Kampf ums Kanzleramt Die Wahl der ramponierten Kandidaten

Die Mehrheit der Deutschen hält keinen der drei Kanzlerkandidaten für geeignet. Foto: dpa/Oliver Ziebe
Die Mehrheit der Deutschen hält keinen der drei Kanzlerkandidaten für geeignet. Foto: dpa/Oliver Ziebe

Acht Wochen vor der Wahl ist die Mehrheit der Deutschen einig, wer ins Kanzleramt soll: keiner der Bewerber. Die Kandidaten vergeben eine Gestaltungschance, die so noch nie da war, meint unsere Kolumnistin Katja Bauer.

Korrespondenten: Katja Bauer (tja)
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Berlin - Neulich hat der CSU-Generalsekretär Markus Blume einen Satz gesagt, der irgendwie bedrohlich klang. Im Prinzip sei diesmal jeden Sonntag Wahlsonntag, meinte er. Blume bezog sich auf die erwartete Steigerung von Wahlberechtigten, die ihre Stimmen per Briefwahl abgeben.

Aber wer weiß, ob es so kommt, oder ob nicht viele Wählerinnen und Wähler mit ihrer Stimmabgabe so lang wie auch nur irgend möglich warten werden. Denn angesichts der Umfrageergebnisse ahnt man, wie schwer vielen Deutschen zur Zeit die Entscheidung darüber fallen würde, wo sie ihr Kreuz machen.

Keiner ist besser als alle drei

Eins zumindest haben die Kandidatin und die beiden Kandidaten fürs Kanzleramt gemeinsam: Die Mehrheit der Wahlberechtigten hält keinen von ihnen für geeignet, die Nachfolge von Langzeitchefin Angela Merkel anzutreten. Acht Wochen vor der Wahl stehen die Parteien mit Bewerbern im Rennen, die allesamt ramponiert wirken.

Eine kurze Liebelei

Selbst überzeugten Anhängern der Grünen muss das kurze Gefühl einer Wechselstimmung mithilfe ihrer Hoffnungsträgerin Annalena Baerbock nun vorkommen wie eine flüchtige, frühsommerliche Liebelei. Die Kandidatin büßte mit ihrer Pannenserie nicht nur viel an Glaubwürdigkeit ein, sondern vor allem an Souveränität und Kraft. Sie wirkt nun bei ihren Auftritten wie im Zaum gehalten, vorsichtig, fast ängstlich. Für einen grundstürzenden politischen Wechsel – und nichts anderes wäre eine grüne Kanzlerin – ist das die falsche Voraussetzung.

Die SPD macht es Wählern nicht leicht

In schon fast rührender Manier weist die SPD darauf hin, dass ihr Kandidat Olaf Scholz in der persönlichen Wählergunst aufholt. Stimmt, der spröde Finanzminister ist in den persönlichen Beliebtheitswerten nun am eigentlich ausgemachten „Favoriten“ Armin Laschet vorbeigezogen. Aber seine Partei liegt noch immer auf Platz drei hinter den Grünen. Und sie trägt den Grund dafür in sich. Denn obwohl die SPD mitregiert, ist sie seit der Wahl ihres Spitzenduos die Ausstrahlung nicht losgeworden, im Zweifelsfall lieber nicht mitregieren zu wollen, schon gar nicht als Juniorpartner. Nach den Erfahrungen der letzten Regierungsbildung fragen sich deshalb vermutlich nicht wenige Wähler diesmal, ob sie nicht von vornherein für eine Oppositionspartei entscheiden.

Laschets Absturz

Laschet könnte also eigentlich leichteres Spiel haben. Das Gegenteil ist der Fall. Er erlebt derzeit einen Absturz in den Umfragen. Welchen Anteil jene Szene des unpassenden Lachens mitten im Hochwassergebiet hatte, wird niemand mit Sicherheit sagen können. Fiele ein so kurzer Moment stark ins Gewicht, wäre das ungerecht.

Andererseits kann eine solche Szene nur dann überhaupt entsprechende Wirkung entfalten, wenn sie sich in ein größeres Bild fügt: Das eines Mannes, der es sich im Wahlkampf leistet, nicht so gut wie möglich deutlich zu machen, welchen Plan er für dieses Land hat. Laschet hält das für die beste Strategie, weil Merkel mit der Magie des Ungefähren lange erfolgreich war. Aber dafür ist jetzt der falsche Zeitpunkt.

Alle vergeben eine Chance

So vergibt jeder einzelne der Kandidaten in diesen Wochen auf seine Weise eine Chance, die in der Republik noch nie da war.

Denn zum einen gibt es erstmals keinen Amtsinhaber – in dem Fall eine Amtsinhaberin – der oder die ihren Bonus ausspielen kann. Zum anderen ermöglichen Krisen manchmal einen klareren Blick. Und die Pandemie als Superkrise und aktuell auch das Hochwasser zeigen sehr deutlich, wo dringend politischer Handlungs-, Reform- und Modernisierungsbedarf besteht.

In einer Zeit, in der die traditionellen Bindungskräfte der Parteien schwinden, bestünde für Kandidaten die Chance, mit einer inhaltlichen Debatte Unentschlossene zu gewinnen und vielleicht auch Wähler aus anderen Lagern zu lösen. Die Zeit dafür wird immer knapper.

In der nächsten Woche lesen Sie eine Kolumne von Sibylle Krause-Burger.




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