Jürgen Thomas hilft Menschen mit dem Messie-Syndrom. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle
Seit gut 20 Jahren verbringt Jürgen Thomas seine Tage in den Wohnungen von Menschen, denen die Dinge längst über den Kopf gewachsen sind. Wie hilft er ihnen?
Heute ist das Schlafzimmer dran. Kim kniet auf einer kleinen freigeräumten Fläche neben dem deckenhohen Gebirge aus Müll, Klamotten, Plastikkisten, Alltagskram. Zusammen mit Jürgen Thomas und Josiah Dengler untersucht er einen kleinen Haufen, der wie Geröll daneben liegt: Buntstifte mischen sich mit Schokoriegelpapieren, einer Mütze, Socken, Pappeschnipseln, ungeöffneten Briefen, einer Ovomaltinepackung, leeren Glasflasche, einzelnen Pflastern, so vielen Pflastern, die mal in ein Apothekerschränkchen sollten, für das längst kein Platz an der Wand mehr war.
Die Männer arbeiten konzentriert und zügig, arbeiten Häuflein um Häuflein ab. Trennen Papier-, Glas-, Plastik- und Restmüll. Kurze Zurufe genügen: „Ablaufdatum 1.7. 2025“ – „Die Flasche kann ich vielleicht noch mal brauchen.“ – „Des isch Werbung“ – „Kann weg.“ – „Ein originalverpacktes Hemd!“ – „Gibsch du mir noch einen Müllbeutel?“ Zusammen mit den Fegegeräuschen des Besens, scheppernden Dosen im gelben Sack und dem Ratschratsch zerkleinerter Pappe verweben sie sich zur Begleitmelodie eines aus den Fugen geratenen Lebens, dem wieder eine äußere Ordnung gegeben werden soll.
Linderung für das Messie-Syndrom
Hera heißt der Dienst der Caritas, für den Sozialarbeiter Jürgen Thomas und Werkstudent Josiah Dengler arbeiten, und der seit 1998 Menschen in Stuttgart beim Aufräumen hilft. Menschen wie Kim, denen die Dinge in ihrem Zuhause über den Kopf wachsen. Wobei Aufräumen ein zu harmloses Wort für die existenzielle Dimension dieses Dienstes ist, der die Symptome eines Leidens lindern, aber auch verhindern soll, dass ein Mensch sein Zuhause verliert. Denn kein Vermieter macht so ein Chaos auf Dauer mit.
Im Keller von Hera lagern Dinge aus Messie-Wohnungen, die noch brauchbar sind und an soziale Einrichtungen gespendet werden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Auch Kim hat Angst, dass der Besitzer erfahren könnte, wie es um seine Wohnung in Bad Cannstatt nach drei Jahren steht. Im unbegehbaren Arbeitszimmer stapeln sich kniehoch befüllte und leere Kartons, die durch die Türe in den Flur hineinwuchern. Das Bett im Schlafzimmer liegt unter einem Wust nützlicher und unnützer Dinge begraben, auch im Wohnzimmer beugt sich wild durcheinander, was Kim gekauft und nicht mehr hergegeben hat: Schallplatten, Computer, Spielekonsolen, Bücher, T-Shirts, Küchengeräte, Kabel, alte Zeitungen, Comics, Pizzaschachteln, Saftverpackungen, Tüten, Klebeband, Deo, Pastasauce, vertrocknete Brotkrusten, Masken, Servietten ... Nur auf dem grauen Sofa ist etwas Platz. Hier sieht Kim fern, nachts schläft Kim hier, die Beine angezogen. Weil Kim, 41 Jahre alt, anonym bleiben und sich keinem Geschlecht zuordnen will, soll in diesem Text nur ein geänderter Vorname und kein „er“ oder „sie“ verwendet werden.
Löcher in der Seele
Jürgen Thomas und Josiah Dengler sind seit Februar 2025 ein Mal die Woche bei Kim. Thomas arbeitet seit 23 Jahren für Hera, fünf Tage die Woche verbringt er in Wohnungen wie dieser, morgens und nachmittags, jeweils rund zwei Stunden, nicht immer ist der Haldengeruch so dezent wie in Kims Wohnung. Vermieter, soziale Dienste, Betroffene selbst, deren Nachbarn, Freunde, Verwandte wenden sich an ihn und seine Kollegen. Die Zahl der Anfragen steigt, zu den 1,6 Hera-Stellen soll nun eine weitere hinzukommen. Jürgen Thomas bietet mittlerweile auch Abendtermine an.
Die Corona-Pandemie, in der Menschen vereinsamten, die soziale Kontrolle eine Pause machte, wirke nach, sagt er. In Krisenzeiten wie diesen würden sich Menschen „bevorraten“. Klienten erzählen ihm außerdem vom Weltkrieg, als die Familien alles verloren. Oder von lieblosen Kindheiten. Die Psychoanalyse spricht von Löchern in der Seele, die mit Dingen gefüllt werden müssen.
Der nächste Kauf ist nur einen Klick entfernt
Kim leidet an einem komplexen Geflecht an Diagnosen. ADHS und Depressionen gehören dazu. Das Messie-Syndrom ist eine Folge. Das äußere Chaos spiegelt auch Kims Inneres, in dem die Gedanken oft durcheinander, in Kreisen oder Zickzack gehen. Kim sagt: „Ich fühle nicht, dass ich Dinge zwanghaft horte. Ich besitze einfach eine Menge durch impulsives Konsumverhalten.“ Wenn man es so will, materialisiert sich in dieser Wohnung auch jener überbordende Konsum einer globalisierten Welt, in der der nächster Kauf immer nur einen Klick und wenige Euro entfernt ist. Schon ein Durchschnittshaushalt besitzt laut Statistik rund 10.000 Gegenstände, eine Art Nettobilanz von dem, was in Kims Wohnung lagert.
Mitunter sei ihre Arbeit ein Kampf, sagt Jürgen Thomas. Hera heißt „Helfen zum Aufräumen“, Hilfe zur Selbsthilfe ist das Prinzip. Anders als Entrümpler machen die Sozialarbeiter nicht einfach die Wohnungen leer. Sie bleiben mindestens sechs Monate, bei Bedarf auch länger. Jeder Gegenstand wird mit dem Bewohner angesehen, bewertet, in „Bleibt da“ oder „Kommt weg“ kategorisiert. Was noch gut ist, können die Bewohner spenden. Das Hera-Team bringt die Dinge dann zu sozialen Einrichtungen.
Betroffene bekommen Aufgaben von den Helfern
„Mit einigen diskutiere ich über jedes Stück“, sagt Jürgen Thomas. Mancher räumte schon wochenlang manisch mit auf, um den Helfern dann plötzlich nicht mehr die Tür zu öffnen. Andere lassen Jürgen Thomas nicht aus den Augen, er könnte ja heimlich etwas entsorgen. Ziel sei ein „fungibles Wohnumfeld“ – nicht unbedingt den Ansprüchen schwäbischer Reinlichkeit genügend, aber doch wohlfühlwürdig – das auch so bleibt, wenn die Helfer nicht mehr regelmäßig vorbeischauen. Deshalb gibt es Aufgaben von Woche zu Woche. Den frei geräumten Küchentisch leer zu lassen zum Beispiel. Oder die gefüllten Säcke zum Wertstoffhof zu bringen. Nicht jeder hält das aus und durch.
Auch Kim fühlt einen Widerspruch in sich: „Ich weiß, dass ich Hilfe brauche. Aber es ist eher so, dass ich nicht für mich aufräume, sondern für die beiden.“ Kim – von Beruf Itler, mit Systemen von strenger Logik betraut – spricht oft in solchen reflektierten, ein wenig technischen Sätzen, die Distanz schaffen zwischen dem Menschen und dem Chaos um ihn. Kim durchdenkt die Dinge. Im Wohnzimmer liegt ein dickes Buch mit dem Titel „Capitalims – A global history“ – „das interessiert mich sehr“, sagt Kim.
Fernziel: wieder Freunde einladen können
Zusammen haben sie schon einiges geschafft. In der Küche liegt das Geschirr jetzt ordentlich in Plastikkisten gestapelt, auf dem Herd kann Kim wieder kochen. Auch der Boden im Badezimmer ist nicht mehr von Kabeln und Kartons belegt und das Parkett im Flur bereit, von den klebrigen Schlieren gereinigt zu werden. Fernziel bis zum Sommer: Freunde einladen zu können ohne Scham.
Am Ende des heutigen Termins werden sie mit dem Schlafzimmer vorangekommen sein. Ein schmaler Weg führt nun bis zum Fenster, hinter dem sich die hoffnungsgrünen Bäume im Frühlingswind wiegen. „Was machen wir nächstes Mal?“, fragt Jürgen Thomas zum Abschied. „Ich tendiere dazu, das Bett freizulegen“, sagt Kim.
Hera
Zielgruppe Betroffene, aber auch Menschen aus deren Umfeld oder soziale Dienste können sich an das Hera-Team der Caritas Stuttgart wenden. Die Sozialarbeiter helfen beim Entmüllen, Sortieren, Entsorgen und können auch bei Konflikten mit Vermietern oder Nachbarn oder bei der Organisation von Renovierungen helfen. Das Angebot ist Hilfe zur Selbsthilfe und richtet sich an Menschen in Mietobjekten, die sonst perspektivisch von einer Kündigung bedroht sind oder wären. Wichtig: Hera kann nur im Stuttgarter Stadtgebiet tätig werden. In den Landkreisen der Region gibt es ähnliche Angebote von anderen Trägern.
Antrag Ein Antrag muss beim zuständigen Sozialamt gestellt werden. Die Zentrale Fachstelle der Wohnungsnotfallhilfe prüft den Antrag.