Katarzyna Bonda: Der Rat der Gerechten Eine Jauchegrube voller toxischer Männlichkeit

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Katarzyna Bondas „Der Rat der Gerechten“ ist ein Epos polnisch-weissrussischer Verwerfungen und so übervoll mit toxischer Männlichkeit, dass man beim Lesen vor Wut heulen möchte.

Bondas „Der Rat der Gerechten“ spannt einen weiten Bogen. Foto: loj
Bondas „Der Rat der Gerechten“ spannt einen weiten Bogen. Foto: loj

Stuttgart - „Es ist nur eine Nutte“, schimpft einer der wodkabesoffenen Perversen, nachdem er mitsamt seinen Kumpanen von den Aufpassern des Bordells aus dem lärmgedämmten Hinterzimmmer geworfen wird. Zurück bleibt eine über Stunden nahezu zu Tode gequälte Prostituierte – es ist nur eine von vielen traurigen Szenen in Katarzyna Bondas neuem Thriller-Epos „Der Rat der Gerechten“.

Der handelt vom Schicksal der Einwohner des kleinen Städtchens Hajnowka nahe der polnisch-weissrussische Grenze. Es beginnt mit den Hochzeitsvorbereitungen der jungen Iwona aus armen, polnischen Verhältnissen, die den reichen Weißrussen Bondaruk ehelichen soll. Doch auf dem großen Hochzeitsfest fehlt von Iwona plötzlich jede Spur. Es ist nicht die erste Frau aus dem Umfeld Bondaruks, die unter ungeklärten Umständen verschwunden oder ums Leben gekommen ist. Die Profilerin Sasza Zaluska, dem Leser bereits aus „Das Mädchen aus dem Norden“ bekannt, befindet sich aus persönlichen Gründen in Hajnowka und nimmt Witterung auf.

Ein Epos voller Gewalt, Schuld und Verrat

Über 700 Seiten entfaltet sich anschließend ein polnisch-weißrussisches Epos voller Gewalt, Schuld und Verrat. Die erzählte Zeit reicht von 1946 bis 2014, über die Jahrzehnte prallen Partisanen, Kommunisten, Wendehälse, polnische Nationalisten, korrupte Polizisten sowie kleine und große Gangster aufeinander. Wie es so ist, wenn historische Verwerfungen einen Landstrich mehrfach verwüsten, sind die Grenzen zwischen Gut und Böse fließend, unterscheiden sich der korrupte Landrat und der aufstrebende Kleinkriminelle nur durch das Ausmaß von Macht und Geld, von dem der eine zu viel hat und nach dem der andere strebt.

Der Nährboden für all die Gewalt ist das, was seit der Metoo-Debatte auch als toxische Männlichkeit bezeichnet wird – also jenes Sammelsurium negativer männlicher Eigenschaften wie zum Beispiel Imponiergehabe, Chauvinismus und Dominanzverhalten. Das reicht vom Partisanenführer, der für die vermeintlich höhere Idee ganze Dorfgemeinschaften abschlachten lässt, über die Bigotterie katholischer und orthodoxer Wertvorstellungen bis eben ins Hinterzimmer eines Kleinstadtbordells, in dem Männer eine Prostituierte für den eigenen Lustgewinn über Stunden brutal vergewaltigen.

Ein frisches und unverbrauchtes Szenario

Das als Lesevergnügen zu bezeichnen, fällt nicht unbedingt leicht, gleichwohl ist Katarzyna Bondas neuer Thriller durchaus lesenswert. Bonda bleibt ihrem Konzept treu, nicht nur eine Kriminalgeschichte zu erzählen, sondern sie in die Verwerfungen der polnischen Geschichte einzubetten. Das ist immer noch so frisch und unverbraucht wie in „Das Mädchen aus dem Norden“ und kann durchaus mit modernen Klassikern wie „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ oder die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson mithalten, in der ja männliche Gewalt gegen Frauen ein zentrales Thema ist. Gelegentlich hat Bondas Art, Geschichten zu erzählen, etwas von den absurden Räuberpistolen eines Quentin Tarantinos, und von den drei Erzählsträngen ist einer zu viel. Als Fazit bleibt jedoch eine klare Leseempfehlung.

Katarzyna Bonda: Der Rat der Gerechten. Aus dem Polnischen von Saskia Herklotz und Andreas Volk. Heyne Verlag München 2019. Paperback, Klappenbroschur, 704 Seiten, 17 Euro. Auch als E-Book, 13,99 Euro.