Karnevalsgesellschaft Zigeunerinsel Stuttgarts Alte Garde
In Stuttgart-West trainieren sieben Männer den klassischen Gardetanz. Ein Abend mit den Herren der Karnevalsgesellschaft Zigeunerinsel.
In Stuttgart-West trainieren sieben Männer den klassischen Gardetanz. Ein Abend mit den Herren der Karnevalsgesellschaft Zigeunerinsel.
Ein bisschen fühlt es sich an, als sei man in einem Kostümfilm gelandet. Sieben Männer in einer Turnhalle, die meisten jenseits der 50. Auf ihren Uniformjacken schillern Pailletten und glänzen goldene Fäden. Die Beine stecken in engen weißen Reiterhosen, Dreispitz-Filzhüte thronen auf den Köpfen, inklusive Federnest. Dazu passt die Marschmusik, die den Raum erfüllt – zackig, mit Pauken und Trompeten. Die Männer fassen sich an den Schultern und hüpfen synchron im Takt. Ja, sie hüpfen. Und während sie das tun, bilden sie eine Linie und katapultieren ihre gestreckten Beine in die Höhe, so hoch es eben geht. Dann marschieren sie ein paar Schritte und bringen sich in Position. Drei Männer fassen einen vierten an den Beinen und hieven ihn nach oben, als wäre er ein König. Die Hebefigur wird mit einem freudigen „Juchuh“ kommentiert. Als hätten sie nie etwas anderes gemacht in ihrem Leben, schlagen zwei Herren ein Rad. Man ist versucht, ihnen zuzurufen: „Seid vorsichtig, ihr seid schließlich nicht mehr die Jüngsten!“ Was ist hier los?
Die Altherren-Garde der Karnevalsgesellschaft Zigeunerinsel ist los. Dienstagabends gehört die vereinseigene Turnhalle im Stuttgarter Westen ihnen. Sieben Männern zwischen 43 und 60 Jahren, die den Gardetanz zelebrieren, einfach, weil sie Lust darauf haben. Weil sie Fasching mögen. Weil Zusammentanzen mehr Spaß macht, als alleine vor sich hin zu schwitzen. Das ist hier also los.
Die maßgeschneiderten Kostüme erinnern an Militäruniformen aus dem 18. Jahrhundert. Jedes ist 800 Euro wert. Sie kommen normalerweise nur bei Auftritten zum Einsatz. Aber wenn ein Fotograf vor Ort ist, darf’s auch beim Training das Bühnenoutfit sein. Weil die Reiterhosen im unteren Drittel transparent sind, tragen die Männer weiße Strumpfhosen darunter. Gewöhnungsbedürftig findet Roland das, und damit ist er nicht allein. Aber was will man machen? Roland ist neu in der Gruppe. Seine Frau hat ihn in dem Outfit noch nicht gesehen. Sie wartet bis zu einem ersten Auftritt. „Schau mal“, scherzt er, „mit der Uniform läuft man nicht, man stolziert.“
Zugegeben: Der Anblick dieser Männerrunde ist gewöhnungsbedürftig. Das mag daran liegen, dass es nicht viele männliche Tanzgarden gibt. In Süddeutschland seien sie die einzige, sagt Marius, der Jüngste der Truppe. Anders im Saarland, da gebe es männliche Gardetänzer, gegen die die Stuttgarter bei Turnieren antreten. Drei Pokale haben sie bereits gewonnen, sie glänzen in Vitrinen im Aufenthaltsraum der Zigeunerinsel. 2019: erster Platz beim Freundschaftsturnier der Mistelhexen in Neckarweihingen. 2020: erster Platz in Dornstadt. Und: zweiter Platz bei den württembergischen Meisterschaften. Okay, die Herren geben es zu: Bei einem der Turniere waren sie die einzigen Teilnehmer. Gefreut habe man sich trotzdem über die Auszeichnung. Die Männer starten in der Kategorie „männliche und gemischte Garden“. „Da sind auch junge, knackige Kerle zwischen 15 und 18 Jahren dabei“, sagt Marius, der wie die meisten Tanzkameraden, seine Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Wenn die Jungen aus dem Stand einen Flickflack hinlegten, könne man natürlich nicht mithalten. Aber sei’s drum. Darum geht es den Herren nicht.
Angefangen hat alles 2019, als drei Väter ihre Töchter auf ein Tanzturnier begleiteten und feststellten: „Männer sind in den Garden unterrepräsentiert.“ Das wollten sie ändern und gründeten spontan die Altherren-Garde. Alle waren sich einig: „Keine Tutus! Kein Männerballett! Wir machen das ernsthaft.“ Ihr Ziel: auftreten. Irgendwann. Und dabei möglichst nicht über die eigenen Füße stolpern.
Dass das nicht passiert, dafür sorgen die Trainerinnen Angelika Harm und Claudia Heermann, zwei durchtrainierte Frauen in schwarzen Leggings, deren blonde Pferdeschwänze wippen, wenn sie die Schrittkombinationen vormachen. Heermann war selbst viele Jahre lang Gardetänzerin, Harm besitzt ein Fitnessstudio, in dem die Tänzer zusätzlich jeden Freitag trainieren können. Gemeinsam machen sie den Männern Beine. „Die Koordination war anfangs eine Herausforderung“, sagt Claudia Heermann lachend. Ein Chaos aus Armen und Beinen. Trotzdem habe sie nie gedacht: „Das sind hoffnungslose Fälle.“ Man müsse halt gucken, was geht. Ein Level setzen, das nicht überfordert, sondern Spaß macht. „Wir haben uns definitiv gesteigert.“
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Die 47-Jährige mag die Mischung verschiedener Stile beim Gardetanz. Die schnellen Schrittkombinationen seien nicht so einfach, wie sie aussehen. „Das erfordert Kraft, Koordination und Kondition.“ Auf den gardetypischen Spagat verzichten die Männer. Die Dehnungsfähigkeit älterer Herren sei nun mal eingeschränkt, sagt Angelika Harm, die bereits bei der Gründung dabei war. Dennoch ist sie überzeugt: „Die sind jetzt alle fitter denn je.“
Wolfgang hat keine Rückenschmerzen mehr. Martin betont, Gardetanz sei viel mehr als Rumgehüpfe. „Das ist komplex. Und es tut gut.“ Stefan hilft die Gruppe, den inneren Schweinehund zu überwinden. „Alleine ist man faul und macht zu wenig.“ Seine Frau war es, die ihn ermutigte: „Das wäre was für dich.“ Bei der Zigeunerinsel war er schon vorher Mitglied.
Unter den Männern sind Ingenieure, ein Gebäudemanager und ein Notfallsanitäter. Seit Kurzem gehört auch ein prominentes Gesicht dazu: Heiko Volz, langjährige Synchronstimme der Äffle-Figur des SWR, Autor, Fernsehjournalist, Schauspieler, Moderator und PR-Berater. Und neuerdings: Gardetänzer. An diesem Tag kann der 60-Jährige den anderen beim Training nur zusehen, einem misslungenen Handstand sei Dank. Er hat sich an der Schulter verletzt. Volz erzählt, dass er seinen Freund Roland anfangs als Funkenmariechen verspottete, dann aber nachgegeben habe und einfach mal mitgekommen sei zum Training. Dass er anfangs gedacht habe: „Das sieht ja alles spielerisch aus“ – aber schnell gemerkt habe: „Oha, das ist sportlich.“ Hier hat er zum ersten Mal seit 45 Jahren wieder ein Rad geschlagen. Die Anstrengung einer Choreografie vergleicht er mit fünf Minuten Seilhüpfen am Stück. Einmal hat er alle Tanzschritte aufgeschrieben. Er hat mehrere DIN A-4-Seiten gefüllt. „Sich all die Schritte zu merken, das ist auch eine gute Übung für den Kopf“, sagt er.
Den Fitnessaspekt schätzt er genauso wie den Teamgeist. Nach dem zweistündigen Training sitzen sie oft noch auf ein Bierchen zusammen. „Wir sind ganz verschiedene Leute, trotzdem gibt es da keinen Stress oder Streit“, sagt Stefan. „Karnevalisten tragen Humor und Liebe im Herzen. Das sind die tolerantesten Menschen auf der Welt.“ Dass jeder von ihnen schon mal belächelt wurde angesichts des außergewöhnlichen Hobbys, schweiße noch mehr zusammen. Für Marius gehört ein Augenzwinkern zum Tanzen unbedingt dazu. „Das Leben muss nicht immer todernst sein.“
Apropos: offiziell nennt sich die Gruppe BBG Altherren-Garde. Was BBG bedeutet, weiß keiner so genau. „Vielleicht Bertolt-Brecht-Gedenktag?“, sagt einer. „Best-Buddy-Gang“, ein anderer. Auch Brigitte-Bardot-Groupies und Bierbauch-Garde werden in den Raum geworfen.
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Auf Faschingsveranstaltungen werden die Gardemänner gefeiert. Bei ihren Auftritten sei der Lärmpegel im Publikum immer besonders hoch, erzählen sie. Ein anderer Verein habe gar versucht, sie abzuwerben.
Der Gardetanz, wie wir ihn heute kennen, hat seinen Ursprung in den Revuetänzen der 1920er- und 1930er-Jahre. Als es nach dem Krieg keine Revuetheater mehr gab, füllten die Faschingsvereine diese Lücke mit ihren Mädchengarden. Die Tanzschritte wurden mit der Zeit weniger militärisch, immer mehr akrobatische Einlagen kamen dazu. Der Bund Deutscher Karneval organisierte in den 60er Jahren das erste Gardetanz-Turnier in Deutschland und trug viel dazu bei, dass Gardetanz heute als leistungsorientierter Sport anerkannt ist.
Leistung sei nicht das Ziel der Stuttgarter, sie hätten etwas anderes vor Augen, sagt Wolfgang: „Wir wollen nicht zur Deutschen Meisterschaft, sondern nach Rio.“ Großes Gelächter. Schnell stellt Wolfgang klar: „Es ist unser Ziel, dort zu feiern, nicht zu tanzen.“