Kampagne gegen Ritter Sport Ritters bittere Russland-Farce
Die Rechtfertigungen des Waldenbucher Schokoladenherstellers für sein Russlandgeschäft sind genauso unwürdig wie die Aufregung im Netz, meint Alexander Del Regno.
Die Rechtfertigungen des Waldenbucher Schokoladenherstellers für sein Russlandgeschäft sind genauso unwürdig wie die Aufregung im Netz, meint Alexander Del Regno.
Ritter steht am Pranger: Gegen den Waldenbucher Schokoladenhersteller laufen Boykott-Aufrufe, weil er sich nicht aus Russland zurückzieht. Ritter reagiert – macht dabei einen Fehler nach dem anderen und setzt so seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel.
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Zwar kündigt die Firma an, die Erlöse aus dem Russlandgeschäft Hilfsorganisationen spenden zu wollen. Aber die Begründung, warum Ritter nicht auf seinen Umsatz in Russland verzichten will, könnte unwürdiger nicht sein: Ritter verweist unter anderem auf die Kakaobauern in Afrika und Lateinamerika, die darunter leiden würden. Aber was hält das hoch profitable Unternehmen denn davon ab, sich auch in Krisenzeiten um seine Lieferanten in Schwellen- und Entwicklungsländern zu kümmern? Schließlich wirbt Ritter doch seit Jahren öffentlichkeitswirksam und offensiv mit fairen Arbeitsbedingungen in Übersee, Nachhaltigkeit und sozialem Engagement. Ist Ritters süße, heile Schokoladenwelt also nur ein Marketing-Gag? Doch es kommt noch bitterer bei Ritters Krisenbewältigung: Jüngst teilte die Firma mit, dass sie die „grausame Aggression der russischen Armee“ verurteile. Das Wort „Krieg“ fällt nicht – ganz im Putin’schen Sinne. Auf die Frage, ob das Absicht ist oder nicht, gibt sich der Sprecher zunächst ahnungslos und versteckt sich hinter der Social-Media-Abteilung, die die Urheberin des Textes sei. Wie bitte? – Inmitten der wohl schwersten Image-Krise des Unternehmens soll dessen Sprecher das Statement nicht gekannt haben – das ist nicht glaubhaft. Erst am Freitag nennt Ritter auf Nachfrage den Krieg auch Krieg – und stellt dann klar, dass man in dem Social-Media-Post den Begriff doch absichtlich vermieden habe, um Beschäftigte zu schützen.
Wenn es aber um Glaubwürdigkeit geht, sollte sich nicht nur Ritter hinterfragen, sondern auch all die empörten Menschen, die den Nebenkriegsschauplatz in den sozialen Medien eröffnet haben. Wer jetzt Ritter verteufelt, und sich moralisch überlegen fühlt, der muss angesichts der Energieimporte aus Russland auch so konsequent sein, die Heizung aus und das Auto stehen zu lassen. Den Menschen in der Ukraine würde das sicher mehr helfen als ein Schokoladen-Boykott.