InterviewKaninchenzüchter Gerd Wolf „Stallhasen gibt es nur im Schwäbischen“

Von Tom Hörner 

Seit 55 Jahren züchtet Gerd Wolf, 66, aus Stuttgart-Rohracker Weiße Wiener. Was es mit der Kaninchenrasse auf sich hat und warum die Tiere sich aufs Frühjahr freuen, erklärt Wolf im Interview.

Gerd Wolf mit einem  seiner preisgekrönten Weißen Wiener Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Gerd Wolf mit einem seiner preisgekrönten Weißen Wiener Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Gerd Wolf weiß viel über Hasen und Kaninchen. Und er kann auch verraten, wo man in Stuttgart den Osterhasen finden kann.

Herr Wolf, frohe Botschaft für den Osterhasen: Die Feldhasen, wurde neulich gemeldet, ­werden wieder mehr. Freut das auch den ­Kaninchenzüchter?

Im Prinzip fühle ich mit dem Osterhasen und freue mich. Es gibt aus Züchtersicht allerdings ein Problem: Die Kaninchenpest wird vom Feldhasen übertragen. Bei steigender Population steigt natürlich auch die Gefahr, dass man sich mit dem Grünfutter von draußen die Pest in den Stall holt. Meine ­Tiere werden zwar einmal im Jahr dagegen geimpft, aber ein hundertprozentiger Schutz ist das nicht.

Aber Sie gehen nicht so weit, das Grünfutter vom Speiseplan zu streichen?

Nein, keinesfalls. Die Kaninchen freuen sich über einen abwechslungsreichen Speiseplan. Man merkt das: Irgendwann haben sie die Nase voll von Trockenfutter, Äpfeln und Karotten, also von der Nahrung, mit der ich sie über den Winter bringe. Das ist wie beim Menschen: Der will auch nicht jeden Tag nur trockenes Brot essen.

Schon komisch: Kaninchen können sich einen tödlichen Virus von Feldhasen einfangen. Dabei gibt es zwischen Hasen und Kaninchen große Unterschiede.

Stimmt, das fängt schon damit an, dass der Hase Nestflüchter ist. Hasen kommen mit offenen Augen zur Welt. Sie haben ein Fell und können sofort loslaufen. Ein Kaninchen wird blind und nackt geboren – als Nesthocker, der erst nach elf Tagen die Augen öffnet. Außerdem haben Hase und Kaninchen eine unterschiedliche Chromosomenzahl.

Weshalb sie sich nicht paaren können.

Genau. Aber Kaninchen kommen auch in freier Wildbahn vor, in Norddeutschland oder England. Die Jungtiere bleiben anfangs in Erdhöhlen. Dass Kaninchen Löcher graben, wird nicht überall gern gesehen. Vor allem, wenn sie Dämme durchlöchern. Wildhasen brauchen die Freiheit. Deshalb kann man sie auch nicht in Gefangenschaft halten und findet auch keine in Zoos.

Zum Osterhasen-Beobachten muss man also nicht in die Wilhelma gehen?

Nein, aber im benachbarten Rosensteinpark wird man vielleicht fündig. Dort soll’s die größte Hasendichte im Land geben.

Wenn sich Hasen nicht in Gefangenschaft halten lassen, was ist dann mit Stallhasen?

Den Stallhasen gibt es nicht. Das ist ein schwäbischer Ausdruck. Jeder Stallhas’ ist ein ­Kaninchen. Offiziell bin ich zwar Kaninchenzüchter, aber wenn Sie mich fragen, dann bin ich Hasenzüchter und meine Tiere ­leben im Hasenstall.

Wie kommt eigentlich ein gestandener Mann zur Kaninchenzucht?

Indem er ganz früh damit anfängt. Ich mach das schon seit 55 Jahren. Mit elf Jahren hat mir mein Großvater zum Geburtstag eine Kaninchenmutter mit fünf Jungen geschenkt – damit war es um mich geschehen. Seither züchte ich Weiße Wiener. Inzwischen sind noch ein paar Tierarten dazugekommen, etwa Enten und Gänse.

Weiße Wiener klingt wie Wiener Würstchen. Dabei sind die Tiere ganz schön groß.

Die werden bis zu fünf Kilogramm schwer und zeichnen sich durch ein weißes Fell und blaue Augen aus. Die Bandbreite bei Kaninchen ist enorm: Das beginnt bei Zwergkaninchen, die selbst im ausgewachsenen Zustand kaum mehr als 1200 Gramm wiegen. Und es endet beim Deutschen Riesen, der schon mal elf Kilo auf die Waage bringt und es vom Gewicht her mit manchem Hund aufnehmen kann. Das Gewicht und der Körperbau wären für einen Hasen tödlich. Der braucht lange Hinterfüße, mit denen er große Sprünge machen kann.

Auch wenn Ihre Kaninchen meist im Stall sind, manchmal dürfen sie auch auf Reisen.

Aber nur die Schönsten. Hin und wieder geht man als Züchter auf Ausstellungen, auch zu Bundes- und Europakaninchenschauen. Das Ziel des Züchters ist klar: Es geht darum, eine Rasse zu erhalten und deren Eigenschaften zu verbessern.

Was macht in den Augen von Fachleuten ein schönes Tier aus?

Da wird das Fell bewertet, die Kopfform oder die Ohrenlänge. Bei Weißen Wienern gelten 11,5 bis 12,5 Zentimeter Ohrenlänge als ideal. Das ist ein bissle wie beim Body-Mass-Index der Menschen.

Geht Ihre Tierliebe so weit, dass Sie Ihren ­Kaninchen Namen geben?

Nein. Das ist was für Kinder. Außerdem hätte ich Probleme, mir die ganzen Namen zu merken. Nicht leicht bei all meinen Kaninchen. Trotzdem kann man sie unterscheiden: Jedes Tier bekommt eine Tätowierung im Ohr. Dahinter verbergen sich das Vereinszeichen des Kleintierzüchtervereins Rohracker und die individuelle Nummer des Tieres. In den nächsten Tagen kommen noch einige Kaninchen dazu. Sämtliche meiner Weibchen sind trächtig und werden nach ­exakt 31 Tagen werfen. Danach kann man die Uhr stellen. Nur bei einem ganz großen Wurf mit zehn Jungen kann es passieren, dass die Mutter es nicht mehr verheben kann und die Kleinen mal einen Tag früher kommen.

Dann haben Sie als Geburtshelfer alle Hände voll zu tun?

Nein, im Gegenteil. Da wollen die Tiere ihre Ruhe haben. Das ist eine aufregende Zeit, da es schon mal vorkommen kann, dass eine Junghäsin überfordert ist. Aber da kann man nicht eingreifen. Man muss der Natur ihren Lauf lassen.

Was kann im schlimmsten Fall passieren?

Dass der Wurf stirbt, weil die Mutter ihn nicht richtig wärmt. Ganz wichtig ist die erste Milch, die die Kleinen bekommen, die Biestmilch. In der ist alles drin, was die Jungtiere brauchen, um gestärkt ins Leben starten zu können.

Dann wünschen wir viel Glück bei den Würfen. Mögen Sie eigentlich Hasenbraten?

Nein, ich esse keine Kaninchen. Schon gar nicht welche aus meinem Stall.

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