Sarah Escher-Gauß, Werner Escher und Alexander Gauß (von links nach rechts): Kartoffeln sind das Haupterzeugnis auf Escher’s Bauernhof in Remseck. Foto:
Kartoffeln, Karotten, Rhabarber, Erdbeeren, Spargel – die Schilf-Glasflügelzikade macht vor nichts halt. Sie überträgt Krankheiten, die zu teils massiven Ernteeinbußen führen.
Sie ist nur wenige Millimeter groß und dennoch eine ernsthafte Bedrohung für viele unserer Lebensmittel: die Schilf-Glasflügelzikade. Und sie breitet sich zunehmend auf Ackerbau- und Gemüseflächen in Deutschland aus, vor allem im Südwesten. Einer der Hotspots ist der Landkreis Ludwigsburg – Landwirte aus Remseck und Marbach berichten, wie gefährlich die Zikade wirklich ist.
Die Zikade saugt ähnlich wie eine Blattlaus an den Pflanzenteilen. Das Hauptproblem ist aber, dass sie dabei bakterielle Krankheitserreger überträgt, die die Feldfrüchte so schädigen, dass Qualitätsverlust, Ernteeinbußen oder im schlimmsten Fall Totalausfälle die Folge sind.
Mit Zuckerrüben hat es angefangen
Erstmals fiel Landwirten im Jahr 2008 auf, dass die zuvor grünen Blätter ihrer Zuckerrüben auf einmal verdorrten. Und nicht nur das: Bei der erschwerten Ernte der betroffenen Rüben zeigte sich, dass sie kleiner als normal, schrumpelig und gummiartig waren und einen geringeren Zuckergehalt aufwiesen.
„Damals hat man das Problem wohl noch nicht so richtig ernst genommen“, glaubt die studierte Landwirtin Sarah Escher-Gauß, die auf dem Familienbetrieb Escher’s Bauernhof in Remseck am Neckar arbeitet. Dessen Haupterzeugnis sind Kartoffeln. Und damit ist auch ihr Betrieb betroffen. Denn seit 2021, so die Information aus dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat (BMELH), werden auch immer häufiger Kartoffeln geschädigt. Allein in Baden-Württemberg gab es dem Landesbauernverband zufolge im vergangenen Jahr im Kartoffelanbau bis zu 70 Prozent Ertragsverluste.
Eine der Bakterien, die von dem Schädling übertragen werden, löst die Krankheit Stolbur aus. Die Folge: Die Knollen sind nur hühnereigroß und weich. Und die Zikade macht bei Zuckerrüben und Kartoffeln nicht halt: Auch Karotten, Rote Bete, Rhabarber, Zwiebeln, Kohl und Spargel scheinen ihr als Wirtspflanze recht zu sein, laut Escher-Gauß ist vereinzelt auch schon Mais betroffen.
So klein ist eine Glasflügelzikade. Foto: Boris Roessler/dpa
„Praktisch alles, was Frucht trägt, ist gefährdet“, sagt Florian Petschl. Der Marbacher Landwirt, stellvertretender Kreisvorsitzender im Bauernverband Heilbronn-Ludwigsburg, baut selbst Zuckerrüben an. Doch wie lange noch? „Im letzten Jahr hatten wir nur den halben Ertrag – noch mal so ein Jahr, und der Zuckerrübenanbau in der Region stirbt.“ Zwar gebe es inzwischen eine Notfallzulassung für verschiedene Pestizide, doch auch mit diesen könnte nur die Vermehrung der Schilf-Glasflügelzikade eingedämmt werden. „Weg kriegt man die nicht mehr“, ist er überzeugt. Man könne nur darauf hoffen, das Problem so lange hinauszuzögern, bis resistente Pflanzen entwickelt worden seien. „Die Züchter arbeiten mit Hochdruck daran, aber das braucht seine Zeit.“ Er hoffe auf eine Besserung in zwei bis drei Jahren.
Immer mehr Pflanzen in immer größeren Gebieten sind betroffen
Die Zikade ist nicht nur im Hinblick auf die Wirtspflanzen flexibel, auch räumlich scheint sie kaum Grenzen zu kennen. Von Heilbronn aus ging es zunächst in den Kreis Ludwigsburg, inzwischen sei sie, so Petschl, auch auf den Fildern und im Raum Herrenberg zu finden.
Vor allem in langen Trockenphasen sei das Insekt aktiv, berichtet der Marbacher. Dass es zuletzt wieder vermehrt geregnet hat und nur wenige Tage richtig heiß war, ist deshalb ein Hoffnungsschimmer für Escher-Gauß. „Die derzeitige Witterung ist für Kartoffeln günstig, noch sind die Pflanzen gesund“, sagt die junge Landwirtin.
Um zu beurteilen, wie die Ernte dieses Jahr ausfalle, sei es aber noch zu früh. Man habe transparente Klebetafeln angebracht, um zu kontrollieren, ob es einen Zikadenbefall gibt. Außerdem grabe man alle drei Tage, um einige Kartoffeln zu überprüfen. Im letzten Jahr sei erstmals ein Kartoffelacker betroffen gewesen. Manche Schäden seien auch erst im Lauf der Lagerung aufgetreten; man habe einiges an gummiartigen Knollen aussortieren müssen, sagt Escher-Gauß.
Die Zukunft ist ungewiss
Von den Zuckerrüben habe sich ihr Vater nach 40 Jahren des Anbaus nun ganz verabschiedet. „Die Blätter waren wie Backpapier, der Ertrag war so gering, dass wir nichts verdient haben. Wir haben die Rüben für das Ungeziefer gezogen. Die Kartoffeln müssen wir unbedingt schützen“, so Sarah Escher-Gauß.
Wie es mit den Kartoffeln weitergeht? „Das kommt darauf an, ob und welche Lösungen es gibt“, sagt sie. Schwierig sei die Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade auch deshalb, weil deren Nymphen in 40 Zentimeter Bodentiefe überwinterten. „Da kommt man mit keinem Bearbeitungsgerät ran.“ Von Experten seien auch schon Versuche mit feinmaschiger Netzabdeckung der Äcker gemacht worden.
Vorerst setze man zeitlich und räumlich begrenzt auf Pflanzenschutzmittel, die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft eine Notfallzulassung bekommen haben. Die Anwendung ist nur nach amtlichen Warndienstaufrufen, unter strengen Auflagen und mit einer intensiven Überwachung möglich. „Manches war in Heilbronn und Waiblingen zugelassen, bei uns noch nicht. Aber die Schilf-Glasflügelzikade muss zur Einreise in den Landkreis Ludwigsburg keinen Reisepass vorzeigen“, beschreibt Escher-Gauß mit einem gewissen Galgenhumor die Probleme in der Praxis.
Florian Petschl: „Weg bekommt man die Zikade nicht mehr.“ Foto: Werner Kuhnle (Archiv)
Ihrer Beobachtung nach sind nicht alle Kartoffelsorten gleich betroffen. So sei die Venezia klein geblieben, die Annalena habe Gummiknollen gehabt, die Marabel hingegen habe keine Probleme gezeigt. Doch der Beobachtungszeitraum ist zu kurz für relevante Aussagen. Nun ist sie besonders auf die Entwicklung in einem ihrer Kartoffeläcker gespannt. Der liegt nämlich neben einem Biotop, in dem auch Schilf wächst.