Kampf in der Ost-Ukraine Die aufgeschobene Revolution

Von Moritz Gathmann 

Unter dem Motto „russischer Frühling“ demonstrieren seit Tagen Tausende Menschen in der Ostukraine gegen die neue Regierung. Kiew versucht, sich mit den örtlichen Machteliten zu arrangieren. Oligarchen werden zu Gouverneuren ernannt.

Ein Bauzaun und Nachtwachen schützen die Lenin-Statue. Foto: RIA Novosti
Ein Bauzaun und Nachtwachen schützen die Lenin-Statue. Foto: RIA Novosti

Charkow - Aus zwanzig Meter Höhe blickt Wladimir Iljitsch Lenin über den riesigen Freiheitsplatz von Charkow. Dieses Denkmal hat die Emotionen der Charkower bis heute hochgekocht. Über Wochen hatten die Ostukrainer zugeschaut, wie die Maidan-Revolutionäre im Rest des Landes ein Lenin-Denkmal nach dem anderen stürzten. Am Samstag, dem Tag nach der Revolution in Kiew, sollte es auch hier so weit sein. Da ging Alexander Suworow das erste Mal auf die Straße: „Wir sind ein Volk. Wir sollten gemeinsam gegen die korrupten Führer kämpfen, die unser Land unter sich aufgeteilt haben“, sagt der Physiker am Sockel des Denkmals, wo die Kommunistische Partei einen Infostand aufgebaut hat. „Aber warum wollen die Nationalisten die Geschichte zerstören?“

An jenem Tag konnten sie den Sturz des Denkmals abwenden, seitdem ist Suworow auf jeder Demonstration gewesen, zuletzt gegen die Ernennung des neuen Gouverneurs am Mittwoch. Auch er hat gerufen „Rossija, Rossija“. Warum? Suworow antwortet mit einem ukrainischen Sprichwort, und dabei wird die Stimme des Physikers ungewohnt gehässig: „Mit eurem eigenen Speck hauen wir euch auf den Mund.“ Will sagen: die ukrainischen Nationalisten haben die Macht in Kiew usurpiert, dafür rächen wir uns und spielen mit dem Feuer der Abspaltung. „Putin ist für mich kein Besatzer, sondern ein Befreier. Wer soll uns sonst schützen?“

Die Angst vor dem Unbekannten hat Menschen wie Suworow auf die Straßen gebracht. Natürlich haben russische Medien ihre Rolle gespielt. Aber auch die unkluge Politik der Maidan-Führer: Kein Klitschko, kein Tjahnybok, kein Jazenjuk hat sich in den letzten drei Monaten im Osten des Landes blicken lassen, stattdessen erfuhren die Menschen hier von der Abschaffung eines Gesetzes, das den Gebrauch der russischen Sprache ermöglichte.

Polizeikräfte müssen die Regionalverwaltung schützen. Foto: ITAR-TASS

Charkow ist mit knapp zwei Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Ukraine und eines der wichtigsten Industriezentren des Landes. Zehntausende arbeiten hier in riesigen Fabriken, die zu Sowjetzeiten der Stolz des Landes waren und auch heute noch Turbinen, Traktoren, Panzer und Motoren produzieren – und den größten Teil davon nach Russland liefern. Charkow ist auch deshalb die vielleicht russischste Stadt der Ukraine. Auf der Straße hört man praktisch ausschließlich die russische Sprache. Und Russland fördert hier seit Jahren separatistische Kräfte: Der Nachbar finanziert prorussische Organisationen und Kongresse, zu denen Mitglieder der Staatsduma anreisen.

Seit Anfang März rollt eine gegen die neue Kiewer Regierung gerichtete Demonstrationswelle über Charkow und die anderen ostukrainischen Großstädte. Unter dem Motto „russischer Frühling“ demonstrieren Zehntausende Menschen, schwenken russische Flaggen, schimpfen auf die Faschisten, die in Kiew angeblich die Macht übernommen haben. Auch Tausende russischer Demonstranten nahmen daran teil: Nach Charkow etwa kamen Busse aus der eine knappe Autostunde entfernten russischen Stadt Belgorod. Es stellt sich die Frage: Wer hat die Macht im Land?

Viel Einfluss in Charkow hat noch immer Gennadij Kernes. Der 54-Jährige ist seit 2010 Bürgermeister der Stadt, gemeinsam mit dem eben geschassten Gouverneur kontrollierte er die Region. „Die Menschen in Charkow fühlen sich sicher, die Situation ist stabil“, erklärt er in seinem Arbeitszimmer. An der Wand hängen Gobelins mit Darstellungen der Stadtgeschichte, auf dem Beistelltisch neben Kernes ächzt ein eiserner Atlas unter dem Gewicht der Erdkugel. Kernes trägt einen eleganten Anzug und eine schwarze Designerbrille, aber er ist unrasiert, sieht müde aus. Die letzten Wochen waren für Kernes, der die Demonstranten in Kiew als Verrückte und Schwuchteln beschimpfte, schwierig.

Maidan-Aktivisten tragen die Fotos getöteter Demonstranten durch die Straßen. Foto: AA

Am Tag der Revolution in Kiew spielten sich in Charkow dramatische Szenen ab: Hier hatte sich im Februar die gegen den Maidan gerichtete „Ukrainische Front“ gegründet, nun versammelten sich im Sportpalast Tausende Abgeordnete der südlichen und östlichen Regionen, und Beobachter erwarteten einen gegen Kiew gerichteten Schlag. Schlimmstenfalls eine Abspaltungserklärung. Janukowitsch hatte nach seiner Flucht aus Kiew in einer Residenz bei Charkow übernachtet. Würde er auftreten? Auf die Straßen stürmten weit über zehntausend Unterstützer des Maidan, bereit, den Kongress der Separatisten zu stürmen. Doch die Blase zerplatzte: Kein Janukowitsch, keine Erklärung, stattdessen flohen die Ver treter des alten Regimes, Bürgermeister Kernes und der von ihm unterstützte Gouverneur Michail Dobkin über die Grenze nach Russland, Janukowitsch auf die Krim. Zu guter Letzt wurde die in Charkow inhaftierte Julia Timoschenko eilig aus dem Gefängnis geholt und nach Kiew gebracht.

Ende Februar zog sich die Schlinge um Kernes’ Hals weiter zu: Neben Janukowitsch standen auch die Namen Kernes und Dobkin auf der Liste, deren Konten die Schweizer Bankaufsichtsbehörde einfror. „Ich spüre, dass um mich gearbeitet wird, dass Fallen gestellt werden“, erklärt Kernes. „Aber ich erkläre: Jener ist ein guter Sieger, der seinen Feind zum Freund macht.“

In den Nachbarregionen führte der „russische Frühling“ zu ernsten Konflikten: In Donezk hatte sich der junge prorussische Aktivist Pavel Gubarjow auf einer Demonstration am 1. März zum „Volksgouverneur“ erklären lassen und zusammen mit anderen Aktivisten die Gebietsverwaltung besetzt. Insbesondere wehrten sich die Demonstranten gegen die Ernennung des Multimillionärs Sergej Taruta zum neuen Gouverneur. Erst am Mittwoch konnte sich die Zentralregierung durchsetzen: Gubarjow wurde vom ukrainischen Geheimdienst festgenommen, die besetzten Gebäude befreit. Auch im benachbarten Dnepropetrowsk verlässt sich die neue Regierung auf die Macht der Oligarchen: Der neue Gouverneur Igor Kolomojskij ist mit drei Milliarden Dollar der zweitreichste Ukrainer.

Was den einen Lenin, ist den anderen der Nationaldichter Schewtschenko. Foto: AA

Kernes musste die Absetzung „seines“ Gouverneurs hinnehmen, aber mit Hilfe des „russischen Frühlings“ scheint er sich gefangen zu haben. Vor einer Woche zeigte er seine Macht: Da sprach er vor einer Demonstration mit mehreren Tausend Menschen, nach deren Ende einige Hundert Männer den noch immer von den Maidan-Protestlern besetzten Gouverneurspalast stürmten. Die Aktion endete damit, dass einige Dutzend Protestler auf dem Vorplatz auf die Knie gehen mussten, dass auf der Verwaltung die russische Flagge gehisst wurde: ein Warnschuss von Kernes an die neuen Machthaber. So geht es auch! Dann zogen die prorussischen Kräfte wieder ab – ein Zeichen, dass er die Situation kontrolliert.

Der Charkower Journalist Surab Alasania glaubt, dass es ein Stillhalteabkommen zwischen Kernes und den neuen Machthabern gibt: Kernes unterbindet Konflikte wie in Donezk, dafür gibt es kein Strafverfahren gegen ihn – zumindest bis zu den nächsten Bürgermeisterwahlen. Gründe für Ermittlungen gäbe es laut Alasania genug. Charkow sei über die letzten Jahre die „Geldwaschmaschine“ Janukowitschs gewesen, jede Woche seien Lieferwagen voll mit Bargeld nach Kiew gefahren, um das gewaschene Geld in der Präsidialverwaltung abzuliefern. Aber noch sitzt die neue Regierung in Kiew nicht fest im Sattel. „Kernes könnte einen Aufstand organisieren. Er ist populär im Volk“, sagt Alasania.

Der gemeinsame Nenner der Vertreter der alten und der neuen Regierung in Kiew scheint vorerst die Verurteilung separatistischer Kräfte zu sein: „Charkow ist eine Grenzstadt, aber Charkow ist eine ukrainische Stadt“, beteuert auch Kernes.

Manche hoffen auf Putin. Foto: AA

Seit Sonntag sitzt einer der Kiewer Sieger als Gouverneur in Charkow, ein paar Hundert Meter entfernt vom Rathaus. Dass aus ihm und Kernes Freunde werden könnten, ist unwahrscheinlich: An Igor Baluta selbst, einem eher farblosen Apparatschik, wäre nichts auszusetzen. Aber der Mann entstammt der Mannschaft von Arsen Awakow, Gouverneur von Charkow bis 2010, jetzt zum Innenminister aufgestiegen und Intimfeind von Kernes und Dobkin. Awakow war am Sonntag nach Charkow gekommen, um Baluta vorzustellen – Kernes hat die Amtseinführung ignoriert und vermeidet ein Treffen. Kernes verschränkt die Arme und kneift die Augen zusammen, wenn er auf Baluta angesprochen wird: „Ich kenne diesen Menschen. Ich werde seine Arbeit nicht behindern. Aber wenn er sich mit Rache beschäftigen wird, dann werden wir sehen.“

Seine erste Prüfung hat Baluta bestanden. Am Mittwochabend hatten sich an die zweitausend Demonstranten vor der Gebietsverwaltung versammelt, brüllten „Referendum“ und „Russland“. Baluta, geschützt von einigen Hundertschaften Polizei, lud kurzerhand einige Vertreter der Demonstranten zu Verhandlungen ein, erklärte ihnen, dass Referenden nicht in seiner Kompetenz lägen – und nahm den Demonstranten die Luft aus den Segeln.

Baluta hat am Freitag zu einer dreitägigen Demonstrationspause aufgerufen. Aber weder die „Euromaidan-Demonstranten“, die sich noch immer jeden Abend am Denkmal des Nationaldichters Taras Schewtschenko versammeln und „Putin kaputt“ rufen, noch die Gegenseite wollen sich daran halten. Doch Ernsthaftes befürchtet niemand in den nächsten Tagen: Am 8. März wird in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion der Frauentag begangen, das heißt auch in Charkow trinken, feiern und die Frauen mit Geschenken und Blumen überhäufen. In einem Irish Pub am Lenin-Denkmal ist schon Freitagnachmittag kein nüchterner Mensch mehr zu finden. Ja, es gibt in der Ukraine auch noch ein Leben abseits von Putin, Krim und den Sorgen wegen der ukrainischen Nationalisten.