Katastrophenschutz Alle sind gefragt – auch die Bürger

Helfer arbeiten in den Straßen von Dernau (Rheinland-Pfalz). Das Hochwasser hat hier zahlreiche Häuser unbewohnbar gemacht. Foto: dpa/Thomas Frey

Das Hochwasser-Drama hat gezeigt, wie schlecht wir auf Katastrophen vorbereitet sind. Das staatliche Warnsystem muss besser werden – genauso wie die Vorsorge jedes Einzelnen, kommentiert Rainer Pörtner.

Politik/Baden-Württemberg: Rainer Pörtner (pö)

Stuttgart - Rund eine Woche ist seit der Hochwasserkatastrophe im Westen der Republik vergangen. Mehr als 170 Tote wurden gefunden – doch die hohe Zahl der noch immer Vermissten lässt befürchten, dass weit mehr Menschen durch die Wasser-, Schlamm- und Geröllmassen getötet wurden. Voller Bangen verfolgen die Bürger in den Krisenregionen die Wettervorhersagen, die für die kommenden Tage erneut Starkregen ankündigen.

 

Kein Bürgermeister, Abgeordneter oder Minister kann persönlich etwas an der aktuellen Wetterlage ändern. Aber die extrem hohen Opferzahlen und die gigantischen Sachschäden dieser jüngsten Naturkatastrophe zwingen uns alle zu einer sehr kritischen Bestandsaufnahme nicht nur der Klima- und Umweltpolitik, sondern auch unserer Warn- und Katastrophenschutz-Infrastruktur. Es geht um die ganz grundsätzliche Frage, wie gut die bundesdeutsche Gesellschaft und der Staat auf solche Desaster vorbereitet sind.

Ein Bundesamt mit viel Know-how und wenig Kompetenzen

Noch gibt es kein fertiges Bild, wie gut die bestehenden Warnsysteme im aktuellen Fall funktioniert haben – oder eben nicht. In den ersten Tagen der Hochwasserkatastrophe standen das Retten, Helfen und Bergen im Vordergrund. Jetzt muss parallel zu den Aufräum- und Aufbauarbeiten nachgeprüft werden, was an welcher Stelle schief gelaufen ist. Schnelle Schuldzuweisungen helfen nicht weiter angesichts von Extremnaturereignissen, wie wir sie bisher in unserem Land nicht kannten. Aber erste Erkenntnisse, wo umgesteuert werden muss, gibt es schon.

Mit dem Bundesamt für Bevölkerungs- und Katastrophenschutz (BBK) gibt es eine Behörde auf Bundesebene, die viel Know-how – aber wenig zu sagen hat. Selber auf den Warnknopf drücken darf sie nur im Verteidigungsfall. Hier muss die Kooperation mit den Ländern verstärkt werden und es sollten sogar einzelne Kompetenzen auf den Bund übertragen werden.

Das Einfache kann in Extremlagen das Beste sein

Unsere Warnsysteme sind nicht zeitgemäß und das an beiden Enden des technisch Machbaren. Zum einen müssen die Möglichkeiten, in Notsituationen über das Handy zu informieren, verbessert werden. Dazu gehört auch das sogenannte Cell Broadcasting, bei dem eine Nachricht an Handy-Nutzer verschickt wird – und zwar an alle Empfänger, die sich zu dem Zeitpunkt in einer Funkzelle aufhalten. Zum anderen müssen die Menschen auch dann noch gewarnt werden können, wenn der Strom ausgefallen ist. Das kann durch „intelligente Sirenen“ passieren, die mit Batterien betrieben werden und auch Sprachnachrichten verbreiten können. Aber auch durch antiquiert anmutende Mittel wie den Lautsprecher auf dem Feuerwehrauto. Gerade das Einfache kann in solchen Extremlagen das Beste sein.

Jeder kann eine Warn-App aufs Handy laden

Am Ende geht es immer um eines: die bedrohten Menschen müssen früh genug informiert und zur richtigen Reaktion animiert werden. Dazu gehört Klarheit in den Warnungen. Der abstrakte Hinweis, dass in einer Region mit Starkregen und Hochwasser zu rechnen sei, führt nicht dazu, dass man binnen Minuten sein Haus verlässt. Und wer hat schon das 400 Seiten umfassende Werk der BBK gelesen mit dem Titel „Die unterschätzten Risiken ‚Starkregen’ und ‚Sturzfluten’. Ein Handbuch für Bürger und Kommune“?

Jetzt sind nicht nur Politik und Verwaltung gefragt, sondern auch die Bürger. Die meisten von uns haben sich in dem wohligen Gefühl eingerichtet, wir in Deutschland seien gefeit vor Katastrophen, wie sie täglich in fernen Weltgegenden passieren. Das ist, wie Corona und Hochwasser belegt haben, ein falsches und gefährliches Gefühl der Sicherheit. Jeder kann persönlich Vorsorge für Katastrophenfälle treffen. Jeder kann eine Warn-App aufs Handy laden. Und jeder sollte sich fragen: Wie hätte ich reagiert, wenn ich das Heulen einer Sirene gehört hätte?

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