er selbstständig mit einer Filmproduktionsfirma. Über ein Praktikum kam er zu seinem ersten Job für die Öffentlich-Rechtlichen.

„Wir sind ein Instrument des Krieges“

Was die Berichterstattung aus der Ukraine angeht, macht sich Hoffmann keine Illusionen: „Wir sind da ganz klar ein Instrument des Krieges“, Pressefreiheit – zumindest nach Standards, die in Deutschland gelten – herrsche nicht. Frei bewegen könnten sich Journalisten im Osten der Ukraine schon eine Weile nicht mehr. Geschichten müssten sehr aufwendig recherchiert werden, vieles schon vorab. Vor Ort sind dann sogenannte Fixer dafür zuständig, die Kontakte herzustellen. Die Zusammenarbeit mit Einheimischen sonst sei oft aufgrund von Sprachbarrieren nicht einfach gewesen, sagt Hoffmann. „Aber wir haben natürlich versucht, so nah wie möglich dranzukommen und ein möglichst reales Bild zu zeichnen.“

Für den 31-Jährigen war die vierte vermutlich auch die letzte Reise in die Ukraine. Die ARD wolle künftig vermehrt mit ukrainischen Medienleuten arbeiten. Eine dürfte darüber nicht unglücklich sein: „Mutti war immer nicht so erfreut“, sagt Hoffmann zu seinen Jobs im Kriegsgebiet. Vermutlich stammt von Mama Hoffmann auch der Willkommen-daheim-Luftballon.

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