Karriere von Frauen Berater: „Vereinbarkeit ist Teil des Problems“
Robert Franken spricht bei der Kontaktstelle Frau und Beruf Stuttgart über weibliche Karrieren. Wo der Berater die größten Hürden sieht – und warum er Teilzeit-Modelle kritisiert.
Robert Franken spricht bei der Kontaktstelle Frau und Beruf Stuttgart über weibliche Karrieren. Wo der Berater die größten Hürden sieht – und warum er Teilzeit-Modelle kritisiert.
Vereinbarkeit – aus den Debatten über die moderne Arbeitswelt ist dieser Begriff längst nicht mehr wegzudenken. Zusammengefasst besagt er: Ein Job sollte es möglich machen, Familie und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Gerade für die beruflichen Aussichten von Frauen sei das essenziell, so die weit verbreitete Annahme.
Im ersten Moment verwundert es also, wenn Robert Franken über weibliche Karrieren sagt: „Vereinbarkeit ist Teil des Problems.“ Mit dieser These überschreibt der Berater einen Vortrag bei der Kontaktstelle Frau und Beruf Stuttgart. Wie kommt er zu dieser Aussage – noch dazu als ein Mann, der einst das Netzwerk „Male Feminists Europe“ mitbegründete?
Franken zielt damit auf etwas ganz anderes ab als beispielsweise die vieldiskutierte Teilzeit-Kritik der CDU (Stichwort „Lifestyle“). Der 52-Jährige berät Unternehmen, aber auch Vereine, Hochschulen, NGOs. „Organisationsberater“ nennt er sich selbst. Seine Arbeit habe viel mit „Zugehörigkeit und Vielfalt“ zu tun, sagt Franken, insbesondere mit Blick auf weibliche Karriereverläufe.
Der Vortrag im Überblick:
Von einer „feministischen Beratung“ will der – passend zum Namen – gebürtige Franke zwar nicht sprechen. Denn: „Man muss ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.“ Sein Handeln verortet er jedoch durchaus in einem „pro-feministischen Umfeld“. So ist er unter anderem Botschafter der „He4She“-Bewegung. Die Initative des Frauenorgans der Vereinten Nationen soll Männer dazu bewegen, sich für mehr Gleichstellung einzusetzen.
Er selbst habe Gleichstellungsfragen früher kaum auf dem Schirm gehabt, sagt Franken selbstkritisch. „Ich bin ein weißer Cis-Mann, mittelalt, heterosexuell – also ein hyperprivilegierter Mensch. Deshalb habe ich erst nach einer gewissen Zeit verstanden, dass die Welt nicht so gerecht ist, wie ich sie einst empfand.“ Ein Umdenken setzte bei ihm erst durch seine Erfahrungen als CEO für das Startup Urbia ein. Das Unternehmen unterstützt Eltern und vor allem Frauen bei Familienthemen. Frankens wichtigste Erkenntnis damals: „Wir strampeln uns individuell an Dingen ab, die eigentlich nur strukturell zu beseitigen sind.“
In diesem Satz liegt nun der Schlüssel zu Frankens These von der Vereinbarkeit als Problem. Seine Kritik: „Es wird oft so getan, als sei Vereinbarkeit vor allem eine Bringschuld der Arbeitnehmer:innen und nur bedingt eine Bringschuld der Arbeitgeber:innen beziehungsweise eine Frage der politischen Rahmenbedingungen.“
Was er damit meint, erklärt Franken anhand von Frau Müller. Die Angestellte ist gerade frisch zurück aus der Elternzeit. Ihr Unternehmen bietet ihr einen Teilzeit-Job mit wenig Reiseverpflichtung an. „Das klingt für eine Mutter ja erst einmal sehr gut“, sagt Franken. Der Haken: In dem Betrieb sind Dauerverfügbarkeit und möglichst viele Kundenbesuche die wichtigsten Währungen. „Dann stelle ich Frau Müller durch den Teilzeit-Job ein Bein, weil ich sie so von Karrierefortschritten und Gehaltszuwächsen ausschließe.“
Dabei handelt es sich zwar um ein fiktives Beispiel. Eine ähnliche Konstellation beobachte er aber immer wieder, sagt Franken. Um Familie und Beruf tatsächlich zu vereinbaren, brauche unsere Gesellschaft ein besseres Verständnis für die sogenannte Care-Arbeit. Sich um die Kinder zu kümmern, Haushaltsaufgaben zu erledigen oder Angehörige zu pflegen: Noch immer übernehmen größtenteils Frauen diese Tätigkeiten – und zwar häufig unbezahlt, vor allem im Familienkontext. Das werde dann gerne als individuelle Entscheidung dargestellt, kritisiert Franken. Aber wirklich frei entscheiden könnten Frauen erst, wenn es für die Care-Arbeit eine Alternative gebe.
Gesellschaftlich gesehen helfe es auch nicht, dann einfach eine Putzfrau zu beschäftigen. Denn deren Job sei unter den derzeitigen Verhältnissen meist prekär. Damit verschiebe sich das Problem lediglich auf eine andere Ebene. Franken spricht deshalb von „ausgelagerten Kosten“. Unser Wirtschaftssystem basiere darauf, die Care-Arbeit oder auch natürliche Rohstoffe als kostenlose Ressourcen zu behandeln.
In der feministischen Theorie sind solche Thesen ein alter Hut. Besteht Frankens Geschäftsmodell darin, sie sich als Mann anzueignen? Männlicher Feminismus als Marketing-Coup, wie kritische Stimmen vielleicht behaupten würden?
„Ich teile eine solche Kritik in Ansätzen sogar“, erwidert Franken. „Es ist immer wichtig, die eigene Position zu hinterfragen.“ Gleichzeitig seien die Inhalte seiner Beratung weiterhin aktuell – unabhängig davon, wer sie nun verbreitet. Zumal es aus seiner Sicht auch auf die Männer ankommt, um eine Veränderung zum Besseren zu erreichen. „Wir sollten nicht versuchen, Frauen in die patriarchal geprägte Arbeitswelt reinzupressen“, sagt Franken, „sondern die grundsätzlichen Rahmenbedingungen überdenken“. Und das gehe eben nur, wenn Mann sich an die eigene Nase fasse.