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Kanada Wo ist mein Zelt?

Von Kurt Zapf 

Gastfreundschaft auf kanadisch: Unser Leser Kurt Zapf hat diese auf einer Harley-Tour erlebt.

Der Westen Kanadas ist weit. Und einsam. Wer auf einer Harley unterwegs ist, lernt jedoch schnell Mitfahrer kennen. Foto: Zapf
Der Westen Kanadas ist weit. Und einsam. Wer auf einer Harley unterwegs ist, lernt jedoch schnell Mitfahrer kennen. Foto: Zapf

Spät, aber nicht zu spät ging mein Traum in Erfüllung: eine Motorradtour durch den Westen Kanadas. Vergangenen Oktober flogen wir von Frankfurt nach Calgary, dem Wohnort meines Sohnes. Dort lieh ich bei einem Harley-Händler eine fast neue 1600er Electra Glide für 14 Tage.

Zunächst ging es auf kerzengeraden Straßen nach Norden bis Rocky Mountain House. Mit Zelt, Isomatte und Daunenschlafsack fuhr ich auf der Saskatchewan Road nach Westen in Richtung Rocky Mountains. Die Straße führt an dem 30 Kilometer langen Abraham Lake vorbei, mit traumhaften Bergen im Hintergrund. An einer Mautstelle kaufte ich für umgerechnet 96 Euro eine Karte, die zum Besuch und Befahren aller Nationalparks nötig ist. Rechts und links der Straße wurden die Berge immer höher und imposanter. Am Sunwapta Pass auf 2035 Meter Höhe machte ich zu Fuß einen Abstecher auf den Columbia-Gletscher. Nächstes Ziel war ein im Wald gelegener, überfüllter Campingplatz bei Jasper. Ich bekam noch einen Platz ganz am Rand. Um keine Bären anzulocken, musste abends alles Essbare in einen großen Blechschrank eingeschlossen werden. Morgens erreichte ich nach zehn Minuten Fußmarsch einen Waschraum, aber nicht mehr mein Zelt. Es waren viele da, nur nicht meins. Ein Mann mit Campingmobil gab mir einen Plan vom Platz, mit dem ich nach 30 Minuten leicht nervös mein Lager wiederfand. Als ich nach dem Frühstück über mein kleines Zelt sah, stand dahinter ein zwei Meter großer Hirsch. Der Schreck fuhr mir in die Glieder. Doch er beachtete mich nicht, und ich machte es ebenso. Ein Camper erklärte mir, dass es sich um einen Wapiti handele, der nicht aggressiv sei.

Spätabends, nach zweistündiger Fahrt mit der Fähre, erreichte ich Vancouver Island. Der Weg quer über die Insel führt vorbei an einem Naturschutzpark mit bis zu 800 Jahre alten Bäumen. Die nächste Nacht in Tofino am Pazifischen Ozean war kurz, und ich wurde durch Tropfen auf den Schlafsack geweckt. Das Zelt hatte ich schon nach der ersten Nacht in Jasper entsorgt, das Gestänge war defekt. Es war zum Glück nur Tau, der von den Bäumen tropfte. An diesem Tag unternahm ich auf einem Motorboot eine zweistündige Fahrt, um Wale zu beobachten. Dabei bekamen wir auch Robben, Seelöwen, große Seesterne und einen Weißkopfseeadler zu sehen und in einer Bucht am Ufer noch einen großen Bären.

Vom Fährhafen Sidney fuhr ich zurück nach Vancouver. Auf der Fähre lernte ich drei Harley-Fahrer kennen, die auf der Heimfahrt waren. Der Weg führte etwa 630 Kilometer über Merritt und Kelowna nach Salmon Arm, ihrem Wohnort. An diesem Tag gab es keine Zeit für Besichtigungen. Bei Tankstopps und in der Mittagspause war Gelegenheit zur Unterhaltung. Dabei bot mir Darrell, mit 47 Jahren der Älteste, an, bei ihm zu übernachten. Gegen 21 Uhr 30 Uhr kamen wir an. Der Hausherr warf den Grill an, um einen "kleinen Snack" zuzubereiten. Kurz darauf kam er mit zwei großen Tellern mit je drei Schaschlikspießen und jeder Menge Beilagen. Sitzplatz war seine große, überdachte Terrasse, wo wir bei leichtem Regen lange gemütlich gesessen haben.

Die Nacht schlief ich sehr komfortabel in einem acht Meter langen Wohnwagen. Das Frühstück mitsamt heißem Kaffee hat Darrell am Schalter eines Drive Inn abgeholt. Auch Obst und Marschverpflegung für einen Tag bekam ich noch von meinem Gastgeber. Die Route führte auf dem Highway Nr. 1 über Sicamous nach Revelstoke zu dem gleichnamigen Staudamm und einem großen Eisenbahnmuseum. Die letzten Stationen waren Golden, Lake Louise und Banff, wo ich in den heißen Quellen ein entspannendes Bad in 40Grad warmem Wasser nehmen konnte. Schließlich erreichte ich wieder Calgary und konnte das Motorrad gereinigt und nach 3400 Kilometern unbeschadet zurückgeben.

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