Kanal Istanbul soll Bosporus entlasten Erdogans Milliarden-Projekt gegen Büffelherden

Von einst rund 10 000 Wasserbüffeln sind nach Angaben von Bauern nur noch 1500 übrig, seit auf ihrem Weideland der neue Großflughafen von Istanbul entstand. Foto: Güsten

Er soll den Bosporus entlasten, und die schweren Frachter und Tanker umleiten – Doch der Istanbul-Kanal, Präsident Erdogans Milliarden-Projekt, bringt Viehzüchter, Dorfbewohner und Fischer in die Bredouille.

Baklali - In Baklali duftet es nach Büffelmist und Frühling – aber nicht mehr lange, so heißt es im Dorfgasthof. Bald werde es hier keine Büffel mehr geben, kein hundertjähriges Dorf und keine Bauern, prophezeien die Dorfbewohner, die im Lokal zusammensitzen und Tee trinken. Das neueste Mega-Projekt von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan soll hier gebaut werden: der Kanal Istanbul. Unmittelbar an Baklali vorbei soll der Kanal führen und von neuen Satellitenstädten für Istanbul gesäumt werden – so viel können sich die Bauern aus den öffentlichen Äußerungen der Regierung zusammenreimen. Was dann aus ihnen und ihrem Dorf werden soll, hat ihnen allerdings noch niemand gesagt.

 

So wie den Bewohnern von Baklali geht es tausenden Menschen entlang der 45 Kilometer langen Trasse für den Kanal, der vom Marmara-Meer zum Schwarzen Meer führen und dem Bosporus den Schiffsverkehr abnehmen soll. Der erste Spatenstich ist für Juni geplant. „So Gott will werden wir in den Sommermonaten den Grundstein legen“, sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Anfang April. Und fügte noch hinzu: „Ob ihr wollt oder nicht, wir werden mit dem Kanal Istanbul beginnen, ihn bauen und in den Dienst unseres Volkes stellen.“

Die Regierung in Ankara hofft auf zehntausende Arbeitsplätze und kräftige Einnahmen

In der thrakischen Landschaft zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmara-Meer ist das Gleichgewicht für Menschen und Natur schon dahin. Und auch Erdogan selbst nennt den Kanal wegen der Dimensionen des Projekts „tollkühn“: Der elf Milliarden Euro teure Kanal westlich von Istanbul würde den europäischen Teil der Metropole zu einer Insel machen. Um die 275 Meter breite und 21 Meter tiefe Fahrrinne auszuheben, müssten in der Bauzeit von mindestens sieben Jahren 1,2 Milliarden Kubikmeter Erdreich bewegt werden.

Die Regierung verspricht sich von dem Vorhaben zehntausende Arbeitsplätze und kräftige Einnahmen aus den Durchfahrtgebühren für Frachter und Tanker. Außerdem werde die Gefahr eines schweren Schiffsunglücks auf dem Bosporus – und damit mitten in einer 16-Millionen-Stadt – gebannt, heißt es aus Ankara.

Droht eine Umwelt-Katastrophe?

Doch der Widerstand gegen das Projekt ist groß. Die oppositionsgeführte Stadtverwaltung von Istanbul schimpft über den geplanten „Beton-Kanal“, der katastrophal für die Umwelt und schlecht für das Land sein werde. Weil Handelsschiffe nach geltendem Recht gratis durch den Bosporus fahren könnten, würde wohl kaum eine Reederei für die Durchfahrt für den neuen Kanal viel Geld bezahlen, sagt Bürgermeister Ekrem Imamoglu. Mit den Milliarden für den Kanal könne die Türkei mehr als 1500 Krankenhäuser bauen. Experten warnen zudem, dass die neue Wasserstraße das ökologische Gleichgewicht im Marmara-Meer so schwer stören könnte, dass alles Leben dort absterbe. Außerdem vernichte der Kanal große Ackerflächen und Trinkwasserspeicher für Istanbul. Erdogan aber lässt sich nicht beirren. Seine Regierung will entlang des Kanals neue Siedlungen mit Luxuswohnungen bauen. Einige der besten Grundstücke sind bereits verkauft, unter anderem an reiche Araber. Während sie Investoren verwöhne, ignoriere die Regierung die angestammten Bewohner der Gegend, kritisiert Bürgermeister Imamoglu.

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Das sehen auch die Dörfler in Baklali so. Was er von der Regierung zu erwarten habe, das könne er sich denken, sagt ein älterer Mann im Dorfgasthaus: „Drei Pfennige und einen Tritt in den Hintern“ werde er für Haus und Hof bekommen, wenn der Staat sich sein Land hole. Seit Generationen lebe seine Familie in Baklali, erzählt der Mann, der hier geboren und aufgewachsen ist. Seine Vorväter kamen vor hundert Jahren als Flüchtlinge aus Bulgarien hier an, als die Republik gegründet wurde. Die ganze Gegend nordwestlich von Istanbul wurde damals von muslimischen Flüchtlingen vom Balkan besiedelt. Seit Generationen ziehen sie hier Wasserbüffel auf, die in der sumpfigen Landschaft gut gedeihen und für ihre nahrhafte Milch geschätzt werden.

Von einst rund 10 000 Wasserbüffeln sind nur noch 1500 übrig

Noch vor ein paar Jahren zogen große Büffelherden über die hiesigen Landstraßen, nur eine Autostunde von der Istanbuler Innenstadt entfernt. Doch schon das letzte Mega-Projekt der Regierung hat die Büffelzucht nahezu ruiniert.

Von einst rund 10 000 Wasserbüffeln sind nach Angaben von Bauern nur noch 1500 übrig, seit auf ihrem Weideland der neue Großflughafen von Istanbul entstand, der ebenfalls nordwestlich der Stadt liegt – der Kanal soll knapp an der westlichen Startpiste vorbeiführen und wird voraussichtlich die letzten Weiden verschlucken. Die Störche, die hier früher zu tausenden auf ihrem Weg von und nach Europa rasteten, blieben seither auch aus, klagen die Dörfler.

Selbst die Fische im Schwarzen Meer bleiben von den Auswirkungen der Mega-Bauten nicht verschont. Viel gebe es schon jetzt nicht mehr zu fangen, sagt ein junger Fischer in dem Fischerdorf Karaburun, wo der Kanal ins Schwarze Meer münden soll. Nur wenige Fischerboote dümpeln noch im Hafen, einige liegen auf dem Trockenen. Die Fische seien aus den alten Fanggebieten abgewandert, als beim Bau des Flughafens die Millionen Tonnen Aushub ins Meer gekippt wurden, die beim Abtragen der bewaldeten Hügel entstanden, erzählen die Fischer. Beim Bau des Kanals werde voraussichtlich noch viel mehr Erdreich im Meer landen und die Jagdgründe der Fische verschütten. Ob ihr Hafen überhaupt bleiben darf oder ob er von dem Mega-Projekt verschluckt wird, wissen die Männer nicht.

Manche hoffen auf Aufschwung und Wohlstand durch den Baubeginn des Kanals

Doch manche Leute in Karaburun hoffen darauf, dass der Kanal ihnen Aufschwung und Wohlstand bringen wird. „Ohne den Kanal wird aus Karaburun nie etwas“, sagt Süleyman, der mit Verwandten eine kleine Pension am Schwarzmeer-Strand betreibt. Erdogan habe versprochen, dass alle anständig entschädigt würden.

Die Teetrinker im Gasthaus von Baklali sehen aber schwarz für die Zukunft. Mit Ackerbau und Viehzucht sei es aus, wenn Bagger und Lastwagen anrücken, sagen die Bauern. Dann werde es hier nur noch „Reiche und Araber“ geben, ärgert sich ein Dörfler. „Und wo soll ich dann hin?“

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