Kampfansage an Autofahrer Stuttgarter wollen den Gehweg zurückerobern

Von Martin Haar 

Stuttgart ist eine Autostadt. Der Fußgänger wird hier schnell zur Nebensache. Das will die Bürgerinitiative Fuss e.V ändern und fordert die Unterstützung der Stadt.

Durch diese hohle Gasse muss er kommen: Susanne Jallow (links) und Peter Erben (hinten) demonstrieren die Auswirkungen des Querparkens auf den Fußverkehr Foto: Haar
Durch diese hohle Gasse muss er kommen: Susanne Jallow (links) und Peter Erben (hinten) demonstrieren die Auswirkungen des Querparkens auf den Fußverkehr Foto: Haar

Stuttgart - Wie immer ist alles eine Frage der Perspektive. Wer im Auto sitzt, wird sich über wilde Radfahrer und unachtsame Fußgänger ärgern. Wer als Radfahrer von einem Geländewagen geschnitten wird, wettert gegen diese. Aber sowohl die Autofahrer als auch die Radfahrer hatten in der Vergangenheit starke Interessenvertreter.

Der Fußgänger indes war lange allein auf engem Gehweg. Seit knapp zwei Jahren kämpft jedoch der Fuss e.V. – namentlich Susanne Jallow und Peter Erben – für die Anliegen der Fußgänger und gewinnt immer mehr Profil. „Unsere Einschätzungen als Experten für den Fußverkehr ist immer öfter gefragt“, sagt Peter Erben nicht ohne Stolz und verbindet die Auflistung seiner Beiträge bei Fachveranstaltung mit einer Kampfansage: „Wir wollen den Autofahrern Platz wegnehmen.“ Weniger den angestammten auf der Straße, vielmehr den, der eigentlich den Fußgängern rechtmäßig zustünde: „Nämlich den Gehweg, der früher als sicher galt. Aber die Realität sieht anders aus“, sagt sie und beginnt aufzuzählen: „Die Fünf-Meter-Parkregelungen in den Einmündungen und den Zebrastreifen wird nicht mehr eingehalten. Der sogenannte Parkdruck führt dazu, dass überall geparkt, wo ein Plätzchen frei ist. Und es wird generell zu schnell gefahren.“

Und wenn dann noch der knappe Platz auf den Gehwegen durch legales Parken auf den Streifen der Gehwege, durch das Überstehen der mächtigen Karossen der SUVs beim Querparken oder durch einen städtischen Parkscheinautomat zusätzlich begrenzt werde, „dann passt an vielen Stellen kein Kinderwagen mehr durch“, so Jallow.

Anwälte der Schwachen

Erben und Jallow verstehen sich als „Anwälte der Schwachen im Verkehr“. Damit meinen sie auch Behinderte, Alte und Kinder. Jallow weiß: „Mit dieser Arbeit nerven wir die Stadt, aber schließlich sind wir keine Kooperationspartner.“

Das wird deutlich, wenn die beiden den städtischen Verkehrsentwicklungsplan 2030 (VEK) nach Regeln der Kunst zerpflücken. „Wenn die Stadt ihre eigenen Vorgaben in diesem Plan einhalten würde“, sagt Jallow, „dann wäre die Welt in Ordnung.“ Peter Erben gibt ein paar Beispiele im VEK für angemessene Anforderungen an die Gestaltung des öffentlichen Raumes. Etwa ein engmaschiges, gut dimensioniertes Wegenetz, gute und sichere Querungsanlagen, Barrierefreiheit oder gut nutzbare Wege, Plätze und Stäffele. „Alles hohle Worte“, sagt Erben, „wenn ich mir alleine die Baustellen samt Überwege in der Stadt anschaue, dann stelle ich fest: Der Fußgänger wird in Stuttgart schnell zur Nebensache. Die Infrastruktur des Autoverkehrs wird auf den Gehweg verlagert.“ Soweit die Bestandsaufnahme. Bleibt die Frage: Wie soll sich die Situation für die Fußgänger der Stadt verbessern? „Indem der stehende Verkehr besser und stärker überwacht wird“, antwortet Jallow, „außerdem müssen Verstöße besser überwacht und stärker sanktioniert werden.“ Dazu müsse die Stadt jedoch aufrüsten: „Es bedarf mehr Personal zur Überwachung.“ Denn bisher leiste sich die Stadt nur Schwerpunkt­aktionen, meist auch nur dann, wenn Beschwerden von Bürgern beim Ordnungsamt eingingen.

Mehr Lebensqualität in der Stadt

Dass es im Sinne einer größeren Lebensqualität in der Stadt klappen könne, zeigt laut Erben das Beispiel Augsburg. „Dort hat man sich mehr Personal zur Überwachung geleistet. Dort wird rund um die Uhr überwacht“, sagt er, „in Augsburg hält man sich seitdem weitgehend an die Straßenverkehrsordnung.“

Freilich können auch Susanne Jallow und Peter Erben rechnen. Sie wissen, dass die Umsetzung aller ihrer Forderungen – unter anderem auch die Schaffung der Stelle eines Fußverkehrsbeauftragten – Geld kosten. „Daher fordern wir vom Gemeinderat und der Stadt im Doppelhaushalt 2018/19 mindestens vier Millionen Euro zur Verbesserung des Fußverkehrs ein­zustellen.“

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