Bundesweite Warntage haben gezeigt, dass es noch einiges zu verbessern gibt: Die Stadt Leinfelden-Echterdingen hat sich dafür entschieden, in neue Sirenen zu investieren. Das Ziel ist es, im Katastrophenfall so viele Menschen wie möglich zu erreichen, um Schäden zu verringern. Die neuen Sirenen sind ein wichtiger Teil der kommunalen Krisen- und Katastrophenvorsorge.
Nach dem Ende des Kalten Krieges in den 1990er Jahren hätten viele Städte die Vorbereitung auf plötzliche und große Schadensereignisse aus den Augen verloren, erinnert der zuständige Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell. Erst die Pandemie, Terroranschläge oder die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal ließen den Katastrophenschutz wieder in den Fokus rücken. „So kam die Krisen- und Notfallplanung wieder auf die Tagesordnung“, erklärt er. Selbst ein Krieg scheint nach dem für viele Menschen überraschenden Angriff Russlands auf die Ukraine wieder ein Szenario für den Krisen- und Katastrophenschutz hierzulande zu sein. Die Stadt möchte vorbereitet sein. „Vorsicht ist besser als Nachsicht“, findet Kalbfell.
Um das Stadtgebiet zu beschallen, sollen an 19 Standorten Sirenen aufgestellt werden. 15 davon können auf städtischen Gebäuden errichtet werden. Vier Sirenen sollen auf Masten auf städtischen Grünstreifen gebaut werden. Für die Ausarbeitung des Konzepts wurde das Planungsbüro BE Bergmann Engineering beauftragt. Auf Grundlage der Entwurfsplanung sollen die Kosten für die Sirenen rund 560 000 Euro betragen. Der Gemeinderat hat der weiteren Beauftragung der Planer sowie der Ausschreibung bereits zugestimmt. Derzeit werden die Ausschreibungsunterlagen vorbereitet. Die Stadt hofft, dass die Umsetzung 2024 folgen kann. Vielleicht könnten die neuen Sirenen bereits beim Warntag im nächsten September eingesetzt werden, hofft Kalbfell.
Die denkbaren Einsatzszenarien sind vielfältig. So könnten Menschen beispielsweise nach einem Fund einer alten Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gewarnt werden. Durch die Nähe zum Flughafen zählen auch Flugzeugabstürze zu den Szenarien, über welche der Krisenstab im Rathaus nachdenkt. Und selbst für den Fall eines Atomunfalls möchte die Stadtverwaltung vorberietet sein. Kaliumjodidtabletten werden vorrätig gehalten. Hinzu kommen eingelagerte Betten, die zuletzt während der Diskussion über die Einrichtung von Wärmehallen bei einer Gasmangellage zum Einsatz hätten kommen können. „Es hat uns eiskalt erwischt“, gibt Kalbfell mit Blick auf das plötzlich fehlende Gas aus Russland nach dem Angriff auf die Ukraine zu.
Große Übung ist in Vorbereitung
Das Feld des Krisen- und Katastrophenschutzes ist groß. Für den Krisenstab des Rathauses gibt es beispielsweise Satellitentelefone, deren Funktionalität stets sichergestellt sein muss. „Die Pläne sind sehr detailliert. Es gibt genug zu tun“, stellt Kalbfell klar. Eine Mitarbeiterin des Rathauses sei Vollzeit damit beschäftigt, die Notfallprotokolle, Pläne, Kontaktlisten und vieles mehr aktuell zu halten. Die neuen Sirenen seien nur ein Teil des viel größeren Managements, zu dem neben dem bereits genannten auch das Thema Cybersecurity gehöre. Neben der Kommunikation spielt das Vorhalten von Betriebsstoffen eine wichtige Rolle beim Krisenmanagement. Zwei Notstromgeneratoren sollten bei einem Stromausfall für einige Tage Energie liefern können.
Ob die am Schreibtisch erarbeiteten Pläne auch in der Wirklichkeit funktionieren, muss regelmäßig überprüft werden. Bereits im kommenden Jahr soll eine große Übung stattfinden, kündigt Kalbfell an. Dabei könnten bereits die neuen Sirenen zum Einsatz kommen, die mehr als lediglich ein Signal geben. „Die Bedeutung der Alarme ist nicht mehr in den Köpfen der Menschen drin“, vermutet der Bürgermeister.
Der Informationsgehalt eines Alarmtons sei gering. Deshalb können die neuen Sirenen auch Sprachnachrichten wiedergeben. Ein weiterer Vorteil des städtischen Sirenennetzes sei, dass dieses schnell und zielgerichtet eingesetzt werden könne. Es müsse kein Alarm in der ganzen Stadt ausgelöst werden, wenn etwa in einer Straße ein Gasrohr undicht sei, verdeutlicht Kalbfell.
Beim Förderprogramm kommen nicht alle zum Zug
Zeit
Einen Strich durch die Planung zur Aufstellung der neuen Sirenen könnten Lieferengpässe machen. Die Ergebnisse des Warntages waren nicht allein in Leinfelden-Echterdingen verbesserungswürdig. Viele andere Kommunen arbeiten derzeit ebenfalls an einer Verbesserung ihrer Anlagen. Die Fördermittel des „Sonderförderprogramms Sirenen“ waren gleich mehrfach überzeichnet. Für Baden-Württemberg wurden 11,2 Millionen Euro bereitgestellt. Viele Städte und Gemeinden, die einen Antrag gestellt hatten, gingen leer aus. So auch Leinfelden-Echterdingen. Insgesamt seien 571 Anträge im Land gestellt worden, so die Stadtverwaltung. 352 dieser Anträge seien abschlägig, weitere 30 teilweise abschlägig beschieden worden. Bisher seien keine neuen Fördermittel bereitgestellt worden.
Technik
Die neuen Sirenen sollen nicht allein Töne, sondern auch gesprochene Warnungen oder Hinweise übermitteln können. Die Sirenen sollen an das Modulare Warnsystem (Mowas) angeschlossen werden können. Das Mowas ist ein vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) entwickeltes flächendeckendes Zivilschutzsystem zur Warnung der Bevölkerung im Verteidigungsfall, das auch den Ländern zur Warnung vor Katastrophen zur Verfügung steht. An das Mowas sind auch Warn-Apps wie Nina, Katwarn und Biwapp sowie Rundfunk-Fernsehanstalten, Zeitungsredaktionen, Stadtinformationstafeln und Verkehrsunternehmen angeschlossen.