Claudia Konieczny-Heybach macht mit 52 ihre Ausbildung in einer Kita in Köngen. Foto: Markus Brändli
Zwei Quereinsteiger aus dem Kreis Esslingen wagen den mutigen Schritt von der Industrie und aus dem Handel in die Kita-Arbeit. Was treibt sie an, welche Herausforderungen erwarten sie?
Im Oktober hatte Claudia Konieczny-Heybach einen Durchhänger. Mit 52 wieder die Schulbank zu drücken, das war für die Hochdorferin nicht leicht. „Ich kam nicht sofort klar und hatte Zweifel, ob ich mich bis zum Abschluss dazu motivieren kann, zu lernen“, erzählt Konieczny-Heybach. Auch ihr Schulkamerad Timo Arbeiter aus Kirchheim schildert eine Abgeschlagenheit in den ersten Wochen. Beide sind von der Sorte Arbeitnehmer, von der Arbeitsmarktpolitiker wohl träumen: Sie wechseln aus einer Branche, die Stellen abbaut, in eine, die händeringend Personal sucht. Das ist mit großen Herausforderungen, Anstrengungen und Mut verbunden.
Die Handelsfachwirtin und der frühere Industrieangestellte mit Masterstudienabschluss im Fach Management haben im vergangenen Herbst den sogenannten „Direkteinstieg Kita“ an der Fritz-Ruoff-Schule in Nürtingen sowie in Ausbildungsbetrieben in Köngen und Lenningen begonnen. Ein Wechsel, der die derzeitige Arbeitsmarktsituation widerspiegelt: Industriebetriebe auch im Kreis Esslingen bauen Stellen ab. Dagegen wächst laut Agentur für Arbeit die Zahl der Beschäftigten am stärksten in der Öffentlichen Verwaltung sowie in Erziehung und Unterricht. Träger suchen händeringend Personal für die Kitas. Der Bildungsgang „Direkteinstieg Kita“, den es erst seit drei Jahren gibt, soll dabei helfen, mehr Fachkräfte auszubilden. Er bietet Menschen, die bereits einen Berufsabschluss haben, in der verkürzten Zeit von zwei Jahren die Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten oder zur Erzieherin. Sie erhalten in der Regel ein erhöhtes Ausbildungsgehalt von etwa 3000 Euro brutto.
Neuanfang in der Kita: Timo Arbeiter wagt den Karrierewechsel
Claudia Konieczny-Heybach und Timo Arbeiter haben in diesem Angebot eine Chance gesehen. Arbeiter war zuvor bei einem Autozulieferer tätig. Dieser wollte aufgrund der gesamtwirtschaftlich schwierigen Lage Stellen abbauen. Der 34-Jährige war schon länger nicht mehr glücklich im Beruf. In der Elternzeit nach der Geburt seines Sohnes machte er Praktika in Kitas. Und entschied sich schließlich für einen Auflösungsvertrag mit seinem alten Arbeitgeber.
Timo Arbeiter aus Kirchheim hat früher bei einem Automobilzulieferer gearbeitet, jetzt will er Erzieher werden. Foto: Greta Gramberg
Auch wenn der Kirchheimer schnell feststellte, dass die Kita ein besserer Arbeitsort war als das Büro, fiel ihm die Entscheidung, die er nach vielen Gesprächen mit seiner Frau traf, nicht leicht. „Es ist ein riesiger finanzieller Unterschied“, sagt Arbeiter. Das Paar hatte sich zuvor einen Lebensstandard erarbeitet, der so nicht mehr zu halten sei. „Trotzdem ist es die richtige Entscheidung“, ist Timo Arbeiter überzeugt. Nach einem Arbeitstag in der Kita in Lenningen komme er mit einer super Laune nach Hause.
Weniger schwer fiel Claudia Konieczny-Heybach die Entscheidung zum „Direkteinstieg Kita“. Ähnlich wie Timo Arbeiter kommt sie ursprünglich aus einem Metier, in dem weniger Bedarf an Arbeitskräften besteht: der Lichtplanung, die durch die Onlinekonkurrenz stark unter Druck steht. In ihrem ersten Beruf war die 52-Jährige aber ohnehin schon länger nicht mehr tätig, vielmehr als ungelernte Quereinsteigerin in der Schulkindbetreuung, an der sie große Freude hat. Der Schulabschluss und Auslandsaufenthalt ihres Sohnes gaben schließlich den Anstoß, sich zu professionalisieren. Nach den Zweifeln zu Beginn der Ausbildung sagt sie heute:„Mittlerweile bin ich froh, dass ich nicht aufgegeben habe.“
Herausfordernde Balance zwischen Ausbildung und Privatleben
Dennoch räumen sowohl Konieczny-Heybach als auch Arbeiter ein, dass die Ausbildung ihnen viel abverlange. Neben der Zeit, die sie an je zwei Tagen pro Woche in ihren Ausbildungskitas und je drei Tagen im Unterricht verbringen, sei das Pensum, das es für die Prüfungsleistungen zu lernen gelte, groß. All das mit den Verpflichtungen in der Familie und im Freundeskreis zu vereinbaren, sei oft nicht leicht.
Wie viele Menschen im Kreis Esslingen einen ähnlichen Karrierewechsel wagen, dazu gibt es keine Zahlen. „Im Beratungsalltag wird und müssen wir dieses Thema aber deutlich öfter aufgreifen“, teilt Kerstin Fickus von der Pressestelle der Agentur für Arbeit Göppingen mit. Dabei gebe es viele mögliche Hürden. Beispielsweise geringere Verdienstmöglichkeiten oder ein beruflicher Abstieg, aber auch Sprachbarrieren. Gerade älteren Menschen mit langjähriger Betriebszugehörigkeit falle es eher schwer, sich mit einer beruflichen Neuorientierung auseinanderzusetzen.
„Einfühlungsvermögen und Mitgefühl sind unerlässlich“
Axel Bodart ist Abteilungsleiter für Sozialpädagogik an der Fritz-Ruoff-Schule. Diese bietet nun im zweiten Jahr den „Direkteinstieg Kita“ an. Foto: Greta Gramberg
In der Fritz-Ruoff-Schule sind die Motivationen der Teilnehmenden für den „Direkteinstieg Kita“ sehr unterschiedlich, schildert Axel Bodart, Abteilungsleiter für Sozialpädagogik. Er führt Bewerbungsgespräche mit Interessentinnen und Interessenten. „Wen ich ablehnen würde, wären Leute, die nur wegen des Sicherheitsaspektes in den Beruf gehen wollen.“ Denn es brauche Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein und das Bewusstsein für die körperliche und psychische Anstrengung, die der Beruf auch mit sich bringe.
„Man muss in der Kita unheimlich flexibel sein“, sagt Claudia Konieczny-Heybach. Beispielsweise die Signale von Kindern aufnehmen und adäquat reagieren, in Stresssituationen nicht laut werden. „Und man darf sich für nichts zu schade sein“, ergänzt Timo Arbeiter. Gerade im Krippenbereich gehe es beispielsweise auch viel um Kinderpflege – und da komme man schon auch mal mit Körperflüssigkeiten in Berührung.
Direkteinstieg Kita
Kindertagesstätte Wer den „Direkteinstieg Kita“ wagen will, muss neben einer Berufsfachschule auch eine Kita finden, in der er oder sie den Praxisteil absolviert und mit der ein Arbeitsvertrag geschlossen wird. Unter bestimmten Voraussetzungen fördert die Arbeitsagentur oder das Jobcenter die Arbeitsvergütung und übernimmt die Lehrgangskosten.
Fritz-Ruoff-Schule Die Einrichtung ist eine Gewerbliche, Haus- und Landwirtschaftliche Schule des Landkreises in Nürtingen. Sie bietet nun im zweiten Jahr den „Direkteinstieg Kita“ an, pro Jahrgang haben sich etwa 30 Teilnehmende angemeldet. Die Resonanz sowohl bei Schülern als auch den Kinderbetreuungseinrichtungen sei positiv, sagt Axel Bodart, Abteilungsleiter Sozialpädagogik an der Schule.