Katastrophenschutz in Böblingen Gerüstet für den Ernstfall?
Der Kreis Böblingen geht den Katastrophenschutz an. Gut so. Doch das Thema geht alle an.
Der Kreis Böblingen geht den Katastrophenschutz an. Gut so. Doch das Thema geht alle an.
Wer heute noch glaubt, der Katastrophenschutz sei ein Relikt aus Kalte-Kriegs-Tagen, der verkennt die Wirklichkeit. Zwar ist der Kreis Böblingen von größeren Katastrophen bisher Gott sei Dank verschont geblieben. Doch Überschwemmungen, Stromausfälle oder Cyberangriffe sind hier ebenso realistische Szenarien wie andernorts. Gerade Extremwetter schlugen in diesem Landstrich zwischen Schönbuch und Schwarzwald immer wieder zu. Doch nicht nur das.
In einer Welt, die vom Klimawandel geprägt ist, werden Hitzewellen, Starkregen und Überschwemmungen nicht länger die Ausnahme sein, sondern zur neuen Regel werden. Gleichzeitig wächst die Bedrohung durch geopolitische Krisen, wie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine schmerzlich vor Augen führt. Plötzlich wird sogar der abstrakte Begriff „Nato-Bündnisfall“ greifbar. Was einst in Strategiepapieren verstaubte, ist nun Teil der kommunalen Planung – auch im Kreis Böblingen.
Da ist es nur konsequent, dass der Landkreis eine umfassende Risiko- und Schwachstellenanalyse in Auftrag gegeben hat. Sie soll nicht nur klären, welche Szenarien wahrscheinlich sind – sondern auch, wie gut wir darauf vorbereitet sind. Erste Erkenntnisse liegen vor: Trinkwasserausfall, Stromausfälle, Cyberangriffe, Epidemien – die Liste ist lang, die Risiken sind leider real. So ist vielen nicht wirklich gewahr, dass insbesondere Russland den globalen Westen längst in einen hybriden Krieg verwickelt.
Neben dem militärischen Überfall auf die Ukraine versucht der Kreml mit einer Mischung aus Desinformationen und Cyberangriffen seine Gegner zu schwächen. Das Thema IT-Sicherheit ist daher ein zentrales: Für Behörden, Banken, Unternehmen und die kritische Infrastruktur sowieso. Dabei gilt es, nicht nur die technische Widerstandskraft in den Blick zu nehmen, sondern auch die psychische. Der oft gebrauchte Begriff der Resilienz bedeutet eben auch: vorbereitet sein, um Ruhe bewahren zu können.
Vor dem Hintergrund kann man Vize-Landrat Martin Wuttke nur beipflichten, wenn er für eine widerstandsfähige Gesellschaft wirbt – und für einen Vorrat an Lebensmitteln im eigenen Keller. Dabei geht es nicht um Panikmache, sondern um Pragmatismus. Wer in einer Krise selbstständig für ein paar Tage durchhält, entlastet die Einsatzkräfte – und ermöglicht schnelle Hilfe dort, wo sie dringend gebraucht wird.
Einen besonderen Stellenwert in dieser Strategie nimmt der Nachwuchs ein. Der Katastrophenschutztag an der Gemeinschaftsschule Döffingen, bei dem Feuerwehr und DRK gemeinsam mit Sechstklässlern für den Ernstfall üben, ist ein lobenswerter Beitrag zum Bevölkerungsschutz. Kinder lernen nicht nur, wie man Sandsäcke füllt oder Erste Hilfe leistet – sie lernen Verantwortung zu übernehmen. Gut so.
Natürlich bleibt noch viel zu tun. Die Analyse offenbarte, dass es bisher an grundlegenden Dingen fehlt: Nur wenige Kommunen verfügten vorab über Notfallpläne. Die Treibstoffversorgung für Einsatzkräfte im Stromausfall ist nicht gesichert. Und selbst bei der Kommunikation im Krisenfall – einem elementaren Pfeiler – klaffen Lücken. Dass nun ein kreisweites Sirenennetz aufgebaut wird, dass es einheitliche Notfallpläne für alle 26 Kommunen geben soll und ein Konzept für die Treibstoffversorgung entsteht, ist eine gute Nachricht. Aber nur ein Mosaikstein.
Bei dieser Aufgabe allein auf den Staat zu zeigen, reicht indes nicht. Er allein wird es nicht richten können. Bevölkerungsschutz ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Denn die größte Schwachstelle im System ist am Ende der Mensch, der nicht glaubt, dass es ihn betreffen könnte.