Der Kreis Esslingen kämpft gegen den drohenden Hausärzte-Mangel an: Für die Gründung von medizinischen Versorgungszentren stellt er 375 000 Euro zur Verfügung.
Viele niedergelassene Allgemeinmediziner im Kreis Esslingen planen ihren Ruhestand: 40 Prozent der 338 Hausärzte sind über 60 Jahre alt, jeder Fünfte hat schon die 65 überschritten. Nachfolger für ihre Praxen zu finden, ist nicht so leicht. Denn die junge Ärztegeneration will Umfragen zufolge lieber angestellt arbeiten – in Voll- oder Teilzeit, mit weniger bürokratischem Aufwand und ohne wirtschaftliches Risiko. Die Esslinger Kreisverwaltung reagiert auf diesen Trend.
Im Landkreis Esslingen gibt es in den Mittelbereichen Esslingen, Kirchheim und Nürtingen insgesamt 46 freie Arztsitze. Im Mittelbereich Stuttgart mit Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt sind es 61. Auch wenn laut Landrat Marcel Musolf die derzeitige Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) nicht von einer Unterversorgung für den Landkreis Esslingen ausgeht, wolle man einem drohenden Hausärzte-Mangel frühzeitig entgegenwirken.
Kreis Esslingen stärkt Ärzteversorgung mit Förderprogrammen
Mit dem Beratungsangebot für Kommunen, dem Stipendienprogramm für Medizinstudierende und der Gründung eines Weiterbildungsverbundes habe „der Kreis bereits seine Entschlossenheit gezeigt, sich der Aufgabe anzunehmen“, so Musolf. Im Sozialausschuss des Kreistages stellte er jüngst ein weiteres Förderprogramm vor.
Demnach wird der Kreis Esslingen bis zum Jahr 2029 die Gründung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) unter kommunaler Beteiligung einmalig mit maximal 50 000 Euro unterstützen. Mit den in Form einer Genossenschaft organisierten MVZ wird, wie Musolf in der Ratsvorlage erläutert, „eine Struktur geschaffen, die es ermöglicht, Arztsitze zu übernehmen oder Zweigpraxen zu betreiben“.
Zwei große Vorteile zählt der Landrat auf: Zum einen würden genossenschaftlich getragene MVZ, im Gegensatz zu Investorenmodellen, nicht einer Gewinnerzielungsabsicht unterliegen. Zum anderen werde dadurch, dass die Rathäuser einen Gutteil der Verwaltungstätigkeiten übernehmen werden, die Attraktivität einer Tätigkeit in MVZ gesteigert, so Musolf. Den Medizinern bliebe mehr Zeit für ihre eigentliche Aufgabe. Gelingt es innerhalb von drei Jahren nach Gründung eines MVZ tatsächlich, zusätzliche Arztzeiten zu schaffen, gibt es weitere 25 000 Euro obendrauf.
Arztpraxen langfristig und wohnortnah schaffen
Alles in allem stellt der Kreis insgesamt 375 000 Euro bereit. Ziel dieser Förderung soll es nach Musolfs Worten sein, „im Schulterschluss mit den Städten und Gemeinden gute Rahmenbedingungen für eine langfristige, wohnortnahe Sicherung der ärztlichen Versorgung zu schaffen“. Anträge auf eine Förderung können die Kommunen ab sofort beim Gesundheitsamt des Kreises einreichen – das MVZ muss sich dafür bereits in der Gründungsphase befinden.
Die laufenden Bemühungen des Kreises zur Gewinnung von Medizinern zeigen erste bescheidene Erfolge: Dem allgemeinmedizinischen Weiterbildungsverbund, der im vergangenen Dezember gegründet wurde, sind neben sämtlichen Kliniken im Kreis inzwischen 15 Hausarztpraxen und eine Facharztpraxis angeschlossen, informiert der Landrat. Sieben Jungmediziner haben sich zur Ausbildung eingeschrieben.
Das im vergangenen November beschlossene Stipendium für angehende Allgemeinmediziner, die sich damit zu einer Niederlassung im Kreis verpflichten, kommt hingegen nicht in Fahrt. „Trotz intensiver Anstrengungen konnte bislang noch kein Stipendium vergeben werden“, räumt Musolf ein. Dennoch ist er zuversichtlich, dass sich dies ändern wird. „Es braucht seine Zeit.“