Stuttgart - Der öffentliche Dienst von Bund und Kommunen hat es im vorigen Herbst in Angriff genommen, aber auch Industriebranchen wie Textil oder Stahl gleichen die Arbeitszeiten in Ost und West an. In der Metall- und Elektroindustrie hingegen arbeiten die Menschen in den alten Ländern weiter 35 Wochenstunden – in den neuen Ländern 38. Gesellschaftspolitisch ist das höchst fragwürdig – gut drei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung leuchtet die Ungleichbehandlung nicht mehr ein. Trotz einer schleichenden Annäherung wird die generelle Spaltung am Arbeitsmarkt noch etliche Jahre anhalten. Die Wochenarbeitszeit ist da das markanteste Symbol.
Denkbar schlechten Zeitpunkt ausgesucht
Der Unterschied ist ein Spiegelbild der Kräfteverhältnisse: Die Gewerkschaft ist im Osten zu schwach, um die Gleichwertigkeit der Arbeitsverhältnisse zu erzwingen. Wenn die IG Metall gerade jetzt eine Angleichung durchsetzen will, hat sie sich einen denkbar schlechten Zeitpunkt ausgesucht: In der Pandemie fällt ihr die Mobilisierung schwerer als sonst, und der Strukturwandel setzt die Industrie unter Dauerdruck. Etliche Firmen verlagern lieber Standorte oder bauen Personal ab, anstatt sich den Mühen einer sozial verträglichen Transformation zu unterziehen.
Weil es sich bei den ostdeutschen Betrieben vielfach um verlängerte Werkbänke südwestdeutscher Unternehmen handelt, ist das Interesse am Erhalt des Status quo in der baden-württembergischen Wirtschaft besonders groß. Der Dachverband Gesamtmetall kommt seiner Klammerfunktion zwischen den Arbeitgeberverbänden an der Stelle längst nicht mehr in nötigem Maße nach.
Was ist gewerkschaftliche Solidarität wert?
Dass die IG Metall nun in den Betrieben, wo sie sich stark genug fühlt, notgedrungen in den Konflikt gehen will, ist die logische Konsequenz der verfahrenen Lage. Ohne eine Unterstützung aus dem (Süd-)Westen wird sie aber selbst dort keinen Erfolg haben. Was ist die Solidarität wert, die sich die Gewerkschaft stets auf die Fahne schreibt? Zweifel bleiben. So wie sie in der Vergangenheit größtes Interesse an der Steigerung ihrer eigenen Einkommen hatten, so sind die Belegschaften in Baden-Württemberg heute froh, wenn sie ihre eigenen Arbeitsplätze sichern können. Mehr als wenige symbolhafte Aktionen sind da kaum zu erwarten.