Kampf dem Billigfleisch Es geht um die Wurst

Von Caroline Holowiecki 

Die Umweltschützer von Greenpeace haben dem Billigfleisch den Kampf angesagt. In Degerloch haben Ehrenamtliche nun die Konfrontation mit dem Handel gesucht.

Astrid Rudolf (links) von Greenpeace im Gespräch mit der Passantin Agnes Neuffer aus Sonnenberg Foto: Caroline Holowiecki
Astrid Rudolf (links) von Greenpeace im Gespräch mit der Passantin Agnes Neuffer aus Sonnenberg Foto: Caroline Holowiecki

Degerloch - Drinnen Rote Wurst, draußen Rote Karte. Mitglieder der Umweltschutzorganisation Greenpeace haben in dieser Woche in Stuttgart-Degerloch gegen Billigfleisch protestiert. Ihren Stand hatten die Ehrenamtlichen bewusst vor dem Eingang eines Supermarktes an der Epplestraße aufgebaut. Es ging um eine Konfrontation. Die Aktivisten ließen Passanten auf einer Roten Karte unterschreiben, die später dem Filialleiter überreicht werden sollte. Ziel: Druck aufbauen. Man wolle erreichen, dass Läden bei Wurst und Fleisch auf eine andere Einkaufspolitik setzen und nicht mehr mit Tiefpreisangeboten werben, erklärte das Mitglied Astrid Rudolf. Der Hauptverein suche mit den großen Handelsketten das Gespräch, „aber da bewegt sich sehr wenig“, sagte sie.

Vielen Kunden sei nicht klar, was sie kaufen

Laut Greenpeace liegen in Deutschland rund 60 Prozent der Fleischverarbeitung in der Hand von Großkonzernen; eben solchen Betrieben, deren Praktiken im Zuge der Corona-Krise in die Kritik geraten sind. „Bei Tönnies werden 30 000 Schweine pro Tag geschlachtet, das ist immens. Das hat mit gesunder, nachhaltiger Landwirtschaft nichts zu tun“, sagte Astrid Rudolf. Allerdings sei vielen Kunden nicht klar, was sie kauften. So gibt es die sogenannte Haltungsform, eine freiwillige Haltungskennzeichnung des Einzelhandels, die unverarbeitetes Fleisch von eins bis vier einstuft. Einer aktuellen Handelsabfrage von Greenpeace zufolge kommen im Schnitt 88 Prozent der Frischfleisch-Eigenmarken in Supermärkten aus den Stufen eins und zwei: laut den Naturschützern Massentierhaltung mit weniger als einem Quadratmeter pro Tier und ohne Auslauf. „Bei einer Eins denkt man, es ist etwas Gutes“, sagte Astrid Rudolf. Sie sprach von einem Labeldschungel.

Konsequenzen aus Tönnies-Skandal ziehen

Über die Bedeutung verschiedener Kennzeichnungen wurde bei der Aktion aufgeklärt. Bei denen, die am Stand stehen blieben – überwiegend Frauen –, rannten die Umweltschützer aber offene Türen ein. „Ich bin mit dem Thema befasst. Ich bin seit 37 Jahren Vegetarierin“, sagte etwa Agnes Neuffer aus Sonnenberg. Und auch Jessica Schneck aus Weilimdorf erklärte: „Ich stehe hinter dem Thema.“ Sie kaufe ihr Fleisch nach Möglichkeit direkt beim Erzeuger. Viele am Stand betonten, dass sie den Konsum reduziert hätten. Eine Haltung, die Greenpeace entgegenkommt, denn durch den hohen Soja-Bedarf für Tierfutter werden Regenwälder abgeholzt, stellte Astrid Rudolf klar. Etliche Passanten unterschrieben zudem einen offenen Brief des Greenpeace-Geschäftsvorstands Martin Kaiser an Julia Klöckner. Darin wird die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft aufgefordert, Konsequenzen aus dem Tönnies-Skandal zu ziehen und die Tierhaltung zu reformieren, etwa durch eine zweckgebundene Tierwohlabgabe und eine verpflichtende Haltungskennzeichnung auf Verpackungen.

Auch auf die Rote Karte an den Degerlocher Ladenchef setzten viele ihre Unterschrift. Die Konfrontation blieb an diesem Tag aber wohl aus. Während oben protestiert wurde, räumte der stellvertretende Marktleiter Regale ein. Die Greenpeace-Aktion wollte er auf Nachfrage nicht kommentieren.

Am Samstag, 29. August, baut Greenpeace seinen Infostand zwischen 10 und 12 Uhr in der Nähe eines Discounters an der Stuttgarter Straße in Feuerbach auf.

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