Karrieretag Roter Teppich für die jungen Bewerber

Arbeitgeber und die jungen Nachwuchskräfte führen intensive Gespräche auf Augenhöhe. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Beim Karrieretag der Familienunternehmen auf dem Gelände von Wolff & Müller präsentieren sich namhafte Arbeitgeber dem dringend gesuchten Nachwuchs – doch der hat so seine Ansprüche.

So sieht die schöne neue Arbeitswelt aus: Arbeitgeber bewerben sich quasi bei den Bewerbern – in kommunikativer Atmosphäre, mit gut vorbereiteten Firmenvertretern und feiner Bewirtung. Wie beim Karrieretag der Familienunternehmen, der am Freitag beim Bauunternehmen Wolff & Müller in Stuttgart-Zuffenhausen über die Bühne ging. Etwa 600 Akademiker, vorausgewählt aus einem Kreis von mehr als 1500 Interessenten, treffen auf gut 35 namhafte bis weniger bekannte Arbeitgeber, die nun darauf hoffen müssen, in den nächsten Wochen eine konkrete Zusage zu erhalten.

 

Der „Purpose“ steht für junge Menschen im Vordergrund

„Nichts bremst uns so sehr aus wie der Arbeitskräftemangel auf allen Ebenen“, sagt Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen. Die Firmen seien daher gezwungen, sich rasch auf die jungen Bewerber auszurichten. Diese würden heutzutage größten Wert auf den „Purpose“ legen – also auf die Sinnhaftigkeit ihres Tuns, zudem auf Teamgeist, Nachhaltigkeit und darauf, sich gut einbringen zu können. Zudem wollten sie flexibel „an jedem Ort der Welt arbeiten“. Allerdings komme der Gesetzgeber mit dem Arbeitsrecht nicht hinterher – so stünden die Familienunternehmen „zwischen den Stühlen und müssen das ausgleichen“.

Aus all dem resultiere für die Arbeitgeber ein „wahnsinniger Trend zur Geschwindigkeit“: „Speed, speed, speed im Recruiting.“ Es sei viel zu spät, dem Interessenten nach vier, fünf Wochen mal einen Termin mitzuteilen. Wer Monate warte, „reitet ein totes Pferd, weil sich der Bewerber dann längst für ein anderes Unternehmen entschieden hat“.

Kaum einer der Auserwählten auf diesem Karrieretag scheint zu erwarten, dass er mit einem Arbeitsvertrag heimgeht. Vanessa Günther will zunächst die Ansprechpartner in den Firmen kennenlernen – eben einen Fuß in die Tür bekommen. Sie lobt das menschliche Klima in den Familienunternehmen, mit Begegnungen auf Augenhöhe und kurzen Kommunikationswegen.

Krastyo Antanasov, der einen Einstieg in die Maschinenbaubranche sucht, hebt die „hohen Wände“ in den ihm bekannten Konzernen hervor – sie würden sich auch sinnbildlich im Berufsalltag bemerkbar machen. Nach seiner Erfahrung werde man dort eher als Ressource behandelt, weniger als Mensch. Jetzt sucht er einen Arbeitsplatz, an dem er sich wohlfühlt und wertgeschätzt wird – Familienunternehmen böten da mit mit flachen Hierarchien und einem anderen Arbeitsklima gute Voraussetzungen.

Große Beachtung der Unternehmenswerte

Joanna aus Ludwigshafen steht am Ende ihres Masterstudiums Kommunikationsmanagement und zeigt sich begeistert, „dass man hier so viele Unternehmen auf einmal kennenlernen kann“. Sie sei schon auf vielen Karrieremessen gewesen, „doch die Gespräche, die ich hier führe, sind viel intensiver und persönlicher als sonst“. Da habe sie das Gefühl, dass sich daraus etwas entwickeln könnte. Die Erwartung eines Vertragsabschlusses hat die 24-Jährige nicht, hofft aber auf vielversprechende Kontakte. Dabei hat sie ihre Kriterien: „Auf die Werte eines Unternehmens achte ich extrem.“ Gemeint ist Nachhaltigkeit, und „viele fördern ja auch soziale Projekte.“ Auch Homeoffice und mobiles Arbeiten wären „schon schön“. Vanessa Waldmann ist quasi Chef-Talentsucherin (Head of Talent Acquisition) bei Festo. „Für uns zählen die Menschen und nicht die absoluten Zahlen“, sagt sie. So liege der Erfolg der Veranstaltung auch nicht auf der Anzahl der eingestellten Bewerbenden, sondern auf interessanten Gesprächen mit Kandidaten – und darauf, „die Geschichte von Festo an die Menschen zu bringen“. Festo spüre den Wandel der Arbeitswelt und den Mangel an Fachkräften sehr, ergänzt ihre Kollegin Svenja Eglauer. Die Anzahl an Bewerbungen sei gesunken. Daher wolle man mit individualisierten Ausbildungs- und Weiterbildungsangeboten punkten.

Was konkret dabei herausspringt, ist offen

Inwieweit die bisherigen Karrieretage zu Vertragsabschlüssen führen, bleibt offen. Durchschnittlich fünf bis zehn seien pro Firma zu erwarten, heißt es. Wenn man aber bei lediglich zwei bis drei neuen Leuten lande, sei es auch gut. Insgesamt 60 Gespräche hat Wolff & Müller an diesem Tag geplant. „Wenn wir mit 20 Neueinstellungsverträgen herauskommen, wäre es großartig“, setzt Oliver Wilm, Geschäftsführer der Holding, hohe Ziele. Die Verantwortliche für die Personalentwicklung, Julia-Carolin Carbon, berichtet von etwa fünf Besuchen bei früheren Karrieretagen – jedes Mal habe sie zwei bis drei Kräfte eingestellt.

Sie sucht neue Leute, die dem Arbeitgeber die Treue halten. Diese anhaltende Bindung markieren die Familienunternehmen auch als ihre große Stärke – selbst in Krisenzeiten würden sie an ihrem Personal festhalten. Da sind für Carbon die ersten sechs Monate entscheidend und die ersten drei Jahre auch noch eine „kritische Phase“, um die Neuzugänge „eng zu begleiten“. Die großen Konzerne hätten zwar klangvollere Namen für den Lebenslauf, in den ersten zwei Jahren der Zugehörigkeit aber eine durchschnittliche Fluktuation von 50 Prozent – das sei doch ein „Wahnsinn“, meint Stefan Heidbreder mit Blick auf den Arbeitskräftemangel.

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