Karin Fritz, die Geschäftsführerin der Innenstadtkinos am Schlossplatz, spricht im Interview über ihre Liebe zum Kino, dessen aktuelle Krise und mögliche Folgen für die Stuttgarter Festivals in ihren Häusern.

Stuttgart - Eines der nobelsten Hotels Europa war vor 1945 im Marquardtbau am Schlossplatz, dessen Fassaden den Krieg überstanden. Heute sind dort neben Geschäften und Restaurants die Innenstadtkinos Gloria, EM, und Cinema untergebracht. Auch das Metropol im benachbarten alten Stuttgarter Bahnhof gehört dazu. Dr. Karin Fritz leitet den Komplex in dritter Generation.

 

Frau Fritz, Sie bekommen bei der Filmschau Baden-Württemberg den Ehrenfilmpreis des Landes - wie finden Sie das?

Ich war sprachlos. Ich bin immer noch überrascht und überwältigt und freue mich natürlich sehr. Besonders in Zeiten, in denen es nicht so gut läuft, tut es gut, wenn bemerkt wird, dass man alles dafür tut, das Kino am Laufen zu halten und es möglichst gut zu machen. Ich freue mich auch für meine Mitarbeiter, die hier mit Herzblut dabei sind jeden Tag, das ist auch für sie eine Anerkennung.

Die Filmschau findet bei Ihnen im Metropol statt, auch das Trickfilm-Festival, das SWR-Doku-Festival, das Indische Filmfestival und das Fantasy Filmfest. Haben Sie das bewusst befördert oder ist das eher auf Sie zugekommen?

Ich habe meinen Papa einmal gefragt: Warum haben wir das Trickfilm-Festival nicht? Er hat gesagt, das würde ihn auch interessieren, aber das war damals in der Alten Reithalle fest etabliert. Eines Tages sind dann die Festivalleiter Dittmar Lumpp und Ulrich Wegenast bei uns aufgetaucht, und so sind wir seit 2005 der Veranstaltungsort. Festivals sind eine Ergänzung, eine Erweiterung, eine große Bereicherung. Sie sind Plattformen für andere Formen und Stoffe. Festivals zeigen, was Kino alles sein kann. Und sie sind ja auch gut besucht. Ich finde es einfach schön, dass wir sie im Haus haben. Wenn beim Indischen Filmfestival der geschmückte Elefant vor der Tür steht und die Leute die Bolzstraße entlanglaufen und lange Hälse kriegen, das gefällt mir.

Viele würden davon träumen, so ein kleines Kino-Imperium zu erben. Wie ging es Ihnen?

Ich hatte das nicht geplant. Ich habe Medizin studiert und einige Jahre als Ärztin gearbeitet. Als ich das aus persönlichen Gründen an den Nagel gehängt habe, habe ich meinen Papa gefragt, ob er sich vorstellen könnte, dass ich hier einsteige, obwohl ich nichts Entsprechendes gelernt hatte. Ich habe dann vor 23 Jahren im Kino angefangen. Als mein Vater 2006 einen schweren Verkehrsunfall hatte, übernahm ich auch die Hausverwaltung. 2020 feiern wir 70 Jahre EM, 65 Jahre Cinema und 20 Jahre Metropol.

Haben Sie dafür schon ein Programm?

Wir denken noch nach. Wir haben in diesem Jahr in der ersten Woche der Sommerferien ein Kinofest nach französischem Vorbild gemacht, das wurde sehr gut angenommen. Vielleicht wäre das der richtige Rahmen. Wir haben schöne E-Mails bekommen, die Filmpreisreihen kamen gut an und die Klassiker auch.

Nun steckt das Kino in einer ernsten Krise – ist Ihnen überhaupt nach Feiern zumute?

2018 war heftig, da gab es im Schnitt ein Minus von 15 Prozent. Die großen Ketten hatten einen noch übleren Einbruch. Ein Faktor ist die Flut der Filme, die ins Kino drängen: über 700 sind es in diesem Jahr, von denen aus meiner Sicht 80 Prozent keine Kinofilme sind. Für viele Filme kleinerer Verleiher gibt es kein Marketing-Budget, wie Disney es hat. Da geht manche Perle leider unter. Die oft angeführte Eventisierung ist aufwändig und zieht auch nicht immer Zuschauer an. Bei uns war es 2018 nicht ganz so schlimm, 2019 ist deutlich besser dank Filmen wie „Joker“ und „Bohemian Rhapsody“. Wir sehen: Wenn die Ware stimmt, dann kommen die Gäste, auch in Massen. Aktuell zeigt „Das perfekte Geheimnis“ wie im vorigen Jahr „Der Junge muss an die frische Luft“, dass die Leute auch ein Interesse am deutschen Film haben.

Welche Filme gehören Ihrer Ansicht nach ins Kino?

Solche, die man auf der großen Leinwand gesehen hat und die nachher im Fernsehen nicht funktionieren, weil die Bilder so großartig und bombastisch sind, dass sie auch groß gezeigt werden müssen. Selbst ein großer Fernseher bringt das nicht. Dazu kommen natürlich Stoffe und Umsetzungen, bei denen man sagt: Wow, das ist mal was anderes. „Life of Pi“ war so eine Überraschung. Da fehlt es im Moment ein bisschen, ich würde mir mehr Mut bei den Produzenten wünschen. Hollywood bringt im Moment oft beliebige Stoffe oder Fortsetzungen. Es gibt zu viele Filme, für die ich persönlich auch nicht ins Kino gehen würde.

Wie bedrohlich kann die Krise für Sie werden, wenn sie andauert?

Ich sorge mich um das Metropol, das uns als einziges unserer Kinos nicht gehört. Die Pacht ist nicht unerheblich, und wenn die Besucherzahlen sich weiter so entwickeln oder stagnieren würden, wäre das wirtschaftlich auf Dauer nicht darstellbar – leider.

Wie akut ist die Gefahr?

Ich muss mich bis Ende 2021 entscheiden, ob wir verlängern. Ich habe mit dem Eigentümer Union Investment bereits gesprochen. Bislang liegen unsere Vorstellungen aber noch auseinander. Die haben den Anlegern gegenüber eine gewisse Verpflichtung. Mir liegt das Metropol am Herzen, weil es dazugehört und weil wir es auch brauchen, um die Festivals vernünftig machen zu können. Aber es muss sich auch rechnen.

Ist das Haus überhaupt anders zu nutzen? Das Metropol liegt ja im alten Stuttgarter Bahnhof, und der steht unter Denkmalschutz…

Der Denkmalschutz gilt auch innen, die Räume müssen der Unterhaltung dienen. Seit Mitte der 20er Jahre war das immer Kino oder Varieté. Als die TWS das Gebäude Ende der 90er gekauft hat, wollte sie Büros einbauen, das wurde ihr verwehrt. Das sind ja alles dunkle Räume ohne Fenster und somit für andere Konzepte kaum geeignet.

Wegen der Fassade, dem Foyer und der Öffnung hin zur Straße ist das Metropol Stuttgarts Festivalkino Nummer eins. Es steht bei den Machern hoch im Kurs. Die Stadt sucht seit der Schließung des Kommunalen Kinos 2008 und dem Abriss des Filmhauses einen neuen Ort für die Filmkunst. Könnte das Metropol dieser Ort sein?

Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass wir uns diese Säle mit einem Kommunalen Kino teilen. Das Kino bliebe für Festivals erhalten und wir würden die Leinwände nicht verlieren. Das Haus könnte dadurch wieder wirtschaftlich werden. Für mich wäre das eine tolle Ergänzung. Wir können nur sehr bedingt vom aktuellen Programm abweichen, wir haben ja Verträge mit den Filmverleihern. Ein KoKi könnte in zentraler Lage Filme aller Art zeigen, die die große Leinwand brauchen, und Gäste dazu einladen. Es könnte darüber hinaus den Eventraum nutzen und die Galerie für Workshops, Ausstellungen, Medienpädagogik.

Wie viele Säle können Sie denn entbehren?

Eigentlich keinen, sagt mein Theaterleiter. Er hätte gern noch fünf Säle dazu. Angesichts der Realitäten könnte ich aber gut damit leben, manche Filme nicht zu spielen, wenn dafür dort andere laufen, die wir sonst gar nicht hätten. „Metropolis“ zum Beispiel wurde neulich im Rahmen der französischen Filmtage begeistert aufgenommen. Unglaublich, was Fritz Lang sich damals schon ausgedacht hat und wie viel davon wahr geworden ist. So was müsste viel mehr gezeigt werden.