Der Ex-Kanzler empfiehlt den Ex-Finanzminister, seinen Freund, als Spitzenmann in der Wahl 2013. Das passt nicht allen.  

Politik/Baden-Württemberg: Rainer Pörtner (pö)

Hamburg - Sie sind befreundet. Sie sind beide in Hamburg geboren, und sie pflegen das althergebrachte Hamburger "Du". Selbst bei ihren Schachpartien in dichtem Tabakqualm spricht Helmut Schmidt seinen Spielpartner Peer Steinbrück als "Sie, Peer..." an. Der 64-Jährige antwortet seinem 92-jährigen Freund dann hanseatisch korrekt mit "Ich stimmen Ihnen zu, Helmut ..."

 

Dieses "Sie/Du" soll einerseits Respekt, Vertrauen, Anerkennung ausdrücken. Andererseits bleibt ein Rest Distanz. Selbst mit einem Freund, heißt das, macht man sich nicht auf billige Art gemein, gibt es keine öffentliche Umarmung, keine unschickliche Verbrüderung. Im besonderen Fall von Helmut Schmidt und Peer Steinbrück hilft es den beiden wohl auch, ihrem nicht unbeträchtlichen Altersunterschied wie ihrer durchaus nicht gleichgewichtigen historischen Rolle die Reverenz zu erweisen.

So ist es schon ein besonderes Paar, das sich jetzt mit einem Buch, einem Fernsehauftritt bei "Günther Jauch" und einem langen Interview im "Spiegel" aufgemacht hat, Peer Steinbrück erst zum Kanzlerkandidaten der SPD und dann zum Nachfolger von Angela Merkel zu machen.

"Steinbrück ist ein Mann für die Mitte"

Nur mäßig getarnt, startet dieses bisher einmalige Unterfangen, dass ein ehemaliger Kanzler einen ehemaligen Bundesfinanzminister weit vor ihrer gemeinsamen Partei als den besten der besten Kandidaten ausruft, mit einem 320 Seiten langen Buch. "Zug um Zug" heißt es, kommt Ende der Woche auf den Markt, und gibt unter Anspielung auf beider Schachliebe ein Gespräch über die Weltläufe unter besonderer Berücksichtigung der Weltökonomie und ihrer aktuellen Krise wieder.

Die entscheidende Volte erfolgt auf Seite 157, als Helmut Schmidt sagt: "Peer, ich bin der Auffassung, dass die SPD gut beraten wäre, Sie als den Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers zu nominieren." Der Altkanzler weiß das auch - wie er im "Spiegel" und bei "Jauch" bestätigt - ausführlich zu begründen. Auf vielerlei Stationen seines politischen Lebens, insbesondere als Finanzminister in der Krise des Jahres 2007, habe Steinbrück bewiesen, dass er regieren und verwalten könne. Er verfüge als Sozialdemokrat "in besonderem Maße" über die Fähigkeit, Menschen jenseits der traditionellen Anhängerschaft der SPD zu gewinnen. Der Einwand, ein rechts gewirkter Kandidat wie Steinbrück könne mit einer links gestimmten SPD nicht gewinnen, überzeuge deshalb nicht: Wahlen in Deutschland, so das Diktum von Helmut Schmidt, werden "in der Mitte gewonnen und nicht auf den Flügeln".

Kokett oder heuchlerisch?

Steinbrück, dem das Wollen seit Monaten ins Gesicht geschrieben steht, will sich offen zu seinen Ambitionen immer noch nicht bekennen. Das Urteil Schmidts ehre ihn, antwortet er, aber sein Eindruck sei, "dass die Republik heute keine schlaflosen Nächte hat über die Frage, wer Kanzlerkandidat der SPD wird". Diese Replik kann man kokett, aber auch heuchlerisch nennen. Wenn schon nicht die Republik, so scheint es doch Steinbrück selbst mächtig umzutreiben. Das Buch, die öffentliche Belobigung, die ganze mediale Inszenierung findet nur statt mit Steinbrücks ausdrücklichem Einverständnis und seinem Zutun.

Eigentlich will die SPD ihre K-Frage erst Ende 2012, Anfang 2013 beantworten. Neben Steinbrück sind aktuell der Parteichef Sigmar Gabriel und der Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier potenzielle Kanzlerkandidaten. Steinbrück hat sich nun wieder mit Verve ins Gespräch gebracht, schon seine ersten Versuche dieser Art sorgten auf dem linken Flügel der SPD für einiges Gemurre. "Ich kann mit diesem Linksrechts-Schema immer weniger anfangen", sagt Steinbrück jetzt. "Es gibt Positionen, mit denen ich mich eher auf der einen Seite oder der anderen Seite wiederfinde." Ja, so muss einer sprechen, der Kandidat aller Sozialdemokraten werden will.