Karl Allgöwer über Omar Marmoush Das macht das Freistoßtor des VfB Stuttgart so besonders

Der perfekte Schuss: Omar Marmoush trifft gegen den FC Augsburg über die Mauer ins linke Lattenkreuz. Foto: Pressefoto Baumann

Nach fast sechs Jahren hat der VfB mal wieder ein direktes Freistoßtor in der Bundesliga erzielt. Karl Allgöwer, einst selbst Spezialist für den ruhenden Ball, analysiert den Kunstschuss von Omar Marmoush.

Sport: David Scheu (dsc)

Zwei Schritte Anlauf. Mehr brauchte Omar Marmoush nicht, um den nötigen Schwung aufzunehmen und den Ball mit dem rechten Innenrist über die Vier-Mann-Mauer des FC Augsburg zu streicheln. Die sprang zwar hoch, allerdings nicht synchron und letztlich auch zu spät. So zischte das Spielgerät haarscharf über die gegnerischen Scheitel hinweg, geradewegs auf den Kasten zu. Der Augsburger Torhüter Rafal Gikiewicz machte sich lang und länger, touchierte die Kugel sogar noch mit dem lang ausgestreckten rechten Arm – vergeblich. Der Ball hatte zu viel Tempo und schlug unhaltbar im linken Torwinkel ein.

 

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Marmoushs Kunstschuss löste ekstatische Glücksgefühle bei all jenen aus, die es mit dem VfB Stuttgart halten. Zum einen, weil der Treffer zum 2:2 die Weiß-Roten in das immens wichtige Kellerduell mit den Augsburgern zurückholte. Zum anderen, weil man solche Tore am Cannstatter Wasen gar nicht mehr gewohnt war. Fast sechs Jahre hatten die Fans auf einen direkten Freistoßtreffer im Oberhaus warten müssen – zuletzt war Daniel Didavi im Mai 2016 gegen den VfL Wolfsburg erfolgreich gewesen.

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Diese Freistoßflaute hat beim VfB eigentlich keine Tradition. Früher war das gekonnte Verwandeln des ruhenden Balles sogar eine echte Stuttgarter Spezialität. Filigrantechniker Krassimir Balakov zum Beispiel schnippelte den Ball während seiner acht Jahre beim VfB mit seinem starken linken Fuß beachtliche 14 Mal über die Mauer ins Netz. Und dann war da natürlich noch Karl Allgöwer, der in den 1980er Jahren mit ebenso scharfen wie wuchtigen Standards regelmäßig für allerhöchste Gefahr sorgte.

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Natürlich hat der 65-Jährige auch Marmoushs Freistoß gesehen. Und natürlich hat er ihn genau studiert und genossen. „Es geht nicht besser. Bei dem Schuss hat alles gepasst, jede Kleinigkeit“, sagt Allgöwer. Vor allem habe es überhaupt keinen Spielraum für irgendeine andere Flugkurve gegeben: „Der Ball muss genau so kommen. Er ist rechtzeitig angestiegen, hat sich aber auch rechtzeitig wieder gesenkt. Das ist Feinstarbeit.“

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Heutzutage aber wirkt der Schuss des Ägypters fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Immer öfter schlägt im modernen Fußball das Kollektiv die Individualität, immer regelmäßiger werden Aktionen zu elft statt alleine ausgeführt. Auch die Freistöße. Teams wie der SC Freiburg – mit bislang 20 Toren die Standardkönige der Saison – haben sich mit einstudierten Passfolgen und kreuzenden Laufwegen ligaweit einen gefürchteten Ruf bei ruhenden Bällen erarbeitet.

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Auch aus relativ aussichtsreichen Positionen erhält die Flanke inzwischen oft den Vorzug vor dem direkten Abschluss: Kein einziger aktiver Bundesliga-Spieler kann auf seiner Visitenkarte eine zweistellige Zahl direkt verwandelter Freistöße vorweisen, die bislang letzte Hochphase solcher Kunstschützen liegt in Deutschlands erster Liga bereits ein Jahrzehnt zurück. Damals waren Techniker wie Diego (13 Freistoßtore), Hakan Calhanoglu (11) und Sejad Salihovic (10) in aller Munde.

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Allgöwer kann diesen Trend nicht ganz nachvollziehen. „Eigentlich ist ein direkter Freistoß viel besser planbar als ein indirekter“, sagt er unter Verweis auf die Anzahl der beteiligten Akteure – und die potenziellen Fehlerquellen. Während bei einstudierten Varianten immer mehrere Rädchen ineinandergreifen müssten, seien die Unwägbarkeiten beim direkten Torabschluss weitaus übersichtlicher. „Es ist die direkteste Chance auf ein Tor“, betont Allgöwer, „Schütze gegen Torhüter, dazu vielleicht noch ein bisschen Mauer.“ Dieser Kunstschuss sei deshalb geradezu prädestiniert für Überstunden und Einzeltraining.

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Mehr noch: Im Vergleich zu früher sieht Allgöwer den Schützen inzwischen klar im Vorteil. Zunächst aufgrund der Beschaffenheit des Spielgeräts: „Der Ball flattert heute viel mehr als früher. Wenn man ihn perfekt trifft, ist die Flugkurve unglaublich schwer einzuschätzen.“ Darüber hinaus spiele das Freistoßspray eine wichtige Rolle, das in der Bundesliga seit 2014 den korrekten Abstand der Mauer von 9,15 Metern zum Schützen sicherstellt. „Früher stand die Mauer nie und nimmer neun Meter weg, da kamst du einfach nicht drüber“, sagt der zehnmalige Nationalspieler. Er habe sich deshalb selbst die direkten Freistöße immer wieder kurz antippen lassen, um ein günstigeres Schussfeld zu erhalten.

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Dass solche Tore aber auch bei idealen Bedingungen und nach wochenlangem Training nie zum Selbstläufer werden, steht für Allgöwer außer Frage: „So ein Treffer wie von Marmoush lässt sich nicht beliebig wiederholen. Das ist ein schwieriger Schuss, der definitiv öfter schiefgeht, als dass er klappt.“ Den VfB-Fans wäre vermutlich schon geholfen, wenn sie nicht wieder sechs Jahre bis zum nächsten direkten Freistoßtor warten müssten.

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