Katar gibt viel Geld für Fußball aus Zivile Kampf-Arena

Das Al-Rayyan-Stadion in Katar ist eine von acht Spielstätten während der Fußball-WM 2022 in dem Emirat. Foto: dpa

Katar ist seinen Nachbarn im Nahen Osten militärisch unterlegen. Als Ausgleich investiert das kleine Emirat viel Geld in Kultur, Wissenschaft und vor allem in den Fußball.

Katar - Fußball als Ersatzkrieg: Vor zwei Jahren trugen die Nationalteams Asiens in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) ein regionales Turnier aus. Fans des kleinen Nachbarn Katar durften nicht einreisen. Im Halbfinale warfen Zuschauer des Gastgebers Schuhe und Flaschen auf die Spieler Katars. Dennoch gewann Katar auch das Finale gegen Japan und wurde erstmals Asienmeister.

 

„Der Fußball ist ein Spiegel der Spannungen am Golf“, sagt Jassim Matar Kunji, früher Torhüter in der katarischen Liga und nun Journalist beim Fernsehsender Al Jazeera. „Es wurden immer wieder Sponsorenverträge zwischen den Ländern gekündigt und Spielertransfers abgesagt.“ Denn seit 2017 spitzte sich ein alter Konflikt am Golf zu: Saudi-Arabien verhängte eine wirtschaftliche Blockade über Katar. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten schlossen sich an und setzten ihre Beziehungen mit Doha ebenfalls aus. Ihr Vorwurf: Katar würde Terrorgruppen unterstützen und pflege eine zu große Nähe zur Muslimbruderschaft und zum Iran, der als Unruhestifter in der Region gilt. Durch die Unterbrechung wichtiger Reisewege wurden viele Familien getrennt.

Das Investment in Kultur und Sport gehört zur Strategie der Soft Power

„Viele Katarer haben eine Invasion von Saudi-Arabien für möglich gehalten“, sagt Jassim Matar Kunji und nennt ein warnendes Beispiel. 1990 marschierte der übermächtige Irak in Kuwait ein, die USA mussten zur Befreiung anrücken. In den kleineren Staaten setzte sich das Bewusstsein durch, dass sie bei einem vergleichbaren Angriff klar unterlegen wären. Die Armee Saudi-Arabiens zählt heute 200 000 Soldaten, die von Katar 12 000.

Um diesen Unterschied auszugleichen, verfolgt Katar eine Strategie der Soft Power: man investiert Milliarden in Kultur, Wissenschaft und Fußball, in Großveranstaltungen, Vereinsbeteiligungen oder Sponsoren-Partnerschaften bei Paris Saint-Germain oder beim FC Bayern München. Die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 ist der wohl wichtigste Teil dieser Strategie. Doch auch die jetzt laufende Club-WM bietet dem Emirat mitten in der Pandemie eine wichtige Bühne. Der Champions-League-Sieger FC Bayern steigt am heutigen Montag in den Wettbewerb ein. Das Turnier ist ein erster Höhepunkt in Katars Sport-Strategie.

Öl und Gas sind endlich, jetzt soll Tourismus den Wohlstand sichern

Zuletzt unter britischer Kontrolle, hatte der Wüstenstaat 1971, im Jahr seiner Unabhängigkeit nur rund 100 000 Einwohner – und stand danach lange unter dem militärischen Schutz Saudi-Arabiens. Doch Katar wollte sich aus der Umklammerung lösen und leitete ab Mitte der neunziger Jahre eine Modernisierung ein. Der Emir ließ den Nachrichtensender Al Jazeera aufbauen und öffnete die Wirtschaft für ausländische Investoren. „Die Golfstaaten wollen neue Wirtschaftszweige entwickeln. Denn ihre traditionellen Einnahmequellen Öl und Gas sind endlich“, sagt der Sportwissenschaftler Mahfoud Amara von der Qatar Universität in der Hauptstadt Doha. „Der Sport dient als Strategie, um andere Sektoren wie Tourismus, Handel oder Transportwesen bekannter zu machen.“ Das katarische Herrscherhaus ließ dafür eine der größten Sportakademien der Welt bauen.

Viele Wettbewerbe finden nun jährlich in Doha statt, am spektakulärsten war 2010 die Vergabe der Fußball-WM 2022. Kurz danach erwarb Katar die Mehrheit am Spitzenclub Paris Saint-Germain. Zudem wurde Qatar Airways Trikotsponsor des FC Barcelona. Katar steckte bis heute mehr als eine Milliarde Euro in den europäischen Fußball.

In Europa sieht man das mit Unbehagen, doch in der arabischen Welt wächst der katarische Einfluss. Das ärgere die langjährige Regionalmacht Saudi-Arabien, sagt Simon Chadwick, Gründer des Zentrums der Eurasischen Sportindustrie. „Zuletzt wollte eine Agentur nachweisen, wie ungeeignet Katar für die WM sei.“ Allerdings sei die Kampagne von Saudi-Arabien finanziert worden.“

Corona hat die Spirale der Feindseligkeiten gestoppt

In der Golfregion konkurriert Katar um Investoren, Touristen, Fachkräfte und Startups vor allem mit Abu Dhabi und Dubai, den beiden einflussreichsten Kleinstaaten der VAE. Dubai setzt auf Einkaufszentren, Familienunterhaltung und Großereignisse wie die Expo 2021. Die staatliche Fluglinie Emirates mit Sitz in Dubai ist als Sponsor in europäischen Ligen aktiv. Das kleinere Abu Dhabi legte 2008 nach und kaufte sich bei Manchester City ein. „Wir sehen in der Fußballindustrie eine massive Machtverschiebung nach Osten“, sagt Simon Chadwick. „Der Sport wird Ausgangspunkt für neue Handelsbeziehungen.“

Das Misstrauen ist stets groß. Katar nahm während des Arabischen Frühlings 2011 und auch danach Partei für die Muslimbruderschaft in Ägypten, für islamische Kräfte in Tunesien, für die Rebellen in Libyen gegen Gaddafi und in Syrien gegen Assad. Saudi-Arabien rächte sich, auch im Fußball: Etwa mit dem Piratensender „BeoutQ“, der das Programm des katarischen Sportsenders „BeIN Sports“ abschöpft und selbst verbreitet.

Diese Spirale der Feindseligkeiten hätte sich wohl weitergedreht, doch dann kam Corona. Der ohnehin niedrige Öl-Preis brach ein, ausländische Investitionen gingen zurück, Touristen blieben fern. Anfang Januar beendete Saudi-Arabien schließlich nach dreieinhalb Jahren die Blockade gegen Katar. Es ist ein fragiler Frieden“, sagt der Nahost-Experte Kristian Ulrichsen. „Die Golfstaaten haben eingesehen, dass sie in dieser schwierigen Zeit auf eine Zusammenarbeit angewiesen sind.“

Die Gastarbeiter aus Indien und Pakistan sollen Mindestlohn bekommen

Auch Riad und Dubai wollen von der WM 2022 profitieren. Wenn schon nicht mit Turnierspielen, dann mit Trainingscamps, Sponsorenevents oder der Beherbergung von Fans. Keiner der Staaten am Persischen Golf wird demokratisch regiert, eine Gewaltenteilung existiert nicht. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen für das Jahr 2020 liegt Katar von 180 Staaten auf Rang 129. Wenzel Michalski von Human Rights Watch kritisiert, dass Vereine aus demokratisch regierten Ländern wie der FC Bayern die katarische Außenpolitik mit ihren Partnerschaften aufwerten: „Wenn europäische Klubs auf den Profit schon nicht verzichten wollen, dann könnten sie den wenigen kritischen Aktivisten vor Ort mehr Interesse entgegenbringen.“

Im Zentrum der Debatte: die Arbeitsrechte. Die katarische Herrscherfamilie lässt zwar die 250 000 Staatsbürger am Wohlstand teilhaben. In Bildung, Gesundheitsversorgung und Jobvergabe genießen sie Privilegien, ihr Prokopfeinkommen ist eines der höchsten weltweit. Doch die Entwicklung Katars gründet auch Hunderttausenden Gastarbeitern aus Indien, Bangladesch oder Pakistan. Viele von ihnen erkrankten bei der harten Arbeit in der Sommerhitze, einige starben. Inzwischen wurde der Schutz der Arbeiter verbessert und ein Mindestlohn eingeführt, offiziell. Doch Menschenrechtler kritisieren, dass die Umsetzung der Reformen nicht ausreichend kontrolliert wird.

Arabisch ersetzt englisch an der Uni

Die Öffnung für den großen Sport stellt das kleine Emirat aber auch vor eine kulturelle Zerreißprobe. „Einige Geschäftsleute haben Bedenken, dass sich Katar durch die WM zu sehr öffnen könnte“, sagt der Politikwissenschaftler Mehran Kamrava von der Georgetown Universität in Doha. Sie fürchten, dass Fußballfans 2022 Alkohol in der Öffentlichkeit trinken und Homosexuelle ihre sexuelle Identität nicht verbergen. 2018 ließ der Emir die Alkoholpreise durch Steuern massiv erhöhen, an der Qatar Universität ersetzt er als Hauptsprache Englisch durch Arabisch. Ob diese rigiden Maßnahmen 2022 ein Fußballfest mit Fans aus aller Welt überhaupt möglich machen, wird sich zeigen.

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