Leonberger kämpft sich zurück Verzweiflung nach Schlaganfall: „Auf den Anblick hat uns keiner vorbereitet“

, aktualisiert am 07.04.2026 - 15:37 Uhr
Nach einem monatelangen Klinikaufenthalt ist Uwe Frühwald seit Februar wieder zuhause in Leonberg-Warmbronn. Foto: Simon Granville

Ein Busfahrer aus Leonberg fällt nach einem Schlaganfall ins Koma, seine Familie ist in größter Sorge. Ein Schockmoment auf der Intensivstation lässt sie das Schlimmste befürchten.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Als Uwe Frühwald am 29. August 2025 in den Tag startet, ahnt er nicht, dass bald ein Schicksalsschlag sein bisheriges Leben zerstört. Er, passionierter Busfahrer aus dem Leonberger Teilort Warmbronn und viel unterwegs, hatte Urlaub und ging gerade noch seiner zweiten Leidenschaft nach. „Ich habe Brot im Keller gebacken“, erzählt Uwe Frühwald. Dass mit ihm etwas nicht stimmte, bemerkte die Tochter. „Papa, dein Mundwinkel hängt“, sagte sie.

 

Zunächst wurde der 58-Jährige in Sindelfingen im Schlaganfallzentrum behandelt. In der Nacht verschlechterte sich sein Zustand, er kam nach Stuttgart auf die Intensivstation des Katharinenhospitals. „Auf den Anblick hat uns keiner vorbereitet“, sagt die Ehefrau Anette Frühwald: Geräte und Schläuche hielten ihren Mann am Leben. Er sei künstlich beatmet als auch ernährt worden. In seinem Gehirn seien „lauter Embolien“ gewesen, verstopfte Blutgefäße.

Der Schlaganfall von Uwe Frühwald reißt die Familie aus Warmbronn mitten aus dem Leben

Die Prognose der Ärzte erschütterte Anette Frühwald. „Sie sagten, sollte er wieder aufwachen, sei er halbseitig gelähmt, könne nicht schlucken und nicht sprechen. Das war ein Schock.“ Diese Zeit erlebte die 58-Jährige wie in Trance. Die Bedeutung, das Ausmaß dessen, was die Ärzte ihr über den Zustand ihres Mannes mitteilten, sei ihr erst später bewusst geworden. Und was bis dato kaum ein Thema zwischen den Eheleuten war, war nun präsenter denn je.

Auf der Satellitenstation der Kliniken Schmieder in Stuttgart liegen Patienten mit schwersten neurologischen Erkrankungen. Foto: Kliniken Schmieder

Der Schlaganfall reißt die Familie mitten aus dem Leben. Auf einen solchen Schicksalsschlag war sie nicht vorbereitet. So gab es auch keine Patientenverfügung. „Es stürzt alles auf einmal ein. Ich wusste nur, dass mein Mann kein Pflegefall hätte werden wollen“, sagt Anette Frühwald. Sie habe über Leben und Tod entscheiden sollen, sich über die Beerdigung ihres Mannes Gedanken gemacht. Doch es kam anders.

Nach einigen Tagen erwachte Uwe Frühwald. „Er hat reagiert, und langsam kam die Sprache zurück. Das rechte Bein funktionierte“, berichtet Anette Frühwald. Es gab Hoffnung. Uwe Frühwald selbst erinnert sich nicht mehr daran, was passierte, nachdem er an jenem Augusttag sein Haus verlassen hatte.

Bald wurde er auf die Satellitenstation der Kliniken Schmieder verlegt. Diese besondere Station für Frührehabilitation im Klinikum Stuttgart will schwerstkranke Schlaganfallpatienten noch besser versorgen. Behandelt werden auch Menschen mit anderen schwersten neurologischen Erkrankungen wie Schädel-Hirn-Trauma und Hirntumoren. Eike-Carsten Rahne, Facharzt für Neurologie, leitet die Satellitenstation mit aktuell 28 Betten. Er spricht von einer einzigartigen Kooperation; die Akutstation – die Stroke Unit des Klinikums – sei mit der direkt angekoppelten Rehastation eng verzahnt. „Die sektorenübergreifende Behandlung hat für die Patientinnen und Patienten viele Vorteile.“

Kurze Wege in Stuttgart sparen wertvolle Zeit nach einem Schlaganfall

Die kurzen Wege in Stuttgart sparen nicht nur Geld für teure Krankentransporte von Intensivstationen zu Rehakliniken – sondern auch wertvolle Zeit: Je früher ein Patient nach der akut- beziehungsweise intensivmedizinischen Versorgung mit der Frühreha beginnt, desto besser sind seine Heilungschancen. Und geht es einem Patienten schlechter, ist er bei Bedarf ruckzuck wieder auf der Intensivstation. Oder in einer der Fachabteilungen wie dem Neurozentrum. Eine weitere Besonderheit der Satellitenstation ist laut Rahne die Möglichkeit, Patienten dort zu beatmen – bis zu acht gleichzeitig.

Wer auf der Satellitenstation liegt, ist auf Pflege angewiesen. Was von nur kurzer Dauer sein soll. Eike-Carsten Rahne sagt: Das Ziel ist, mit dem Patienten zu kommunizieren und ihn aus der liegenden in die sitzende Position, den Rollstuhl, zu bekommen. „Die Frühreha soll zur aktiven Reha befähigen.“ Im Schnitt bleiben die Patienten sechs Wochen auf der Satellitenstation.

„Es war wichtig, dass er aus dem Bett rauskommt“

Uwe Frühwald war dort bis Mitte November. Es sei recht zügig gegangen, da durften sie gemeinsam nach draußen, erzählt seine Frau. „Es war wichtig, dass er aus dem Bett rauskommt.“ Am Anfang waren die Überwachungsgeräte noch ständige Begleiter. „Bloß im Rollstuhl zu sitzen, war furchtbar“, sagt Uwe Frühwald. „Gut schwätzen“ habe er indes immer können.

Eike-Carsten Rahne, Facharzt für Neurologie, leitet die Satellitenstation. Foto: Kliniken Schmieder

Mit dem Rollator zu laufen lernt Uwe Frühwald in den Kliniken Schmieder in Gerlingen in der nächsten Rehaphase. Eine Herausforderung, denn nach Monaten im Bett und Rollstuhl fehlen Muskeln und Kraft. Beides trainiert er nach wie vor. „Auf einmal ging’s mit dem Hochziehen an der Haltestange und dem Hinstehen. Da bin ich richtig glücklich gewesen“, sagt Uwe Frühwald, der auch ohne Rollator immer sicherer läuft. Die rechte Hand, die kann noch nicht so, wie sie soll: Uwe Frühwald muss wieder lernen, sich ein Brötchen zu schmieren oder es zu schneiden. Er schüttelt den Kopf. „Nicht zu fassen, dass man so was verlernen kann.“ Seit Anfang Februar ist er zuhause. Unterstützung erhält das Ehepaar durch die Sozialstation.

„Die Satellitenstation war unser Glück“, sagt Anette Frühwald

Die Satellitenstation „war unser Glück“, sagt Anette Frühwald rückblickend. Ohne den Aufenthalt wäre ihr Mann nie so weit genesen wie jetzt. Der Leiter Eike-Carsten Rahne sieht das genauso: Uwe Frühwald habe „in besonderer Weise“ profitiert. Sektorübergreifendes und internes Teamwork und eine ausgeprägte Interdisziplinarität auf der Satellitenstation sowie später in Gerlingen hätten den Erfolg in der komplexen Schlaganfallbehandlung erheblich mit befördert.

Uwe Frühwald macht täglich Fortschritte. „Keiner weiß, wie weit er kommt“, sagt seine Frau. 20 Tabletten schluckt er jeden Tag, die sollen auch weniger werden. „Ich kämpfe weiter. Den Willen habe ich“, sagt Uwe Frühwald. Er hat sich einiges vorgenommen: Seinem Kumpel wieder in der Landwirtschaft helfen, Schlepper fahren – und backen. „Es tut mir weh, dass vieles nicht mehr geht“, sagt Uwe Frühwald. Am meisten schmerze ihn, dass er wohl nie wieder seinen geliebten Job als Busfahrer ausüben wird.

Schlaganfall kann jeden treffen

Satellitenstation
Die Kliniken Schmieder sind nach eigenen Angaben der größte Anbieter neurologischer Rehabilitation in Baden-Württemberg. Die Satellitenstation für Frührehabilitation öffnete im Oktober 2018 im Klinikum Stuttgart, dem größten Maximalversorger im Land, nachdem durch die Zusammenlegung von Fachabteilungen die Kapazität von 20 Betten geschaffen wurde. Diese übernahmen die Kliniken Schmieder. Auf der Satellitenstation arbeiten unter anderem zwölf Ärzte. Mehr als die Hälfte der Patienten hatte einen Schlaganfall. Sie sind vor allem aus dem Großraum Stuttgart und werden meist direkt von den Intensiv- und Überwachungsstationen im Katharinenhospital übernommen. Etwas mehr als die Hälfte kommt in die nächste Rehaphase.

Schlaganfall
In Deutschland haben jedes Jahr circa 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Das Klinikum Stuttgart versorgt jährlich rund 1600 Betroffene. „Es kann jeden treffen“, sagt der Satellitenstation-Leiter Eike-Carsten Rahne, Jahrgang 1978. Seine Patienten seien 18 bis 97 Jahre alt. Schlaganfälle entstehen, wenn aufgrund von Durchblutungsstörungen im Gehirn Gefäße verstopfen, dann wird das Areal dahinter nicht mehr versorgt. Auch gibt es sogenannte blutige Schlaganfälle etwa durch Hirnblutungen. Ursachen können zum Beispiel Bluthochdruck, Arteriosklerose (Arterienverkalkung) und Diabetes sein. Manchmal so Rahne, bleiben die Gründe für einen Schlaganfall unklar.

Zeit
Bei einem Schlaganfall ist „Zeit Hirn“: Bis zu viereinhalb Stunden nach einem Schlaganfall sei noch etwas zu retten. „Die Prognose verschlechtert sich von Minute zu Minute“, sagt Eike-Carsten Rahne. Einseitige Lähmungen, Sprachstörungen, hängende Mundwinkel und Schwindel können Symptome für einen Schlaganfall sein.

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