Kampfsport in Nürtingen Der Capoeira-König aus São Paulo

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Gugu Quilombola gilt als „vollständigster Capoeirista“ der Welt. Der Kampfsport-Trainer arbeitet in der Region Stuttgart und in Brasilien mit Kindern, um deren soziale Fähigkeiten voran zu bringen.

Nürtingen - Brasilien will am 15. Juli in Moskau Fußballweltmeister werden. In einer anderen sportlichen Paradedisziplin der Südamerikaner – Capoeira – hat ein Brasilianer erst vor Kurzem die Krone bereits errungen. Gugu Quilombola, der in Wolfschlugen wohnt und in Nürtingen als Trainer für die Schulsozialarbeit engagiert ist, hat Anfang März in Salvador Bahia den Titel des „vollständigsten Capoeirista der Welt“ geholt. Damit ist der 32-Jährige bei dem vom Sponsor Red Bull ausgetragenen Wettbewerb mit den höchsten Weihen ausgezeichnet worden, die in der Welt des Kampftanzes vergeben werden.

Verantwortung und Gemeinsinn unter Kindern wird gefördert

Eine Kostprobe seines Könnens und seiner Arbeit gibt Gugu Quilombola in der Nürtinger Mörikehalle, wo er als Kursleiter Capoeira und brasilianische Kultur Kinder und Jugendliche anleitet mit dem Ziel, Verantwortung und Gemeinsinn zu fördern. Der Trainer schlägt ein Rad, geht in den Handstand, ein Flic Flac schließt sich an. Athletik, Artistik und Eleganz verschmelzen hier zu einer perfekten Einheit.

Eine Gruppe von Mädchen und Jungen der Klassenstufen 3, 4 und 5 stehen im Kreis um ihn und klatschen in die Hände. Dann macht der Meister mit allen Partnerübungen. Wer gerade nicht dran ist, feuert an. Auf Gemeinschaft wird hier großen Wert gelegt. Dass einige Szenen ein wenig an eine Tanzstunde erinnern, ist kein Zufall. Aus einem Lautsprecher tönen afrobrasilianische Rhythmen, nicht von ungefähr wird die Sportart auch als Kampftanz bezeichnet.

Sklaven haben den Kampftanz nach Brasilien gebracht

Die Nürtinger Schulsozialarbeiterin Katalin Maile ist von dem Capoeira-Kurs, der seit dem vergangenen September an der Mörikeschule läuft, sehr überzeugt. „Wir finden das Projekt unglaublich wichtig“, sagt sie und hofft, dass die Stadt Nürtingen das Vorhaben auch in Zukunft finanziert.

Aus Afrika verschleppte Sklaven haben während der Kolonialzeit ihre Kampfkunst und Tänze nach Brasilien gebracht. Nach und nach wurden Stile kombiniert und Techniken weiterentwickelt. Das Ergebnis ist die Capoeira, wie sie aktuell praktiziert wird. Lange Zeit verboten, ist der Kampftanz in Brasilien äußert populär.

Capoeira befindet sich auf dem Vormarsch

Fast überall – auch in Deutschland – sieht Gugu Quilombola Capoeira auf dem Vormarsch. „Das ist der Sport der Zukunft“, prophezeit der Meister, der als Capoeira-Botschafter um die halbe Welt zu jetten, um mit Workshops für die Sportart in einer breiteren Öffentlichkeit zu werben. USA, Kanada, Asien – vor allem Indonesien, Bali und China – sowie ganz Europa inklusive Russland zählen zu den Zielen. Workshops sind auch in Nürtingen geplant. In der Mörikehalle soll am 13. und 14. Oktober ein möglichst breites Publikum Capoeira und afrobrasilianische Tänze kennenlernen.

Ob Kind oder Senior – Capoeira steht jedem offen. Eine wichtige Zielgruppe sind für Gugu Quilombola allerdings Kinder. Er selbst hat mit sieben Jahren in seiner Geburtsstadt São Paulo mit dem Training angefangen. Mit 17 gründete der Jugendliche, der dort als Joseph Augusto Ribeiro des Souza auf die Welt kam und später den Capoeira-Namen Gugu Quilombola für sich wählte, in der Metropole ein Zentrum für Capoeira und afrobrasilianische Kultur. Ein Schwerpunkt sind Projekte für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen.

Gegenseitiger Respekt ist ein zentraler Wert

Inzwischen unterrichtet Gugu Quilombola Capoeira und afrobrasilianische Kultur zusätzlich in Tübingen – dort hat er seine Frau Helena Kern kennengelernt –, Nürtingen, Göppingen und Böblingen. Mehr als 100 Kinder und Jugendliche, dazu 50 Erwachsene, lernen bei ihm Kraft, Selbstvertrauen und Selbstverteidigung durch die Capoeira mit ihren vielseitigen Elementen aus Kampf, Akrobatik, Rhythmus und Musik. Capoeira ist bei Gugu Quilombola eine Lebenseinstellung. Gemeinschaft, Spiel und gegenseitiger Respekt zählen zu den Werten, die auch im Kommentar des 32-Jährigen nach seinem Titelgewinn mitschwingen: „Ich bin Sieger gemeinsam mit allen meinen Geschwistern. Diese habe ich repräsentiert, auch mein Brasilien und mein Volk. Das ist meine Lektion. Glaubt an die Capoeira!“




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