Karl May Der Neffe von Ralf Wolter

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Ein Besuch beim Turnverein

„Ja, Ralf spielt noch“, bestätigt der Dasinger Festspielregisseur Peter Görlach ein paar Wochen später, „er ist aber ein schwieriger Mensch.“ Die Premiere hat er anscheinend verlassen, kolportiert der Regisseur, als der Winnetou-Darsteller Pierre Brice auftauchte und ihm die Show stahl. Ralf Wolter teilt mir via Görlach mit, dass er nicht mit Journalisten spreche.

In Plochingen indessen, heute 14 209 Einwohner, etliche katholisch, gibt es eine heiße Spur: „Do frogsch dr Jong von der Minigolfanlage“, sagt ein Filmkenner am Ort, „der isch der Neffe vom Ralf Wolter.“

Der Jong ist 64 Jahre alt. Dietmar Thrun trägt einen gepflegten weißen Schnauzer und ein weiß gestreiftes Hemd. Die Minigolfanlage gehört dem Plochinger Turnverein, der im Gegensatz zum Plochinger Schachverein nicht im Film vorkommt. Sie liegt ganz oben auf dem Nordufer des schönen Neckarstrandes, am Schurwald, wo die Luft kühl und klar ist. Unter dem Horizont liegt Plochingen: heute das Tor zum Mittleren Neckarraum und somit ein Teil eines langen Industriebandes.

„Ralf Wolter?“, fragt Thrun mich. „Wer isch denn des?“ Nein, er sei nicht der Neffe des Gesuchten, sondern der Neffe des Filmkomikers Eddi Arent, „aber der hat sich nie bei uns blicken lassen“. Die Familie heiße eigentlich Arendt und komme aus Danzig, die meisten Brüder wohnten in München, und mit dem Eddi hätten die auch nicht viel am Hut. „Der war ja auch immer was Besonderes.“ Bloß einmal sei Eddi Arents Mutter nach Plochingen gekommen, um ihr Enkelkind zu besuchen.

Über Umwege zurück in die Spur

Dietmar Thrun sitzt seit 30 Jahren jeden Sommer auf dem Stühlchen der Minigolfbude und hört Radio, und zwar die 107,7. „Ja, die Beatles, das ist meine Gruppe“, sagt er. „Was soll ich zu Hause rumsitzen, ich bin ja alleinstehend. Ich interessiere mich für Musik, nicht für Sport, nicht für Autos. Nur für Musik und Frauen.“ Er lacht, streckt die Arme aus von der einen Wand der weiß gestrichenen Bretterbude zur anderen, so dass seine Fingerspitzen fast den Kühlschrank berühren, das Fach mit den Schlägern und den Tisch gegenüber. Eine Handbewegung, die mindestens so groß ist wie sein Leben und größer als die blaue Mauer der Schwäbischen Alb, die man vor dem Fenster sieht. 47 Jahre war Thrun hauptberuflich bei Hirschmann Automotive, eigentlich hat er Bäcker gelernt, aber nachdem er vom Kirchturm gefallen war, konnte er nicht mehr schwer tragen.

Sch wie Schurke und K wie Komiker

Manchmal findet man über Umwege in die Spur zurück: Eddi Arent war wie Ralf Wolter in etlichen Karl-May-Filmen als Spaßmacher aufgetreten, in manchen spielten die beiden sogar gemeinsam. Allerdings nicht in den beiden Mexikofilmen, in denen Wolter als „Andreas Hasenpfeffer, schwäbischer Uhrenverkäufer aus Plochingen“, auftritt. Die drehte der Berliner Großproduzent Artur Brauner, um auf der Karl-May-Filmwelle mitzuschwimmen, die mit dem „Schatz im Silbersee“ begonnen hatte.

Artur Brauner ist der letzte Überlebende der Gründergeneration des Nachkriegsfilms und der vermutlich dienstälteste Produzent der Welt. 1918 in Lodsch geboren, drehte er früh Reisefilme, tauchte als Jude in der besetzten Ukraine unter und kam nach dem Krieg in Deutschland ganz groß raus: Er landete Hits wie „Die Ratten“ und etliche Flops, wie den Historienschinken „Ein Kampf um Rom“. Nach dem Ende seiner Studios baute Brauner ein Immobilienimperium auf, das Zeitungsberichten zufolge gelegentlich wackelt. In Berlin ist er bekannt wie ein bunter Hund, sein Leben war eine Achterbahnfahrt.




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