Kanada Mit BHs gegen Sexismus

Von Gerd Braune 

Vor Ottawas Rathaus flattern Büstenhalter im Wind – aus Protest gegen eine sexistische Frage bei einem Bewerbungsgespräch.

Bunt geschmückt: ein Baum vor dem Rathaus von Ottawa Foto: Twitter
Bunt geschmückt: ein Baum vor dem Rathaus von Ottawa Foto: Twitter

Ottawa - Die Bürger Ottawas können sich in diesen Tagen über bunt geschmückte Bäume am Rathaus der kanadischen Hauptstadt freuen. Stoffe in verschiedensten Farben hängen an Ästen. Ein genauerer Blick offenbart jedoch, dass es Bekleidungsstücke sind, genauer gesagt BHs. Bei dem ausgefallenen Baumschmuck handelt es sich aber nicht um ein Kunstwerk oder den Werbegag eines BH-Herstellers, sondern um eine Protestaktion.

„Kommt zum Rathaus und hängt euren Protest an die Bäume“, rief Veronique Prevost in den sozialen Medien die Frauen der Hauptstadt auf, BHs zum Rathaus zu bringen. Der Protest richtet sich gegen ein langjähriges und sehr einflussreiches Mitglied des Stadtrats. Seit rund drei Jahrzehnten prägt Rick Chiarelli die Stadtpolitik im City Council und in Ausschüssen. Nun aber macht er nicht mit Stellungnahmen zu Bebauungsplänen, zur U-Bahn – die am Wochenende nach mehrjähriger Bauzeit ihren Betrieb aufnahm – oder zum Stadthaushalt Schlagzeilen. Es geht um ein Bewerbungsgespräch, zu dem sich Chiarelli im Sommer mit einer Frau in einem Café traf. Dabei stellte er, so der Vorwurf der Frau, eine völlig „unangemessene“ Frage. Er soll die Bewerberin gefragt haben, ob sie bereit sei, bei Veranstaltungen ohne BH zu erscheinen.

Als die Geschichte publik wird, bricht ein Sturm der Entrüstung aus

Die Frau – weder ihr Namen noch ihr Alter werden in den Medien der Hauptstadt genannt – war perplex, dann reichte sie eine Beschwerde beim Integrity Commissioner ein, der über das korrekte Verhalten aller Mitglieder der städtischen Verwaltung wacht. Als der kanadische Rundfunk CBC die Geschichte publik machte, brach in Ottawa ein Sturm der Entrüstung aus.

„Erschütternd“, „enttäuschend“ und „zutiefst beunruhigend“ seien die Berichte über das Verhalten ihres Kollegen, meinten mehrere Stadtratsmitglieder. Verhalten dieser Art sei „völlig unangemessen und unakzeptabel auf einer modernen Arbeitsstelle“, meinte ein Ratsmitglied. „Frauen müssen sich bei der Arbeit sicher fühlen können.“ Chiarelli ließ erklären, die Vorwürfe seien falsch. Sein Anwalt teilte mit, sein Mandant habe sich stets korrekt an den Verhaltenskodex gehalten. Zu Stadtrats- und Ausschusssitzungen erschien der Stadtverordnete vorerst nicht. Arbeitsplätze müssten „frei von sexueller Belästigung sein“, erklärte Prevost in ihrem Aufruf.

Erst wurden die BHs konfisziert, dann wieder an die Bäume gehängt

Mit der Büstenhalteraktion konnten die städtischen Mitarbeiter, die sich um die Unterhaltung und Pflege der kom­munalen Anlagen kümmern, zunächst nichts anfangen. Sie entfernten die BHs. Erst am nächsten Tag, als wieder bunte Wäschestücke an den Bäumen flatterten, wurde ihnen klar, dass es sich um eine Protestaktion handelte. Die konfiszierten BHs wurden ­wieder aufgehängt. Ein Stadtratsmitglied twitterte, dass der Protest ungestört fortgesetzt werden könne. Und so dürfen BHs weiter im milden Herbstwind an den Bäumen bei Ottawas Rathaus flattern – als Mahnung, dass Frauen sexistische Fragen im Jahr 2019 nicht widerspruchslos hinnehmen.