Kandidatur für den Bundestag angekündigt Uwe Hück mischt Pforzheim wieder auf

Ganz der alte, nur der Bart ist neu: Uwe Hück bei einer Boxveranstaltung in Göppingen mit Dilek Arslan Foto: Baumann/Britsch

Jetzt drängt der frühere Porsche-Betriebsratschef in den Bundestag, doch der SPD in der Goldstadt droht deswegen die Spaltung. Auch im Gemeinderat ist der Freizeitboxer mit seiner eigenwilligen Vorgehensweise nicht unumstritten.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Pforzheim - Normal – das geht einfach nicht bei Uwe Hück. Seit er im vergangenen Mai für die SPD in den Pforzheimer Gemeinderat gewählt worden ist, weht bei den Genossen und auch im Stadtparlament ein anderer Wind – ob das nun besser oder schlechter ist, darüber gehen die Meinungen ziemlich auseinander. Christoph Mährlein, der Vorsitzende der SPD in Pforzheim, fasst jedenfalls seine Erfahrungen des vergangnen Jahres so zusammen: „Mein Leben war langweilig, bevor ich Hück kennengelernt habe.“

 

Das fängt schon damit an, dass der frühere Betriebsratschef bei Porsche bisher etwa 60 neue Mitglieder in die SPD gelotst hat. Bei 260 Mitgliedern insgesamt sichert sich Uwe Hück dadurch eine gewisse Hausmacht, vor allem aber verändert er damit die Partei. Denn die neuen Genossen sind oft junge Männer aus sozial benachteiligten Schichten. Eigentlich ist das ja klassisches Klientel der SPD; es ist aber doch in der Partei unterrepräsentiert, nicht nur in Pforzheim. Doch Hück findet als Vorsitzender des FSV Buckenberg, als Patron einer Jugendstiftung und vor allem als Vorbild – er war einst selbst ein zorniger junger Mann und rebellisches Heimkind – Zugang zu diesen Menschen. Es geht ihm dabei, wieder einmal, ums Grundsätzliche. „Die vorhandene Politik klammert sich an ein altes System“, wettert er, „wir brauchen junge Leute, die gestalten wollen.“

Kampfkandidatur gegen die Abgeordnete Katja Mast

Auch der 57-Jährige, zumindest immer noch jung im Geiste, will gestalten. Deshalb war er nach eigenem Bekunden von Porsche in die Politik gewechselt, und deshalb will er jetzt auch in den Bundestag. Das Problem: Pforzheim und der Enzkreis, die zusammen einen Wahlkreis bilden, haben bereits eine bewährte Kandidatin – Katja Mast, die als Kind einer alleinerziehenden Mutter von Sozialhilfe hatte leben müssen und nicht nur deshalb waschechte Sozialdemokratin ist, vertritt den Wahlkreis seit 15 Jahren in Berlin und hat längst erklärt, wieder anzutreten.

Erst vor wenigen Tagen hat Katja Mast in einem Brief alle Mitglieder um deren Vertrauen gebeten. Es ist ein freundlicher Brief, in dem Mast selbstbewusst schreibt, dass sie „die einflussreichste Parlamentarierin der SPD Baden-Württemberg in Berlin“ sei. Doch kann man zwischen den Zeilen lesen, dass die 49-Jährige die Nase voll hat von den „ständigen Indiskretionen“ in Pforzheim und dass sie auch die unfairen Angriffe satt hat; so hat man ihr etwa einen Umzug aus familiären Gründen nach Rastatt negativ ausgelegt. „Ich schätze den Wettbewerb, wenn er mit offenem Visier und mit Anstand, Respekt und Klarheit geführt wird“, schreibt Mast. Soll heißen: Derzeit ist das aus ihrer Sicht ganz und gar nicht der Fall.

Schwache Zustimmung für Hück bei letzter Wahl

Uwe Hück ist dagegen der Ansicht, dass die „SPD die reale Welt verloren hat“ und etwa bei den Arbeitszeitgesetzen nicht mehr zeitgemäß denke – deshalb wolle er in den Bundestag. Sein Mandat im Gemeinderat würde er behalten wollen, mit moderner Kommunikation sei das auch von Berlin aus zu schaffen. Erst Ende Juni entscheiden die SPD-Delegierten aber, wen sie ins Rennen schicken.

Dass nicht alle hinter dem Kurs Hücks stehen, hat sich zuletzt im Dezember gezeigt. Die Kreisvorsitzende Annkathrin Wulff hatte ihr Amt nach einem Jahr schon wieder zur Verfügung gestellt, was allerdings nichts mit Hück zu tun gehabt haben soll. Jedenfalls musste ein neuer Kreischef her: Doch Vize Christoph Mährlein, der eher als Hück-Anhänger gilt, bekam nur 30 von 57 Stimmen, obwohl er der alleinige Kandidat war. Und auch Hück selbst erhielt bei der Wahl zum Beisitzer nur 33 Stimmen.

Christoph Mährlein ist nun die nicht einfache Aufgabe beschieden, eine Spaltung oder Schwächung der SPD in Pforzheim zu verhindern: „Ich will nicht, dass es nach der Wahl der Kandidatin oder des Kandidaten viele Austritte gibt.“ Persönliche Verletzungen nicht akzeptieren und neutral bleiben – das ist seine Taktik bei der Kandidatenfrage. Allgemein spricht er aber Hück ein gutes Zeugnis aus: „Ihm muss man nichts zweimal erklären.“

Gräben im Gemeinderat sind tiefer denn je

Auch die Arbeit der SPD-Gemeinderatsfraktion – sie ist auf vier Sitze geschrumpft – habe sich durch Uwe Hück verbessert, sagt Mährlein. Vorher sei der Gemeinderat (und auch die SPD-Fraktion selbst) so zerstritten gewesen, dass wichtige Entscheidungen kaum noch möglich gewesen seien. Jetzt gebe es wieder verlässliche Absprachen zwischen den Parteien im Gemeinderat; und gerade weil die SPD und auch andere Fraktionen den Fraktionszwang aufgehoben hätten, bildeten sich plötzlich neue Mehrheiten.

Tatsächlich haben sich nicht nur Kommunalpolitiker verwundert die Augen gerieben, wie heftig Hück vor allem mit dem Vorsitzenden der aus vier Gruppen gebildeten größten Fraktion kuschelt – mit dem nicht ganz unbekannten FDP-Landtagsabgeordneten Hans-Ulrich Rülke. Die beiden sind Freunde. „Nicht alles gefällt mir politisch, was er sagt“, sagt Hück über Rülke: „Aber er ist ehrlich und direkt.“ Man könnte auch etwas despektierlich sagen: Beide sind halt ziemliche Lautsprecher. Ein Stadtrat einer anderen Fraktion ist jedenfalls der Meinung, unter anderem durch Hück sei viel Vertrauen im Gemeinderat zerstört worden. Das schlechte Klima habe seinen Grund aber auch am sehr rechten Kurs der AfD. Auch die Pforzheimer Zeitung konstatierte, dass die Gräben tiefer denn je seien, weil etwa Hück und Rülke gemeinsam mit der CDU in der sehr emotional geführten Frage um die Rettung von Bädern einen Gestaltungsbeirat über die Klinge springen ließen.

Daraufhin fühlten sich, ein ziemlich einzigartiger Akt, OB Peter Boch (CDU) samt den drei Beisitzern bemüßigt, öffentlich mehr Respekt im Gemeinderat einzufordern. „Man kann zusehends feststellen, dass eine gewisse Verrohung stattfindet“, sagte Boch. Unter anderen Uwe Hück hatte der Verwaltung vorgeworfen, potenzielle Investoren zu vergraulen. Hück steht aber bis heute zu den Vorwürfen: „So geht man einfach nicht mit Investoren um, das tut mir scheißweh!“

So ist es eben, wenn Hück in Pforzheim konsequent an einer neuen SPD und einer neuen Politik zu arbeiten gedenkt. Kollateralschäden nimmt er stets in Kauf.

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