Kartenspiele Warum spielt niemand mehr Autoquartett?

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Supertrumpf, Top ASS und Co.: Früher durfte ein Autoquartett in keinem Schulranzen fehlen. Doch in Zeiten des Smartphones sieht das ganz anders aus. Muss man sich Sorgen um den Klassiker machen?

Blaulicht-Stars: Viel PS unter Haube, viel Gewicht, aber  nicht ganz so schnell unterwegs Foto: Ravensburger
Blaulicht-Stars: Viel PS unter Haube, viel Gewicht, aber nicht ganz so schnell unterwegs Foto: Ravensburger

Stuttgart - Eine kleine Zeitreise: Irgendwo in einem Schulbus in der Region Stuttgart Ende der 80er- oder Anfang der 90er-Jahre. Morgens um 7 Uhr. Eine Gruppe von Jungs, manchmal auch Mädels, packt die Spielkarten aus: Autoquartett. Wenig später heißt es dann „Sechs Zylinder, sticht“ (damit man bei Gleichstand weiter fragen darf), „Hubraum: 6392“ oder „320 PS“. Einige Daten haben sich fest ins Gedächtnis eingebrannt, beispielsweise, dass der Ferrari F 40 324 Kilometer pro Stunde schnell ist. Da genügte es dann auch, einfach die Karte in die Luft zu halten, dann wussten alle Bescheid: Da gibt es keinen Besseren. Das Schöne an dem Spiel: Es fand sich dafür immer ein Platz im Schulranzen, ein Kartenspiel war günstig, damals 2,95 DM, und auch kleine nicht so PS-starke Autos konnten die Hochgeschwindigkeitsflitzer übertrumpfen, weil sie eben meist leichter waren und vor allem weniger verbrauchten.

An den Supermarktkassen fanden sich in dieser Zeit fast immer eine Auswahl an Kartenspielen. Es gab nicht nur Autos, sondern auch Busse, Traktoren, Flugzeuge oder gar Panzer. Selbst in Waschmittelpackungen fand sich mal als Werbegeschenk ein Autoquartett.

Die Klassiker sind nach wie vor die Renner

Zurück in der Gegenwart: Im Zeitalter des Smartphones wird heute kaum mehr in Bus und Bahn Autoquartett gespielt, nur in gut sortierten Spielwarenläden findet man, meist direkt unter den Skatkarten, die sogenannten technischen Kartenspiele. Doch was sagen eigentlich die Hersteller dazu? Muss man sich Sorgen machen? Einer der größten Hersteller in Europa war viele Jahre lang das Unternehmen F.X. Schmid. Seit 1996 ist der Verlag eine hundertprozentige Tochter der Firma Ravensburger. „Die Nachfrage nach den sogenannten Supertrumpf-Karten ist heutzutage sicher nicht mehr so hoch wie in den Zeiten, an die Sie sich erinnern“, teilt Cordula Schnieber von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Ravensburger Spieleverlags daher auch erwartungsgemäß mit. Dennoch gehörten diese Kartenspiele nach wie vor zu den Klassikern. Sie seien seit Jahren für Ravensburger ein „wichtiges wie erfolgreiches Segment“ und hätten einen „festen Stammplatz im Sortiment“. Zu den Stückzahlen will Ravensburger sich nicht äußern. „Mit den Supertrumpf-Kartenspielen verhält es sich aber so wie mit einem erfolgreichen Kinderspiel“, zieht Schnieber einen Vergleich. Die Produktion läuft und läuft. Und: „Das Sortiment wird alle zwei Jahre mit neuen Titeln aktualisiert.“ 20 Supertrumpf-Kartenspiel habe Ravensburger derzeit im Angebot. Käufer seien hauptsächlich Kinder- und Jugendliche, aber es gebe auch ein paar Sammler, die sich dafür interessierten. Renner seien die klassischen Spiele wie „Blaulicht“, „Traktor“, „Car Tuning“ und „Luxusklassen“. Das Fazit: Sorgen muss man sich keine machen!

Wer sich mit dem Spielkarten befasst, der stößt automatisch auf die Firma Ass Altenburger (Altenburger und Stralsunder Spielkartenfabrik), deren Geschichte mit der Region Stuttgart eng verwoben ist. Die Firma gehört mittlerweile zum belgischen Spielkartenriesen Cartamundi. Die Marke Ass gilt in Deutschland als Marktführer für Spielkarten. Leider konnte die Spielkartenfirma unsere Anfrage zur aktuellen Situation bei den Spielkarten aus Zeitgründen nicht beantworten. Die Ass-Geschichte steht exemplarisch für die Geschichte des geteilten Deutschlands. Die Vereinigte Altenburger und Stralsunder Spielkartenfabrik wurde laut des Internetlexikons Wikipedia im Jahr 1946 enteignet und demontiert und das Unternehmen daraufhin von früheren Aktionären in Mannheim neu gegründet. Es zog dann 1956 nach Leinfelden um.

In Altenburg wurde am 3. Mai 1946 der Betrieb wieder aufgenommen. Die Spielkartenfabrik war damit ein landeseigener Betrieb von Thüringen.

Die Faszination ist geblieben

Im Jahr 1991 verlor die Spielkartenfabrik Altenburg schließlich den Namensstreit mit der Firma Vereinigte Altenburger und Stralsunder Spielkartenfabriken AG, Leinfelden/Echterdingen. Später musste das Leinfelder Unternehmen Konkurs anmelden und wurde verkauft. Der Firmensitz wurde 1996 nach Steinenbronn verlegt, wo der Standort 2003 aufgeben wurde. Zuvor hatte sich Cartamundi beide Spielkartenfabriken gesichert, die Wiedervereinigung war vollzogen. In Leinfelden-Echterdingen geblieben ist das Deutsche Spielkartenmuseum, allerdings wurde der Ausstellungsbetrieb aus Kostengründen – jährlich wurde durchschnittlich ein Minus von bis zu 180  000 Euro erwirtschaftet – zum 30. Juni 2012 und das Museum in ein Archiv umgewandelt. Ausstellungen werden seitdem im Stadtmuseum gezeigt.

Geblieben ist auf jeden Fall die Faszination der Spielkarten. Auch auf dem Handy haben Autoquartett-Spiele wie „Cars“, eine Art Online-Kartenspiel, oder „Top Drives“, eine Art Rennsimulation mit Karten, eine Fangemeinde. Allerdings können die Spiele im Netz nicht die weit aufgerissenen Augen des Gegenübers ersetzen, wenn beispielsweise der VW Käfer den Toptrumpf Ferrari gestochen hat, obwohl er eigentlich in allen Kategorien schlechter abschneidet, nur in einem Fall nicht. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: „Vier Sitzplätze, sticht.“ Da hilft auch eine Höchstgeschwindigkeit von 324 Kilometern pro Stunde nicht weiter.