Der Vorwurf kultureller Aneignung gegen Karl May ist nicht neu. Schon einmal tobte eine Debatte, die sein Werk unter Generalverdacht gestellt hat. Das war 1910, zwei Jahre vor seinem Tod. Der Hechinger Benediktinerpater Ansgar Pöllmann, Herausgeber der auch nach damaligen Kriterien nicht besonders „woke“ klingenden Zeitschrift „Gottesminne“, erhob gegen den Erfolgsschriftsteller den Vorwurf, dieser habe bei dem um eine Generation älteren Kollegen Friedrich Gerstäcker abgeschrieben und sich damit dessen geistiges Eigentum widerrechtlich angeeignet.
In ganzen Artikelserien wütete der katholische Ordensmann gegen den Schöpfer der Winnetou-Romane, um die Jugend vor dessen anstößigem Werk zu schützen. Zumindest in diesem Punkt scheinen sich die Motive früherer und heutiger Karl-May-Kritiker zu gleichen. Auch die aktuelle Diskussion entzündet sich an der Frage, inwieweit die Zurichtung der Welt nordamerikanischer Ureinwohner geeignet ist, den heute postkolonialistisch genordeten moralischen Kompass junger Leute zu irritieren. Karl May als Verderber der Jugend – auf interessante Weise schließt sich damit ein Kreis, innerhalb dessen allerdings die erstaunlichsten Positionswechsel zwischen Subversion und Anpassung stattgefunden haben.
Für Arno Schmidt, der einst den jungen Redakteur des Süddeutschen Rundfunk, Hans Magnus Enzensberger, mit der Ankündigung verblüffte, dem verpönten Trivialliteraten ein Radiofeuilleton widmen zu wollen, ist der Schatz intensiver Jugendlektüren ein Erfahrungskapital, das alles Spätere speist. Und sei es nur ein Satz wie „Winnetou wird sterben“ im dritten Band der dem Häuptling der Mescalero-Apachen gewidmeten Trilogie, mit dem für Generationen von Lesern und Leserinnen die Kindheit tränenreich endet und das Leben beginnt.
Verfällt Karl May gerade dem Verdikt der aktuellen Speerspitze kritischen Denkens, so zählte er einmal zur Galionsfigur vergangener Aufklärungsavantgarden, denen es um die Errichtung einer gerechteren Gesellschaft zu tun war. Ernst Bloch, der Tübinger Altmeister der Utopie, von seinem Schüler Gerhard Zwerenz liebevoll „Old Bloch“ tituliert, liebte es, mit dem Bekenntnis zu provozieren, er kenne nur Karl May und Hegel, alles andere sei lediglich eine unreinliche Mischung aus beiden. In den erträumten Geschichten seiner Bücher dominiere das subjektive Verlangen, die bestehende Gesellschaft hinter sich zu lassen: „Fast alles ist nach außen gebrachter Traum der unterdrückten Kreatur, die großes Leben haben will.“
Traum von der Revolution
Jene, die heute darin nur noch rassistische Klischees und kolonialistische Attitüden erkennen, mögen das für Nachtgedanken alter weiser Männer halten. Doch wohin frühe Leseekstasen mit dem Radebeuler Ethnoromantiker und Abenteuererfinder führen können, hat die grüne Kulturstaatsministerin Claudia Roth einmal so beschrieben: „Als Kind träumte ich mich in die weite Welt von Winnetou, Old Shatterhand, Nscho-tschi und Kara Ben Nemsi. Bei mir hing als junges Mädchen zunächst Winnetou im Zimmer, dann irgendwann Che Guevara.“ Dazu noch einmal Bloch: „Träumt Kolportage immer, so träumt sie doch letzthin Revolution.“ Auch bei den Sympathisanten der linken Stadtguerilla des Deutschen Herbstes finden sich Spuren prägender Lektüreerlebnisse. Darauf deutet noch der Tarnname „Mescalero“ unter einem bestürzenden Pamphlet, in dem die „klammheimliche Freude“ über den Mord an dem Generalstaatsanwalt Siegfried Buback geäußert wurde.
Karl May wurde als 5. von 14 Kindern einer verarmten Weberfamilie geboren. Seine Helden sind Deutsche, da ist er ganz Kind des wilhelminischen Kaiserreichs. Doch sein Herz schlägt ebenso für die Schwachen und Unterdrückten. „Ich klage die ganze sich ‚zivilisiert‘ nennende Menschheit an, dass sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, dass dieses ‚Zivilisieren‘ nichts anderes als ein ‚Terrorisieren‘ ist!“, schreibt er in eigenwilliger Vorwegnahme der Dialektik der Aufklärung in seinem Essay „Und Friede auf Erden“.
Was nicht heißt, dass sich nicht ebenso vor Nationalismus und Chauvinismus triefende Passagen zitieren ließen, die zu einer Instrumentalisierung durch die Nationalsozialisten geradezu einluden, ein Schicksal freilich, das er mit dem der Kolportage unverdächtigen Hölderlin teilt. Arno Schmidt hat auf die homoerotischen Komponenten zwischen Shatterhand und Winnetou hingewiesen. Auch daran knüpfte sich einst eine erbittert geführte Debatte, in der glühende Karl-May-Fans ihr Idol gegen den in ihren Augen ungeheuerlichen Befund mindestens so wütend verteidigten wie heute gegen die von ihnen unterstellte Cancel Culture. Dabei finden sich in seinem Werk Figuren, die von der gendertheoretischen Revolte gegen sogenannte heteronormative Rollenbilder profitieren würden: Tante Droll aus dem „Schatz im Silbersee“ etwa, ein tüchtiger Westmann in Frauenkleidern.
„Winnetou reitet wieder“ war ein Wahlspruch, den in den 80er Jahren linke Stadtindianer, die sich selbst so nannten, an die Häuserwände großer Städte sprühten. Das ist nicht unbedingt die politische Heimat derer, die sich heute am intensivsten dafür einsetzen, dass Winnetou weiter reitet. Die sich ihm in den Weg stellen wiederum müssen sich fragen lassen, ob ihre moralischen Reinheitsgebote nicht im strikten Widerspruch zu dem stehen, was sie zu schützen vorgeben: das Widersprüchliche, Uneindeutige – ebenjene unreinliche Mischung, aus der nach Ernst Bloch eigentlich alles besteht.
„Die Revolution frisst ihre Kinder“ ist ein Satz gemünzt auf die jakobinische Spätphase menschheitsbeglückender Ideen. Mit Blick auf die Rezeption von Karl May gilt auch sein Gegenteil: Die Kinder fressen die Revolution. Der Benediktinerpater Pöllmann würde sich vermutlich ins Fäustchen lachen über das, was sich gerade vollzieht.