Stuttgart - Es gibt nicht viele Geschichten, die so gut ausgehen wie die von Angela. An einem Oktobervormittag sitzt die 22-Jährige in den Räumen des Fraueninformationszentrums (Fiz) in Stuttgart. Ihr knapp zweijähriger Sohn rennt durch das Zimmer, bis er sich erschöpft auf den Schoß von Doris Köhncke, der Leiterin des Fiz, setzt.
Das Fiz ist für Frauen wie Angela eine wichtige Anlaufstelle. Die Sozialarbeiterinnen betreuen und begleiten Menschenhandelsopfer. Etwa 100 Frauen sind das im Jahr. 90 Prozent von ihnen kommen wie Angela aus Nigeria. 2012 hat sich die Zahl der Frauen, die in der Einrichtung Hilfe fanden, von durchschnittlich 30 Frauen auf etwa 100 mehr als verdreifacht. Ähnlich sieht es in Freiburg und Kehl bei der Beratungsstelle Freija sowie bei der Mitternachtsmission Heilbronn aus. Die drei anerkannten Beratungsstellen, die sich laut Landesaktionsplan um die Opfer von Frauenhandel kümmern, stellten deshalb kürzlich in einem Brief an den baden-württembergischen Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) den Antrag, die Förderung auf insgesamt 291 000 Euro im Jahr zu erhöhen.
Angela ist der Zwangsprostitution entkommen. Mehr noch: Zwei Männer, die Teil der Menschenhandelsindustrie waren, sind in Madrid angeklagt und verurteilt worden. Oft passiert das nicht. Angela war eine Zeugin der Anklage, sie sollte vom Stuttgarter Landgericht per Video dem Prozess in Spanien zugeschaltet werden. Dass sie am Ende doch nicht aussagen musste, lag nicht an ihr. Die Beweislage im Madrid war wohl auch ohne sie eindeutig. Angela hofft nun, irgendwann, in der Altenpflege arbeiten zu können – in Deutschland.
Den Traumjob in Europa gab es nicht
Aufgewachsen ist die junge Frau in Lagos. In der größten Stadt Nigerias lebte sie bis Anfang 2015 mit ihren Eltern und Geschwistern. Sie arbeitete als Krankenschwester. Niemals zuvor hatte sie ihr Heimatland verlassen. Und würde sie nicht an einer Sichelzellenanämie leiden, wäre sie nie weggegangen. Als aber ihre beste Freundin sie fragte, ob sie mitkommen wolle nach Spanien, erschien Angela das als Chance, um Geld für die teuren Medikamente zu verdienen. Es handle sich um irgendeine Stelle im Verkauf, sagte die Freundin. Angela schöpfte keinen Verdacht – und begab sich so in die Hände von Schleppern und Menschenhändlern, die sie nach Europa schleusten und schließlich auf den Straßenstrich in Bilbao zwangen. In Benin-City, der Drehscheibe für den Menschenhandel, nahm ihnen ein Mann Mobiltelefone und Geld ab, erzählt Angela. Den Pass behielt er. Es folgte, was die jungen Frauen unter immensen Druck setzte: das Juju-Ritual, eine Art religiöser Schwur, mit dem den Familien der Frauen der Tod angedroht wird, würden sie ihren Chefs nicht gehorchen. Die Opfer von der Angst zu befreien ist Teil der therapeutischen Arbeit, wie sie das Fiz anbietet.
Angst vor dem Juju-Schwur
Die Menschenhändler brachten Angela mit einem Bus nach Tripolis, wo sie unter entsetzlichen Bedingungen in einem Lager hausen musste, bis es in einem Schlauchboot übers Mittelmeer ging – ohne ausreichend Treibstoff. Die Flüchtlinge wurden aus Seenot gerettet. Im Juni 2015 kamen Angela und ihre Freundin in Bilbao an – bei einer sogenannten Lady oder Madam aus Nigeria. Das Leben in Europa begann mit dem Einkauf sogenannter Arbeitskleidung. „Ich habe gesagt, dass mir die Hosen und Röcke und auch die Oberteile zu kurz sind, dass ich so etwas nicht anziehen kann. Wegen meiner Krankheit friere ich ständig“, erzählt Angela. Madame war das egal. Sie schickte die Frauen zum Anschaffen auf die Straße. Als Angela sich weigerte, ihrem ersten übel riechenden, alten Kunden zu Willen zu sein, schlug er sie. „Er hat mich dann vergewaltigt“, berichtet sie. Ohne Spanisch- und Ortskenntnisse – und wegen des Juju-Schwurs psychisch unter Druck – hatte sie nicht die Kraft, Widerstand zu leisten: „Ich hatte inzwischen meinen Vater und einen Bruder verloren; ich wollte nicht, dass noch mehr Menschen sterben.“
Letztlich offenbarte sich Angelas Freundin einer Polizeistreife. Die Madame versuchte noch, Angela nach Deutschland zu bringen. Aber kurz hinter der Schweizer Grenze wurden die Madam, ein Mann aus ihrem Umfeld und Angela bei einer Polizeikontrolle aufgegriffen. In Karlsruhe stellte sie dann ihren Asylantrag. Zu diesem Zeitpunkt ermittelte die spanische Justiz schon gegen die Personen, die sie zur Prostitution gezwungen hatten. Polizeibeamte besuchten Angela in ihrer Unterkunft in der Region Stuttgart und legten ihr Bilder der Madam vor.
Ermittlungen in Tripolis sind schwierig
Üblicherweise erfährt die deutsche Justiz durch die Anhörung der Frauen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) von solchen Menschenhandelserfahrungen. Das Bamf gibt diese Erkenntnisse zur Ermittlung weiter an das Bundeskriminalamt. Meist werden die Verfahren von der zuständigen Staatsanwaltschaft eingestellt – aus Mangel an Beweisen. „Mit Libyen gibt es keine vertragliche Rechtshilfe. Die aktuellen Verhältnisse dort lassen eine rasche und vollständige Erledigung von Rechtshilfeersuchen in Sachen Menschenhandel nicht unbedingt erwarten“, sagt Peter Holzwarth von der Stuttgarter Staatsanwaltschaft angesichts der desolaten Situation in dem nordafrikanischen Land resigniert. Er ist Experte in Sachen organisierter Kriminalität und Menschenhandel. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich die baden-württembergischen Fälle.
Angela hatte Glück. Die Menschenhändler entkamen der Justiz nicht: Sie wurden in Spanien gefasst und dort vor Gericht gestellt.