In Berlin grassieren die Masern, ein Kleinkind ist daran sogar verstorben. Die meisten Mediziner sagen, mit Impfungen im frühen Kindesalter ließe sich eine Erkrankung vermeiden. In Baden-Württemberg gibt es aber vergleichsweise viele Impfskeptiker.

Stuttgart - Baden-Württemberg ist – bisher – von einer größeren Masernwelle verschont geblieben. Im Vergleich zu den 450 Fällen, die in Berlin seit Jahresbeginn gemeldet wurden und wo ein Kleinkind an der Krankheit gestorben ist, sind die im Südwesten bis Dienstag verzeichneten acht Erkrankungen und ein noch zu klärender Verdachtsfall noch nicht beunruhigend. 2011 war die Lage bei 524 Erkrankungen anders. Das war der Rekordwert der Masernfälle im Land, seit die Krankheit 2001 meldepflichtig wurde.

 

Sorgen macht man sich in den Gesundheitsbehörden aber gleichwohl. Das liegt an der im Südwesten überdurchschnittlich verbreiteten Impfabneigung. 88,8 Prozent der Kinder bis zu fünf Jahren waren bei ihrer Einschulung im Schuljahr 2013/2014 zweimal gegen Masern geimpft, wie das Landesgesundheitsamt mitteilt. Das ist ein unterdurchschnittlicher Wert. Bundesweit liegt die Quote bei 92,4 Prozent. „Impfmüdigkeit bei Masern ist äußerst bedenklich,“ sagt der Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl (FDP); zu seiner Behörde gehört auch das Landesgesundheitsamt. „Ich appelliere an alle Eltern, das Thema äußerst ernst zu nehmen“, sagte Schmalzl.

Zwei Impfungen nötig

Die Impfempfehlung besagt, Kinder zweimal gegen Masern impfen zu lassen. Das erste Mal im elften bis 14. Lebensmonat, sodann kurz vor Vollendung des zweiten Lebensjahres. Die zweite Impfung ist dabei keine Auffrischung. Vielmehr soll sie die Lücke schließen, für den Fall, dass die erste Injektion nicht anschlägt. Wer die Impfung versäumt, solle sie bis zum 17. Lebensjahr nachholen, so die Empfehlung. Die aktuell registrierten Fälle betreffen Erwachsene im Alter von 21 und 38 Jahren sowie einen acht Monate alten Säugling.

Gerade mit der zweiten Impfung hapert es – besonders in dem von den Medizinern empfohlenen frühen Alter. Eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) besagt, dass 2010 nur 62 Prozent der Kinder bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahres eine Zweitimpfung haben. Die Impfskepsis ist regional unterschiedlich ausgeprägt. Bayern bildet bundesweit das Schlusslicht. Baden-Württemberg ist etwas besser, aber nur 57,7 Prozent der Zweijährigen hatten hier laut ZI-Studie ihre Zweitimpfung. Die Zahlen stammen aus den vertragsärztlichen Abrechnungsdaten; sie können tatsächlich etwas höher sein, da der eine oder andere Patient die Impfung selbst bezahlt.

Skeptische Naturheilkundler

Auch innerhalb des Landes gibt es erhebliche Unterschiede. 2010 war der Landkreis Lörrach mit einer Quote von 69,8 Prozent zweitgeimpfter Zweijähriger der impffleißigste im Land.

Im Landkreis Rottweil lag die Quote bei 41,3 Prozent. Eine Erklärung für die Zurückhaltung haben die Forscher auch: Kinder „aus Familien mit einem hohen sozioökonomischen Status“ würden „signifikant seltener gegen Masern geimpft“, heißt es in der ZI-Studie. In dieser Bevölkerungsgruppe seien die Impfskeptiker am stärksten vertreten.

Auch der Kinderarzt beeinflusse in hohem Maße die Entscheidung der Eltern. „Sind Heilpraktiker oder Naturheilkundler an der Impfentscheidung beteiligt, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer frühzeitigen Masernimpfung um 50 Prozent, wobei Kinder, deren Eltern grundsätzlich bei Homöopathen Rat suchen, zusätzlich geringere Chancen haben, (frühzeitig) gegen Masern geimpft zu werden“, stellen die ZI-Autoren fest.