Kampfchoreografin aus Ludwigsburg Mal drastisch, mal brutal - Franzy Deutscher lehrt Schauspieler das Prügeln

, aktualisiert am 14.02.2024 - 12:49 Uhr
Schlagbewegungen, bei denen niemand verletzt wird: Diese Kunst beherrscht Franzy Deutscher. Foto: Thilo Mössner

Die Ludwigsburgerin choreografiert Kampfszenen für Film und Theater, hat sogar einen Berufsverband gegründet. Bei ihren Orchestrierungen kann es mitunter auch drastischer zugehen.

Wenn heutzutage auf der Leinwand und im Theater die Fäuste fliegen oder Helden die Waffen mit Bösewichten kreuzen, hat das in der Regel nichts mehr von den oft plump und gestellt wirkenden Duellen früherer Jahre. Die Auseinandersetzungen wirken härter, intensiver, spektakulärer, fließender und manchmal auch tänzerischer – oder brutaler. Die Sequenzen haben sich im Grunde zu einer eigenen Kunstform entwickelt. Zu verdanken ist das auch Spezialisten wie Franzy Deutscher. Die Münchnerin mit Wurzeln in Ludwigsburg ist Kampfchoreografin und Vorsitzende des entsprechenden Berufsverbands, der zudem die Interessen von Intimitätskoordinatorinnen vertritt.

 

An der Schauburg in München aktiv

Die 37-Jährige wird von Opernhäusern, Theatern, Filmschaffenden und Vertretern artverwandter Branchen engagiert, sie arbeitet zudem als Dozentin. Ihre Expertise war beispielsweise bei der Inszenierung von „Richard III.“ in Regensburg gefragt, ein Stück, das für den Deutschen Theaterpreis nominiert war. Zurzeit orchestriert Franzy Deutscher die Kampfeinlagen an der Schauburg in München für das Bühnenwerk „Superheros letzte Schlacht“, das im April uraufgeführt wird und bei dem Deutscher sogar einen Schauspielpart übernimmt.

Kämpfen, ohne sich wehzutun - eine Kunst, die Franzy Deutscher beherrscht. Foto: Thilo Mössner

In der ZDF-Fernseh-Serie „Laim“ um den gleichnamigen Kommissar hat die Ludwigsburgerin ebenfalls Spuren hinterlassen. „Das war ganz spannend. Die wollten studentisches Fechten haben“, sagt die Mutter zweier Kinder. Und der akademische Schlagabtausch unterscheide sich erheblich vom klassischen Gefecht. „Deswegen bin ich zu einer schlagenden Verbindung nach München gegangen, um mir eine Stunde geben zu lassen“, berichtet Deutscher. Einigen strammeren Kommilitonen hat der Besuch einer Frau wohl nicht geschmeckt, gleich fünf Studenten hätten bei ihrem Auftauchen demonstrativ den Raum verlassen, erinnert sie sich lachend zurück.

Keine Explosionen und keine Tiere

Aber unterm Strich war auch diese Episode eine Erfahrung, die sie nicht missen möchte. „Das Spannende an dem Beruf ist, dass ich mir ganz unterschiedliche Sachen draufschaffen muss“, erklärt Deutscher. Für ein Stück tauchte sie in die Welt des Wrestlings ein, machte sich dafür mit den Feinheiten dieses Show-Sports vertraut, bei dem es ruppig zugehen kann und im Ring mitunter sogar echtes Blut fließt.

Das möchte Franzy Deutscher bei ihren Choreografien natürlich vermeiden. Man darf ihren Job auch nicht mit dem einer Stuntfrau oder dem einer Expertin für Spezialeffekte verwechseln. „Ich lasse nichts explodieren, und es darf nichts brennen. Ich mache auch nichts mit Tieren“, betont sie. „Aber jede andere Form von Gewalt mache ich mit der Ausstattung und der Bühnentechnik“, fügt Deutscher hinzu.

Dabei pflegt sie ihre eigene Handschrift. Ihre handgreiflichen Kompositionen muten eher tänzerisch an, sie sollen eine akrobatische Note erhalten. „Es wird häufig mit neuem Zirkus verglichen“, berichtet sie. Ihre Bewegungs- und Tanzpädagogik-Ausbildung, die sie parallel zum Studium der Germanistik und Geschichte in Freiburg absolvierte, dürfte sich hier niederschlagen. Deutscher schätzt zudem die Provokation als künstlerisches Stilmittel, hat gegen drastische Darstellungen von Gewalt nichts einzuwenden. „Je nachdem, was ich gerade mache, ist das schon auch sehr radikal im Sinne von brutal“, sagt sie. Wer Gedärme oder Massen von Blut auf der Bühne sieht, könnte also eine Inszenierung verfolgen, bei der Franzy Deutscher ihre Finger mit im Spiel hatte. Wobei sie sich bei den Einlagen unter anderem am Zielpublikum und der Örtlichkeit orientiert – sowie an dem, was die Gewalt zur Geschichte beitragen kann. Überdies berücksichtigt sie die physischen Fähigkeiten der Schauspielerinnen und versucht, mit den Mimen zusammen die Kampfszenen zu entwickeln.

Angestaubte Einlagen

Zu diesem außergewöhnlichen Beruf kam Deutscher über Umwege. Ans Theater hatte sie früh ihr Herz verloren, sie zog es aber zunächst mehr auf als neben die Bühne. Dann wollte sie ins Regiefach wechseln, das Studium der Theaterwissenschaften in Leipzig war ihr aber zu trocken, weshalb sie parallel an der dortigen Schauspielschule beim Bewegungsunterricht hospitierte und von einer Ikone des szenischen Bühnenfechtens unter die Fittiche genommen wurde. Das war der Funke, der das Feuer endgültig entfachte, nachdem die leidenschaftliche Kampfkünstlerin schon davor viel für den wortwörtlichen Schlagabtausch auf der Bühne übrig hatte, sich allerdings dachte: „Warum hat das so wenig mit der Realität zu tun und sieht so angestaubt aus?“ Das wollte sie den modernen Sehgewohnheiten anpassen.

Seit 2017 firmiert sie offiziell als Kampfchoreografin, gründete den Berufsverband, um die Ausbildung zu vereinheitlichen, Qualitätsstandards zu setzen und sich international zu vernetzen. Klar stellt sie aber auch, dass man die Lust auf dieses Genre und den Sport nicht mit verletzenden Übergriffen verwechseln darf. „Ich mag kämpfen, finde Gewalt aber abstoßend“, sagt sie.

Sportlerin und Verbandsvorsitzende

Studium
Franziska „Franzy“ Deutscher ist in Ludwigsburg aufgewachsen, machte dort 2006 am Mörike-Gymnasium Abitur. Sie studierte Germanistik und Geschichte, außerdem Theaterwissenschaften. In der Jugend reüssierte sie als Karateka, nahm an deutschen Titelkämpfen teil. Die 37-Jährige ist unter anderem auch in der philippinischen Kampfkunst Kali versiert.

Interessen
Die inzwischen in München lebende Deutscher ist Vorsitzende von BIK, dem ersten Verband für Intimitätskoordination und Kampfchoreografie im deutschsprachigen Raum. Intimitätskoordinatoren achten bei der Darstellung von simulierter Intimität kurz gesagt darauf, dass die Interessen der Schauspieler berücksichtigt werden.

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