Politisch unerfahren, aber nicht ideenlos und schon gar nicht konfliktscheu – so präsentiert sich Werner Schneider, einer von sechs Kandidaten für das Amt des Böblinger Oberbürgermeisters. Der 53-Jährige will am 25. Januar den amtierenden OB Stefan Belz schlagen. Mit Ideen, die sich „außerhalb der ausgetretenen Pfaden“ befinden, wie der gebürtige Böblinger mit Unternehmerhintergrund deutlich macht.
Werner Schneider verfügt über eine bunte Vita. 1994 zog Schneider nach Abschluss seines Studiums nach Frankreich, studierte dort weiter und arbeitete im Raum Paris hauptsächlich im unternehmerischen Bereich. 2016 ging er zurück in die Heimat – aus familiären Gründen: „Ich bin zurückgekehrt, um bei der Pflege unseres Vaters zu helfen. Seither wohne ich wieder auf dem Tannenberg“, erzählt er. Aktuell kümmere er sich um die familieneigenen Verwaltungsgesellschaften und die 92-jährige Mutter.
Eine Stadt mit guten Arbeitsplätzen
Was verleitet einen Polit-Neuling zu einer Bewerbung für das Amt des Stadtoberhaupts? „Die Unzufriedenheit mit der aktuellen Stadtpolitik und das Fehlen von für mich geeigneten Kandidaten hat mich bewogen“, erklärt Werner Schneider. Noch knapp eine Woche bleibt Schneider, sich nach außen hin programmatisch zu profilieren. Dabei hat er vor allem ein Thema für sich auserkoren: „Auch wenn grundsätzlich kein Thema wichtiger als das andere ist. Eine starke Wirtschaft mit g’scheitn Arbeitsplätzen ist unsere Basis.“ Entsprechend würde er als eine der ersten Amtshandlungen einen „Kassensturz“ machen.“ Als allerersten Schritt aber würde ein OB Werner Schneider alle Rathausmitarbeitenden kennenlernen.
Wenn klar sei, wie viel Geld zur Verfügung stehe, würde Schneider als nächstes den Fokus darauf richten, Böblingen wirtschaftlich weiterzuentwickeln: „Wir haben Potenzial mit KI-, Software- und Industrieunternehmen. Meine Vision geht weiter in diese, aber auch in Richtung ‚Green Technology’ und Satellitensystemen. Auch eine KI-Hochschule wäre denkbar. Dafür müsste sich ein OB für Böblingen stark machen.“ Als Stadtoberhaupt sähe er seine Aufgabe darin, „Netzwerke in Politik und Wirtschaft zu nutzen und Unternehmen anzuwerben“.
Für mögliche Firmenansiedlungen kämen die Hulb („Die hat uns einst reich gemacht“) oder das Krankenhaus-Areal in Frage. Auf letzterem ist ein Technologie- und Innovationscampus vorgesehen. Das Areal, das bis 2028 frei werden soll, hatte die Stadt für 40 Millionen Euro gekauft. Wie Schneider konkret mit diesem Projekt verfahren würde, konnte er zunächst nicht ad hoc beantworten: „Ich bin noch nicht so in der Materie. Ich würde mich sicher zuerst umhören.“
Böblingen könnte Luftfahrt-Mekka sein
Für Schneider steht fest, dass das Augenmerk auf den Aufbau einer diversen Firmenlandschaft aus vor allem zukunftsträchtigen Sparten gelegt werden soll. Die Förderung dieser Branchen, die auch zur Aufbesserung der städtischen Finanzen beitragen würden, habe der OB vernachlässigt. Gerade im Bereich der Luft- und Raumfahrt hätte sich Schneider mehr Engagement gewünscht. „Für jemanden, der aus diesem Bereich kommt, hat er nichts dafür getan, für eine Ansiedlung solcher Firmen oder Einrichtungen zu sorgen“, kritisiert Schneider. Schlecht falle seiner Meinung auch Belz’ Bilanz bei den Themen Radwege, Nahverkehr oder digitaler Infrastruktur aus.
Bei der Kritik am amtierenden Oberbürgermeister wird der 53-Jährige noch deutlicher. Inzwischen ruft Werner Schneider OB Belz in einer Pressemitteilung zum Rückzug seiner Kandidatur auf. Durch seine Finanzpolitik habe er seine Wahlversprechen gebrochen. Dabei führt der Herausforderer zahlreiche Ausgaben auf, die das Haushaltsminus verschlimmerten. Auch bemängelt er Fehler bei der Gewinnung von Einnahmen. Belz bleibe Erklärungen schuldig, wie er die Schuldenfalle, in der sich die Stadt befände, umgehen möchte. „Wenn nicht radikal umgesteuert wird, droht der finanzielle Kollaps. Ich fordere OB Belz auf, Verantwortung zu übernehmen und seine Kandidatur zurückzuziehen“, schreibt Werner Schneider.
Inspiration bei anderen Kommunen oder Ländern einholen
Im Gespräch mit unserer Zeitung soll es allerdings nicht bei alleiniger Fundamentalkritik an Stefan Belz bleiben. Zur Frage, welche ganz konkreten Vorhaben sich der studierte Diplom-Physiker für Böblingen vorstellen könnte, erläutert dieser: „Es braucht in jedem Fall Ideen außerhalb der bisherigen Denke. Zum Beispiel denke ich an kleine Kompaktbusse mit flexiblen Haltestellen. Außerdem braucht es einen Dienstleister, der den Glasfaserausbau schneller umsetzen und günstiger für die Kunden anbieten kann.“ Auch in puncto Digitalisierung habe er Überlegungen: Werner Schneider plädiert für die Einrichtung einer „Böblingen-App“, mit der Bürger Amtsgeschäfte erledigen sowie Gemeinderatsprotokolle, Infos zum ÖPNV, Parken oder Straßensperrungen abrufen könnten. Vereine, Gewerbe, Bildungseinrichtungen oder die Bürgerschaft könnten per App informieren und für ihre Anliegen werben.
Trotz eines großen Veränderungsimpulses würde ein OB Werner Schneider nicht alles neu aufziehen: „Ich würde das Rad nicht völlig neu erfinden. Man muss nur mal über den Tellerrand hinausschauen, zum Beispiel in andere Kommunen.“ Alleingänge wären aufgrund des politisch-rechtlichen Korsetts mit Gemeinderat und übergeordneten Verwaltungseinheiten ohnehin nicht möglich – das weiß auch der Polit-Neuling: „Mit dem Gemeinderat würde ich konstruktiv zusammenarbeiten. Wir sind alle offen und haben einen gemeinsamen Antrieb.“
Die OB-Wahl in Böblingen steht am Sonntag, 25. Januar, an. Neben Werner Schneider kandidieren fünf weitere Personen für den Posten des Oberbürgermeisters: Stefan Belz, Aleksandar Blazevski, Stefan Thien, Lucas Guimaraes de Macedo und Fridi Miller. Die Kandidierenden können sich an zwei offiziellen Terminen der Öffentlichkeit präsentieren. In Böblingen findet die Kandidatenvorstellung am Montag, 19. Januar, in der Kongresshalle statt. In Dagersheim ist sie für Dienstag, 20. Januar, in der Festhalle vorgesehen. Beginn jeweils um 19 Uhr.
Biografie Werner Schneider
Kindheit
Werner Schneider wurde 1972 in Böblingen geboren. Er wuchs auf dem Tannenberg auf und ging auf die Friedrich-Silcher-Grundschule und anschließend auf das Max-Planck-Gymnasium.
Ausbildung
Studiert hat Schneider an der Universität Stuttgart Physik und Ingenieurswesen an der École Centrale in Paris. Er hat außerdem Masterabschlüsse in Business Administration mit Spezialisierung in Luxusmarken-Management sowie in Finanzen.
Laufbahn Schneider war bei Bosch in der Forschung an supraleitenden Satellitenkomponenten, L’Oréal Paris, Siemens, Louis-Vuitton, dem Industrieverband der französischen Luxusindustrie und dem französischen Finanz- und Wirtschaftsministerium zur Beratung von Luxusmarken tätig. Schneider engagierte sich auch ehrenamtlich in einem Hospiz.