Kampf gegen den Blutkrebs in Stuttgart Zweimal der Hauptgewinn – Ehepaar als Stammzellenspender

Harun und Fatma Ilhan hoffen, dass sich mehr Leute als Spender registrieren. Foto: privat

Harun und Fatma Ilhan haben zwei ihnen fremden Menschen die Chance aufs Weiterleben gegeben – als Stammzellenspender. Der genetische Zwilling des Stuttgarter Ingenieurs lebt in den USA und konnte dank der Spende gerettet werden. Bei Ehefrau Fatma ist die Spende noch frisch.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Es fühlt sich an, als hätten sie selbst zweimal den Jackpot gewonnen – wobei Fatma und Harun Ilhan für zwei andere Personen der Hauptgewinn gewesen sind. Beide sind Stammzellenspender bei der DKMS, die früher Deutsche Knochenmarkspenderdatei hieß. Das Ehepaar aus Stuttgart hat zwei Menschen die Chance aufs Weiterleben eröffnet. Bei Harun Ilhan liegt die Spende im August zwei Jahre zurück, seine Frau Fatma hat in diesem April ihren Termin in der Uniklinik in Tübingen gehabt. Dass beide Ehepartner spenden, ist laut DKMS vereinzelt schon vorgekommen, aber es sei extrem selten. Schließlich spende nur einer von hundert Registrierten überhaupt jemals, berichtet Julia Ducardus, eine Sprecherin der gemeinnützigen Organisation.

 

Harun Ilhan hat einem kleinen Mädchen aus den USA das Leben gerettet. Dass seine Stammzellenspende erfolgreich war, weiß er inzwischen. Das Mädchen ist fünf und damit ähnlich alt wie seine eigene Tochter. Die Ilhans haben außerdem noch einen drei Jahre alten Sohn. Es komme ihm so vor, als hätte er drei Kinder, berichtet der 44 Jahre alte Ingenieur: zwei leibliche und ein Kind auf der anderen Seite des Atlantiks. Und das amerikanische Mädchen ist ihm zumindest, was die Gewebemerkmale betrifft, ungewöhnlich ähnlich. „Wir haben eine hundertprozentige Übereinstimmung“, berichtet er immer noch fasziniert. Bei Fatma Ilhan passten die Gewebemerkmale zu knapp 80 Prozent zusammen.

Das stundenlange Stillliegen war anstrengend – aber der Zweck war „es wert“

Bei der 40-Jährigen ist die Spende noch frisch. Sie hatte sich nach der Spende ihres Mannes ebenfalls typisieren lassen. Anfang dieses Jahres kam dann der Anruf von der DKMS. Es gebe einen Treffer, ob sie sich die Spende weiterhin vorstellen könne. Im April war es so weit. Als um 6 Uhr morgens der Wecker klingelte, war zunächst die Aufregung groß. Ihrer Tochter ging es nicht gut: „Sie hatte hohes Fieber“, erzählt Fatma Ilhan, die bis zur Geburt der Tochter als Journalistin gearbeitet hat. Sie habe die Fünfjährige auf den Knien geschaukelt, getröstet – und ihr erklärt, warum sie dennoch weg müsse. Dann übernahm Vater Harun. „Ich heiße Fatma Ilhan, aber meine Tochter ist krank“ – mit diesen Worten habe sie sich dann in der Klinik in Tübingen vorgestellt, erzählt sie. Sie fürchtete, dass der Termin verschoben werden müsste. Da es ihr aber gut ging (und der obligatorische Coronatest negativ war), konnte zum Glück alles seinen Gang nehmen.

Die Spende selbst sei zwar anstrengend gewesen, aber „das ist es wert“, meint sie. Ihr Ehemann Harun Ilhan war seinerzeit in Vollnarkose versetzt worden für die Stammzellenspende, er war dafür aus Stuttgart nach Köln gefahren. Bei ihr hingegen wurden Blutzellen entnommen. Dafür habe sie fünf bis sechs Stunden einfach nur daliegen müssen, in jedem Arm steckte eine Kanüle. Das sei sehr anstrengend gewesen. „Es ist einfacher, Geld zu spenden, als etwas von sich selbst“, sagt sie. In den fünf Tagen zuvor hatte sie sich Spritzen gesetzt, damit der Körper angeregt wird, mehr Blutzellen zu produzieren. Sie habe regelrecht gespürt, dass das Knochenmark mehr gearbeitet habe. „Ich hatte Knochenschmerzen“, sagt sie, auch habe ihr Körper gekribbelt. Aber alle Nebenwirkungen seien rund drei Tage nach der Spende verflogen gewesen. „Es hat sich gelohnt“, sagt Fatma Ilhan.

Die Familie aus Amerika würde sie gerne mal besuchen kommen

Die beiden erzählen deshalb ihre Geschichte, weil sie auch andere dazu bewegen wollen, sich bei der DKMS registrieren zu lassen. Sie wissen, dass Menschen mit Migrationshintergrund diesen Schritt seltener gehen. „Leider sind unsere Mitmenschen im Rückstand“, sagt Ilhan, der wie seine Frau kurdischer Abstammung ist. Das bestätigt auch die DKMS-Sprecherin: „Diversity ist ein Riesenthema für uns“, sagt Julia Ducardus. Je bunter, je gemischter die ethnische Herkunft von Patienten sei, desto schwieriger sei es für diese, einen passenden Spender, also einen genetischen Zwilling zu finden. „Gewebemerkmale unterscheiden sich von Region zu Region“, erklärt Ducardus.

Fatma Ilhan weiß nur, dass sie einer Frau in Deutschland geholfen hat. Manchmal fragt sie sich: Was ist ihre Empfängerin wohl für ein Mensch? Ob sie auch Kinder hat wie sie selbst, die um ihre Mama bangen müssen? Ob sie schon lange krank ist? In zwei Jahren könnte sie mehr erfahren – dann läuft die Anonymitätsfrist ab.

Ihr Mann Harun hat vor Weihnachten an die DKMS eine E-Mail geschrieben, weil ihn interessierte, wie es nach seiner Spende verlaufen ist. Anonymisiert erhielt er die Antwort der amerikanischen Familie – eine Nachricht, die ihn glücklich gemacht hat. „Es gibt keine Worte, die beschreiben könnten, was Sie für uns getan haben – unserem kleinen Engel geht es gut“, hieß es da auf Englisch. Wenn die Pandemie vorbei sei, würden sie ihn und seine Familie gerne besuchen kommen, so die Eltern. Das würde auch Harun Ilhan freuen. Würde er erneut angefragt werden, er würde wieder spenden. „Ich hatte die gleiche Emotion wie bei der Geburt meiner Kinder – ein Leben retten zu dürfen ist ein unbeschreibliches Gefühl.“

Die DKMS wird 30 Jahre alt

Die DKMS wird am 28. Mai 30 Jahre alt. Die Organisation wurde in Tübingen von dem Manager Peter Harf nach der Erkrankung seiner Ehefrau gegründet. Das Ziel: lebensrettende Stammzellenspender zu vermitteln. Nur rund 30 Prozent der Blutkrebspatienten finden laut DKMS eine geeignete Spenderin oder einen geeigneten Spender innerhalb der Familie. Heute sei man ein „weltweites Dateiennetzwerk“, heißt es auf der Internetseite der Organisation – mit mehr als 10,76 Millionen registrierten Spendern an sieben Standorten und auf fünf Kontinenten.

In Baden-Württemberg gibt es mehr als 1,055 Millionen registrierte Spender, davon haben seit 1991 knapp 13 000 gespendet. Für Stuttgart weist die Statistik 58 905 registrierte Spender aus und 738 Entnahmen. In der Coronapandemie hat die DKMS auf digitale Registrierungskampagnen umgestellt. Individuelle Seiten könnten geteilt werden für Patientenaktionen, so Sprecherin Julia Ducardus. Für die Typisierung werden die entsprechenden Kits nach Hause geschickt.

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