Wo bitte geht es hier zur Hölle? Auftritt der norwegischen Band Mayhem Foto: imago//Gonzales Photo/Malthe Ivarsson
Verführer, Charismatiker und Satanisten stehen im Mittelpunkt des dritten Teils von Karl Ove Knausgards gewaltigem Endzeit-Zyklus. Er kreist um einen Ritualmord in der norwegischen Black-Metal-Szene und das ewige Leben, das hier und jetzt beginnt.
Was sich da wohl zusammenbraut? Das fragt man sich mit wachsender Ungeduld, seit der norwegische Autor Karl Ove Knausgard vor gut zwei Jahren mit dem rätselhaften Aufgang des „Morgensterns“ einen neuen monumentalen Romanzyklus begonnen hat. Und die Spannung steigt und steigt. Das liegt einmal an dem endzeitlichen Zwielicht des neuen Gestirns, das das Leben einer Reihe von Personen eines norwegischen Städtchens während zweier ungewöhnlich heißer Sommernächte verknüpft. Und das liegt zum anderen an der Erzählweise.
Karl Ove Knausgard Foto: www.imago-images.de/IMAGO/Thomas Karlsson/DN/TT
Wie schon die ersten beiden Bände des auf fünf Teile angelegten gewaltigen Werks besteht auch das nun erschienene „Dritte Königreich“ aus einer Folge unterschiedlich langer, jeweils aus der Ich-Perspektive wechselnder Akteure erzählter Abschnitte. Und eine skrupellose Cliffhänger-Dramaturgie lässt die Lesenden immer gerade dann in der Luft baumeln, wenn sie gerade hofften, etwas festen Boden unter die Füße zu bekommen.
Wer aus dem Titel „Das dritte Königreich“ gewisse Anspielungen heraushört, liegt nicht falsch, sie dröhnen mit satanistischem Rumor aus dem wieder einmal krachend umfangreichen Roman heraus. Ging es in den Vorgängerbänden um Fußballtraining, Religion, Arbeitslosigkeit, das Mysterium des Lebens, Eier, Speck und Frikadellen, rücken nun die Riten der norwegischen Death-Metal-Szene in den Mittelpunkt. Drei Mitglieder einer Band sind grausam hingerichtet worden, ein viertes ist auf der Flucht. Da wüsste man natürlich gerne, wie es weiter geht.
Doch der Roman beginnt mit der gleichen Szene, die schon den „Morgenstern“ eröffnet hat. Diesmal nur aus Sicht der empfindsamen Künstlerin Tove, die mit ihrer Familie im Landhaus am Meer Urlaub macht. Im ersten Band war es der Sommeralkoholismus des Mannes, einem zum Totenkult forschenden Literaturwissenschaftler, der das Geschehen einer sich anbahnenden Krise seiner Frau begleitet hat. Nun ist es das böse Raunen einer inneren Stimme aus der Hinterwelt der entstehenden Psychose, zu der Toves dunkler künstlerischer Schaffensdrang die Tür aufgestemmt hat. Was man hier liest, könnte in seiner beängstigenden Präzision als Fallstudie durchgehen.
Walpurgisnacht der Stile und Genres
Wie hängen die äußeren Ereignisse, die unnatürliche Hitze, das seltsame Verhalten der Tiere, der entsetzliche Ritualmord, mit den inneren zusammen: den Albträumen, die eine junge Schülerin verstören, den Eifersuchtsanfällen und Affektausbrüchen, mit denen der harmlose Langweiler Gaute, ein Lehrer, seine Frau, eine Pfarrerin, traktiert? Diese ist gerade dabei, den Glauben zu verlieren, an ihre Ehe – und an Gott. Am Morgen hat sie jemand beerdigt, mit dem sie sich kurz zuvor noch im Flugzeug unterhalten zu haben meint.
Ist das Innere der Spiegel des Äußeren oder nicht vielleicht gerade umgekehrt? Es ist die faszinierende Zumutung dieses eindrucksvollen belletristischen Größenwahns, genau diese Fragen über Tausende von Seiten in der Schwebe zu halten. Knausgard bespielt den ganzen Raum zwischen Trivialität und Traktat, eine Walpurgisnacht der Stile und Genres: Horror, Mystery, Familienroman, Psychogramm, Krimi.
Alles besitzt einen doppelten Boden. Bipolar ist nicht nur das Seelenleben der Künstlerin. Alle Figuren haben mit verschiedenen Seiten ihrer Persönlichkeit zu kämpfen. Der Kommissar, der den Mord an der Band aufklären soll, führt ein verrücktes erotisches Doppelleben, dem Ehemann der Pfarrerin kommt es in seinen Misstrauensanfällen vor, als hätte er sich in zwei Menschen aufgeteilt. Und selbst in dem charismatischen Verführer einer anderen Band aus dem dunklen Spektrum verbinden sich runenraunender nordischer Mythenkult mit dem halbwüchsig-zivilisationskritischen Idealismus eines ehemaligen Philosophiestudenten; seine musikalischen Satansbeschwörungen finanziert er als Hol- und Bringdienst eines Krankenhauses, weil er sich der Kommerzialisierung der Musikindustrie verweigert.
Seit der Stern am Himmel steht, wird nicht mehr gestorben, was vor allem dem Bestatter Syvert Sorge bereitet, der im vorigen Band „Die Wölfe im Wald der Ewigkeit“ ein florierendes Unternehmen aufgebaut hat. In klinisch Tot-Geglaubten regt sich plötzlich wieder Bewusstsein. Die mysteriösen Lazarus-Momente in einem Krankenhaus versucht ein Neurologe von wissenschaftlicher Seite aus zu klären, während der Kommissar Hilfe bei der Pfarrerin sucht, weil er sich niemand anderen als Satan selbst hinter der bestialischen Tat denken kann. Bipolar ist schließlich der den Tod vertreibende neue Stern und das dröhnende Schattenreich der spezifisch norwegischen Ausprägung musikalisch-okkultistischer Radikalrebellion, die von dem Realcrime-Gemetzel rund um die Band Mayhem inspiriert worden sein mag.
Der Roman ist nicht nur eine Sonde in das gewöhnliche Leben, verknüpft mit nicht geringen voyeuristischen Lustpotenzialen. Er ist darüber hinaus eine Sonde in Hinterwelten, die man kaum zu betreten wagt. Möglicherweise gehört die Hölle dazu. Das faustische Moment, wissen zu wollen, wie alles zusammenhängt, kehrt als fieberhafte Leseerfahrung wieder – auch wenn es über die Jahre immer schwieriger wird, sich im Gespinst der vielen losen Erzählfäden zurecht zu finden. Doch gerade im ahnungsvollen Entgleiten von Querverbindungen, im unruhigen Flackern von Déjà-vus zeigt sich das Ganze als ein in sich gesättigter, atmender Organismus, der seinen eigenen Gesetzen folgt – und in der Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht.
Wurde eben noch über Nutzen und Nachteil von Zahnzwischenraumbürsten philosophiert, folgt kurz darauf die intellektuelle Zucht eines Essays über die Entstehung des Bewusstseins. Man könnte das für entrückt halten, wäre es nicht gespeist von einer beunruhigenden Gegenwärtigkeit. Als lieferten die ausladenden Alltagsmitschriften des früheren Mammutwerkes „Min Kamp“ nur das Material für die Mitschrift der Endzeit, über der der rätselhafte neue Stern prangt. Er mag das Ende aller Tage ankündigen, doch bis dahin bleiben hoffentlich noch zwei dicke Bände, in denen sich die vielen Einzelheiten zur Summe zeitgenössischen Lebens runden.
Karl Ove Knausgard: Das dritte Königreich. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand. 656 Seiten, 28 Euro.
Info
Autor Karl Ove Knausgard wurde 1968 in Oslo geboren und gilt als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart. Die Romane seines sechsbändigen, autobiografischen Projekts „Min Kamp“ wurden weltweit zur Sensation. Sie sind in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. Er lebt in London.
Zyklus Nach „Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit“ ist „Das dritte Königreich“ der dritte Teil einer Pentalogie, die mit dem Roman „Der Morgenstern“ begonnen hat.