Karl May Sch wie Schurke

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500 Quadratmeter umfasst das Artur-Brauner-Archiv des deutschen Filminstituts in Frankfurt. Ein ganzer Güterbahnhof voller Schränke birgt Requisiten und Filmspulen. Im Dämmerlicht lugt ein Metropolis-Roboter um die Ecke, zwischen den Schränken erzeugt ein winziges Fenster einen Lichtspalt, gerade groß genug, um die schwarz gekleidete Mitarbeiterin sichtbar zu machen, die dort an einem Schreibtisch hockt. Sie übergibt mir die Drehbücher für den „Schatz der Azteken“.

Es sind simple Leitz-Ordner mit hektografierten Blättern drin. Eines ist sogar in Englisch, „Plochingen, 2413 Inhabitants with 99 Catholics“ heißt es darin. Am Set der Filme, die in Jugoslawien gedreht wurden, war die Arbeitssprache Englisch. Auf zwei Extraseiten werden die Figuren beschrieben, sie alle tragen ein Kürzel: Sch wie Schurke, und Ch wie Charge, natürlich findet man auch den listigen Andreas Hasenpfeffer mit K wie Komiker. Fünf Autoren hat Artur Brauner verschlissen, bevor er mit dem Drehbuch zufrieden war.

Der Besuch im Archiv hat sich gelohnt, denn schon in der ersten Drehbuchfassung von dem österreichischen Filmschauspieler Georg Marischka kommt Plochingen vor. Marischka war also der Mann, der Plochingen zum Film brachte.

Dabei zeigt er sich erstaunlicherweise als profunder Kenner des Städtchens. In seinem Drehbuch heißt es nicht nur, „Plochingen am schönen Neckarstrand, 2413 Einwohner, 99 katholisch . . .“, nein, Marischka ist hier vielschichtig, geht in die Tiefe, lässt Hasenpfeffer sagen: „ . . . für die es dort eine ganz besonders künstliche Ottilienkapelle gibt, Baumwollspinnerei, Hadernsortieranstalt, Drahtwebereien, alles am Ort.“ Nicht nur das passt auf das historische Plochingen. Das Erstaunlichste daran ist: das Plochinger Heimatbuch verzeichnet für das Jahr 1900 tatsächlich 2413 Einwohner. Über die Anzahl der Katholiken schweigt es sich allerdings aus. Damit ist der „Schatz der Azteken“ die einzige veröffentlichte Quelle zum katholischen Bevölkerungsanteil in jener Zeit!


In einem Interview hat Marischka einmal erzählt, er habe mit Andreas Hasenpfeffer eine Figur schaffen wollen, die einen lebhaften Dialekt spricht, über Plochingen sagte er nichts – zu dumm aber auch. Seine Witwe Ingeborg Schöner, bekannt durch viele Kinofilme und die Fernsehserie „Soko 5113“, kann sich noch gut erinnern, wie ihr Mann das Drehbuch zusammen mit seinem Bruder Franz Marischka geschrieben hat. „Die haben sich immer die Bälle zugespielt und ganz viel dabei gelacht. Wenn die zwei gearbeitet haben, durfte ich nur den Kaffee reinbringen“, erinnert sich die 77-jährige Ingeborg Schöner. „Jetzt muss ich aber nach Indien fliegen zu meiner ayurvedischen Kur. Vielleicht fällt mir danach noch etwas ein“, sagt sie am Telefon. „Sehen wir uns bei der Filmgala?“

Die letzte Spur führt zurück

Das Hollywood-Media-Hotel am Kurfürstendamm gehört Artur Brauner. Er ist der Ehrengast bei der Gala zu 50 Jahren Karl-May-Filme. Die Besucher drängen sich um ihn, jeder will ihn fotografieren. Bill Ramsey ist da und Chris Howland, Schlagerstars der 60er, die in den Karl-May-Filmen aufgetreten sind. Ingeborg Schöner wird von ihren alten Gefährten umschwärmt, Martin Böttchers, der Komponist der Winnetou-Filmmelodie, prostet ihr zu.

„Plochingen, ach das gibt es wirklich?“ Vor mir steht Michael Petzel vom Karl-May-Archiv in Göttingen. Der Studienrat ist der geborene Conférencier, hat die Ruhe weg und kann jede Situation mit einem gelungenen Witz überspielen. Er veranstaltet die Gala und hat so ziemlich jeden eingeladen, der etwas mit Karl May zu tun hat. Sein Fachwissen ist immens. Petzel weiß natürlich, dass Franz Marischka zu seiner Zeit der größte Napoleon-Kenner weltweit war und für jeden Tag im Leben des großen Korsen in etwa sagen konnte, wo er war und was er tat. „Ist denn Napoleon einmal in Plochingen gewesen?“, fragt er. „Dann wäre doch Ihre Frage beantwortet!“

Natürlich kennt man in Plochingen die prominenten Durchgereisten, zumal das Plochinger Heimatbuch die Erinnerung an sie aufrechterhält. Es vermeldet, dass Napoleon 1809 durch Plochingen fuhr, weswegen man ein Glockenläuten und ein Schießen veranstaltet hat. Die Marischka-Witwe Ingeborg Schöner löst sich von ihren Fans und dreht sich mir einen kurzen Moment zu: „Mein Mann hatte da so einen Freund, einen Autografensammler bei Stuttgart, vielleicht hat der ihn auf die Idee mit Plochingen gebracht.“ Dann widmet sie sich wieder ihren Freunden. Auf der Bühne spielt gerade die Shatterband ihren größten Hit „Howdy ho Winnetou“.

Ich werde wohl nie erfahren, wie Georg Marischka auf die Stadt am Neckarstrand kam. Eines ist aber sicher: durch ihn und Artur Brauner ist das schöne Plochingen im Filmhimmel angekommen. Und da gehört es doch wohl hin mitsamt seinen 2413 Film-Einwohnern, auch wenn – oder vielleicht gerade weil – 99 katholisch sind.




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