Kampf um Pflegekräfte Ludwigsburger Klinikchef wirft Stuttgart Foulspiel vor

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Mit Prämien bis zu 500 Euro will die Landeshauptstadt Pflegekräfte anlocken. Der Geschäftsführer der regionalen Kliniken-Holding Jörg Martin schimpft – und lässt auch an Gesundheitsminister Jens Spahn kein gutes Haar.

Pflegekräfte werden händeringend gesucht – der Wettbewerb im Großraum Stuttgart wird immer härter. Foto: dpa
Pflegekräfte werden händeringend gesucht – der Wettbewerb im Großraum Stuttgart wird immer härter. Foto: dpa

Ludwigsburg - Seit sechs Jahren steht Jörg Martin an der Spitze des größten Klinikverbundes im Land. Neun Krankenhäuser, 9000 Beschäftigte und 330 000 Patienten im Jahr unterstehen ihm als Geschäftsführer des regionalen Klinikverbundes. Der 62-jährige Manager hat seit dem Amtsantritt kräftig umgebaut, Standorte wie Marbach geschlossen und in diesem Jahr sogar eine halbe Million Euro Gewinn erwirtschaftet.

Doch wenn es um den Mangel an Pflegekräften und der schwierigen Suche nach diesen geht, gerät er in Rage. Dass die Stuttgarter Kliniken bis zu 500 Euro Prämie für Pflegekräfte zahlen, ärgert ihn. „Das widerspricht den Absprachen der Kliniken im Großraum Stuttgart“, sagt er. Auch die Begründung kann er nicht verstehen, wonach das Klinikum der Landeshauptstadt der einzige Maximalversorger und das größte in Baden-Württemberg sei: „Wir sind ebenfalls Maximalversorger und der größte Anbieter im Land.“ Dementsprechend angespannt sei das Verhältnis zu den Stuttgarter Kollegen. Immerhin sagt Jörg Martin: „Wir grüßen uns noch.“

Kommunale Kliniken unter Druck

Die Kliniken stehen dadurch noch mehr unter Druck. Der Wettbewerb um Fachkräfte wird mit harten Bandagen ausgetragen. Zwar steuert man mit einer eignen Pflege-Hochschule entgegen, die bereits den ersten Bachelor-Jahrgang starten lässt.

Doch aus Berlin kommen neue Gesetze des Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) wie das für eine Personaluntergrenze oder für 13 000 neue Pflegekräfte, von denen Martin wenig hält. „Das klingt populistisch gut, funktioniert aber vor Ort nicht“, meint der Klinikverbundschef. Denn es gebe schlicht zu wenig Fachpersonal. Keine einzige der versprochenen Stellen sei geschaffen worden. Das Gesetz schreibe zwar eine Pflegekraft pro zehn Patienten vor – streiche aber die Finanzierung der Hilfskräfte auf den Stationen.

RKH-Chef Martin: Jens Spahn soll Verteidigungsminister werden

Das macht bis zu fünf Personen aus, deren Arbeit künftig von den Pflegern mit erledigt werden soll, von der Logistik bis zum Sekretariat. „Andere Kliniken streichen diese Stellen bereits, wir nicht“, kündigt der Geschäftsführer an, „denn das Gesetz wird nicht umgesetzt werden. Und dann brauchen wir unsere Leute.“

Eine Botschaft sendet Martin an den Politiker Spahn, der schon als Nachfolger der möglichen EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen im Verteidigungsressort gehandelt wird: „Ich wünsche ihm, dass er Karriere auf der Bonner Hardthöhe macht. Er kennt die Realität nicht.“

Ansonsten sind die Zahlen aber erfreulich: Dank einer Steuerrückzahlung macht die Kliniken-Holding 2018 gut 500 000 Euro Gewinn, ohne diese läge das Minus bei 1,6 Millionen Euro. Nach wie vor sind die Standorte Marbach mit 1,8 Millionen und Vaihingen mit 300 000 Euro die Verlustbringer, doch allein der nächstes Jahr geplante Abzug der inneren Abteilung aus Marbach soll Abhilfe schaffen. Ab Herbst soll ein Masterplan für die gesamte Holding bis 2025 erstellt werden – bis dahin werden 330 Millionen Euro investiert.

Das Ziel: Nicht wie Nokia werden

Jörg Martin zieht einen Vergleich zur Digitalwirtschaft: „Wir dürfen nicht wie Nokia werden.“ Der finnische Handyhersteller war einst Marktführer, jetzt produziert er keine Mobiltelefone mehr. Deswegen wird kooperiert, digitalisiert und modernisiert. Am Standort Bretten sollen Patienten ein iPad bekommen, auf dem sie fernsehen oder ihre Untersuchungstermine sehen können. In Vaihingen/Enz wird das Simulationszentrum erweitert. Alle Mitarbeiter erhalten Lebensarbeitszeitkonten, auf das sie Urlaubs- und Weihnachtsgeld einzahlen und später mehrere Monate am Stück frei nehmen können.

Für die Standorte Marbach und Vaihingen, vormals eigenständige Kliniken, sind die Visionen noch vage. Vaihingen darf bis 2022 Altersmedizin betreiben, in Marbach ist ein Gesundheitscampus angekündigt. Martin kann sich dort Übergangsplätze zwischen OP und Reha vorstellen.




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