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Kanada Der fliegende Postbote der Discovery Islands

Briefe, Pakete, Lebensmittel: Rory Neald (rechts) versorgt die Einwohner der Discovery-Inseln mit seinem Wasserflugzeug mit dem Nötigsten. Foto: Müller
Briefe, Pakete, Lebensmittel: Rory Neald (rechts) versorgt die Einwohner der Discovery-Inseln mit seinem Wasserflugzeug mit dem Nötigsten. Foto: Müller

Vor der Westküste Kanadas startet der Postbote im Wasserflugzeug dreimal pro Woche seine Tour auf die umliegenden Inseln. Wer mag, kann ihn begleiten - zu Menschen fernab jeglicher Zivilisation.

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Noch ein aufmunterndes Nicken in Richtung Passagiere, dann gibt Rory Neald Gas. Der Motor seiner kleinen De Havilland Beaver heult auf und schon steigt das rot-weiße Wasserflugzeug vom Fluss des Campbell River in den azurblauen Himmel über Vancouver Island. Rory Neald ist Postbote. Doch statt einer Uniform trägt er lässig Jeans und ein schwarzes Shirt, seine Augen versteckt er hinter einer dunklen Sonnenbrille. Der drahtige Mittzwanziger fliegt Dutzende Kilometer, um die vor Vancouver liegenden Discovery-Inseln mit Briefen und Paketen zu versorgen. Dorthin, wo die Menschen ein Leben fernab der Zivilisation gewählt haben. „Vor allem im Sommer und Herbst bin ich gut gebucht, denn ich bin Postbote, Pilot und Reiseführer zugleich“, sagt er durch das Mikrofon an seinem Kopfhörer. In der 40 Jahre alten Maschine ist es so laut, dass man sich nur so miteinander verständigen kann. Am besten schweigt man und genießt in 300 Meter Flughöhe den atemberaubenden Blick auf eine Inselwelt, die wie eine smaragdgrüne Perlenkette im eisig blauen Wasser an einem vorbeizieht. Die Westküste Kanadas ist rau - Klippen und Steilküsten reihen sich aneinander - und ein riesiges Stück Land, Vancouver-Island, liegt im Meer davor. Dort, wo die Strait of Georgia, eine bis zu 30 Kilometer breite Wasserstraße, in die Discovery-Passage und weiter in die Johnstone-Straße übergeht, haben Gletscher Wasserwege ausgeschliffen, Meerengen geformt und Inseln hinterlassen. „Hier unten liegen die Discovery-Inseln“, sagt Pilot Neald und zeigt dabei auf das kreisrunde Eiland.

Erster Stopp: Read Island

Zum Landeanflug fliegt er eine steile Kurve, dann lässt er die Kufen seines Sechssitzers über das spiegelglatte Wasser gleiten. Read Island heißt der erste Stopp. Mary, die Postmeisterin, wartet schon mit einem breiten Lächeln am langen Holzsteg. Seit zwei Jahren kennen sie sich - damals, als Rory Neald seinen Job als fliegender Briefträger begann. Seitdem hievt er dreimal die Woche graue Postkisten aus seiner alten Propellermaschine und lässt sich neben einem längeren Plausch mit ihr die mitgebrachte Ware quittieren. Die Handvoll Touristen, die mitgeflogen sind, können die drei entlegenen Inseln und ihre Bewohner auf diese Weise ebenso kennenlernen. „Für uns sind Rory und seine Kollegen immer wieder eine willkommene Abwechslung - bringen sie uns doch neben Post und Lebensmitteln auch den neuesten Klatsch mit“, erzählt die große, stämmige Frau und holt dabei zwei Briefsendungen aus Rorys schwerer Postkiste. „Wir versorgen uns, so gut es geht, selbst.“ Zweimal in der Woche findet ein kleiner Markt statt, dann kommen auch die Bewohner der Nachbarinseln, um ihre Ernte aus den Gärten zu verkaufen.

Gerade mal 50 Menschen leben auf Read Island. Es gibt weder Strom noch fließend Wasser, dafür viel Ruhe. Direkt neben dem schmalen Landesteg dümpeln drei Fischerboote. Ein paar Treppenstufen höher steht eine Holzhütte, in der vor wenigen Jahren noch Lebensmittel verkauft wurden, und auf der bewaldeten Anhöhe dieser Insel thronen wie ein Adlerhorst ein paar Häuser, in sattem Flaschengrün.In der Zwischenzeit hat Rory Neald seine Kisten wieder verstaut und mit dem Lächeln eines Buschpiloten geht es weiter durch die Inselwelt. „Es ist ein perfektes Revier für Segeltouren mit viel Wind, aber wenig Wellengang. Denn wie ein schützender Riegel hält Vancouver Island die Wellen draußen - geradezu ideal“, weiß er. Es ist eine spektakuläre Landschaft. „Was sind das für Menschen, die sich im kurzen Sommer auf einer der Discovery-Inseln absetzen lassen, mitten im Nirgendwo, wo es keinen Flughafen, keine Pisten und keine Zivilisation gibt?“, will einer der Touristen wissen. „Es sind keineswegs nur Reiche, sondern vorwiegend Leute wie du und ich“, sagt Neald. Es seien Menschen, die eine Woche, manchmal einen Monat lang einfach allein sein wollen und dann mit Rucksack und Zelt durch die Wildnis ziehen.

Nächste Stopps: West Thurlow und Stuart Island

Aus der Vogelperspektive fällt der Blick der Passagiere auf die Inseln, die von oben wie Regenwälder aussehen, nur mit der Ausnahme, dass sie aus Nadelbäumen bestehen. „Einer dieser Bäume heißt Western Red Cedar (zu Deutsch: Riesen-Lebensbaum, auch Riesen-Thuja) und ist eine Pflanzenart aus der Familie der Zypressengewächse“, scheppert Rorys Stimme metallisch aus dem Kopfhörer. Die Indianer hätten aus dem Holz des Baums ihre Kanus und Totempfähle gebaut. Aus den Wurzeln machten sie Körbe. Nach diesem Gewächs ist auch das Postamt auf der Insel West Thurlow benannt: das Cedar Post Inn.Jenn, eine kleine, schmächtige Frau, wartet bereits am Steg. Vier Generationen von Jenns Familie leben hier - Großeltern, Eltern, sie und ihre Kinder, erzählt sie uns. Hier gibt es bis auf ein paar Häuser, eine kleine Marina und eine Bootstankstelle nur wenig zu entdecken. Die Postkisten werden ausgetauscht, Papierkram unterschrieben, dann fliegt Rory weiter. „Historical Mail Run“ nennt die kleine Frachtgesellschaft CorilAir die Route. Rory, der aus Vancouver Island stammt, nimmt von Campbell River aus Touristen mit auf seine dreistündigen Touren - eine gewinnbringende Einnahmequelle. Und davon gibt es nicht allzu viele hier. Holz ist eines der wichtigsten Exportprodukte der Region. Von oben sieht man die Stämme gefällter Bäume zu Hunderten im Wasser schwimmen. Die hellbraune Farbe hebt sich vom dunklen Wasser ab. Wälder bedecken fast zwei Drittel von British Columbia.

Am 50. Breitengrad landet Neald zum dritten Mal: Stuart Island - Insel der Schönen und Reichen. Der grüne Archipel hat eine 18-Loch-Golfanlage. Versteckt hinter Felsen und zwischen Bäumen leuchten rosafarbene Villen und Luxushotels hervor. In der Bucht liegen blendend weiße Segeljachten vor Anker. John Gordon wartet bereits auf Rory Neald. Das ganze Jahr über kümmert sich der gebürtige Amerikaner in Abwesenheit wohlhabender Hausbesitzer um deren Anwesen. „Niemand hat hier Briefkästen an seinem Haus“, erzählt er. Das Postamt ist über die Mittagszeit zu, deshalb ist er heute zum Steg gekommen. Doch für gewöhnlich holen sich Leute wie Gordon ihre Briefe im Postamt ab und kaufen im angeschlossenen Krämerladen ein. Die betuchte Prominenz dagegen lässt solche Dienste vom hauseigenen Butler erledigen und genießt lieber zurückgezogen am Pool oder auf einer sportlichen Jacht das süße Nichtstun. Auf Stuart Island bleibt man unter sich. Namen? Auf diese Frage schweigen sowohl John Gordon als auch Pilot Rory. „Wieder keine Bücher!“, ärgert sich John Gordon. Dabei hat er die schon vor einer Woche online bestellt. Vieles dauert hier eben ein bisschen länger. Vielleicht am nächsten Freitag, dann geht Postpilot Rory Neald wieder auf Tour.

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