„Kasimir und Karoline“ am Schauspiel Stuttgart Treibgut im Sehnsuchtswörtermeer

Drang zu  höherer Stellung: Manja Kuhl (links) als Karoline und Paul Grill als Schürzinger Foto: Thomas Aurin
Drang zu höherer Stellung: Manja Kuhl (links) als Karoline und Paul Grill als Schürzinger Foto: Thomas Aurin

Von Liebesleid keine Spur: Stefan Pucher inszeniert am Staatsschauspiel Stuttgart Horváths „Kasimir und Karoline“ als Volksstück mit pädagogisch wertvollem Fingerzeig.

Leben: Tomo Pavlovic (pav)
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Stuttgart - Eigentlich wollte die Büroangestellte Karoline mit ihrem Kasimir, einem feschen Chauffeur, nur eine gute Zeit haben auf dem Oktoberfest. Vielleicht ein Eis schlecken, auf der Achterbahn den Wind im Haar spüren, mit lichterbesoffenen Augenpaaren dem Zeppelin am Himmel wie einer Sternschnuppe hinterherschauen und sich etwas wünschen. Das Glück. Lachen und leben, als gäb‘s kein Morgen, keine Sorgen.

Doch jetzt hängt die Wiesnschönheit im Büstenhalter kopfüber an der Stange. Beim Poledance zeigt Karoline täppisch, was sie vor allem hat, und zwar endlos lange Beine, die für den Kommerzienrat Rauch und seinen Kumpel, den Landgerichtsdirektor Speer von erotischem Interesse sind. Zwei sabbernde Brieftaschen, gut abgefüllt mit Geld, Bier und Kirsch. Da könnte etwas gehen. Hier will eine Frau ganz nach oben, kopflos, und mit dem Popo zuerst. Um diesen Drang zur höheren Stellung zu verstehen, sollte man sich einen Satz in Erinnerung rufen, den Karoline ein paar Szenen zuvor ihrem Kasimir wie eine Ohrfeige gelangt hat. „Das Leben ist hart, und eine Frau, die wo etwas erreichen will, muss einen einflussreichen Mann immer bei seinem Gefühlsleben packen.“

Die Arbeitslosigkeit hat Folgen für den Illusionshaushalt

Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ ist ein merkwürdig zeitloses Stück, weil es immer aktuell scheint, krisensicher gewissermaßen. Ja, das Leben ist hart, zumal für ein Proletarierpaar wie Kasimir und Karoline, das Träume hat, aber keine Mittel. Ein Wachmacher-Drama. Und wenn dann der Mann „abgebaut“ wird, ohne Arbeit bleibt, hat das Folgen für den Illusionshaushalt. Oder mit den Worten des frisch entlassenen Chauffeurs und Standstreifenmarxisten Kasimir zu sagen: „Der Mensch ist halt ein Produkt seiner Umgebung“.

In dem 1932 mitten in der Weltwirtschaftskrise und am Vorabend der nationalsozialistischen Barbarei uraufgeführten Stück gelingt Horváth die plausible Verschränkung von Liebesdrama mit dem Existenzkampf in Zeiten des Kapitalismus und aufkommenden Faschismus. Karoline lässt ihren Bräutigam in der Schweinswürstelseligkeit des Rummels stehen, weil dieser es nicht wuppt, einer Frau keine Zukunft bieten kann. So einfach ist das. Statt auf die hübschen Zähne zu beißen und ihrem Kasimir in schlechten und noch schlechteren Tagen die Treue zu halten, gibt sich Karoline dem schmierigen Großkapitalisten Rauch (Andreas Leupold) hin, steigt zu ihm in seinen Austro-Daimler, den er nicht nur lenkt, sondern auch besitzt.




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