In einer neuen AG der Malteser lernen Schülerinnen und Schüler am Georg-Büchner-Gymnasium in Winnenden ganz praktisch, wie Katastrophenvorsorge funktioniert.
Es bleiben nur fünf Minuten bis zur Evakuierung. Fünf Minuten, um das Nötigste in einen Rucksack zu packen. Doch was kommt mit? Ein Mädchen greift schnell nach einer Powerbank. Dann holt sie Trinkwasser, eine Rettungsdecke, ein Erste-Hilfe-Set. Sie greift ein Kartenspiel, aber es fällt zu Boden. Nur noch eine Minute. Doch es passt nicht alles in den Rucksack. Hektisch zieht sie am Reißverschluss.
Was sich zunächst nach einem echten Notfall anhört, ist in Wirklichkeit die Übung einer neuen Arbeitsgemeinschaft (AG) am Georg-Büchner-Gymnasium in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) . In dem Szenario sollen die Schüler sich vorstellen, dass sie nach einem Starkregenereignis ihre Häuser verlassen müssen. Ziel ist eine Notunterkunft. Was sie mitnehmen, müssen sie selbst entscheiden. Dass das schwieriger ist als gedacht, merken sie schnell.
Pilotprojekt der Malteser: Arbeitsgemeinschaft zur Katastrophenvorsorge
Seit den Herbstferien treffen sich Schüler der Klassen 8 bis 12 einmal pro Woche, um sich mit Bevölkerungsschutz und Katastrophenvorsorge zu beschäftigen. Die AG mit dem Namen „BePrepared“ ist ein Pilotprojekt der Malteser.
Initiiert wurde sie von Florian Hambach. Der Lehrer unterrichtet seit rund zehn Jahren am Georg-Büchner-Gymnasium und engagiert sich seit mehr als 20 Jahren bei den Maltesern. Der Katastrophen-Einsatzleiter betreut die AG ehrenamtlich, nicht als Teil seines regulären Unterrichts.
„Das sind ernste Themen“, sagt Hambach. „Es geht um Stromausfälle, Evakuierungen und Situationen, die man nicht schönreden kann.“ Einige Schüler des Gymnasiums haben eine solche Katastrophe bereits hautnah miterlebt – im Juni 2024 verwüsteten Überflutungen Teile des Rems-Murr-Kreises. Die Wassermassen kosteten in Schorndorf zwei Menschenleben. Auch Hambach war damals im Einsatz.
Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 sei das Thema Katastrophenschutz auf politischer Ebene stärker in den Fokus gerückt, erklärt Hambach. Damals verloren mehr als 180 Menschen ihr Leben. Ziel sei es seither auch in Baden-Württemberg, die Bevölkerung insgesamt resilienter zu machen.
Beim Aktionstag in Winnenden geht es ums praktische Ausprobieren
Um bereits bei der jungen Generation anzusetzen, wurde landesweit ein jährlicher „Aktionstag Katastrophenschutz“ an weiterführenden Schulen eingeführt. Schüler der Klassenstufe sechs erhalten dabei Einblicke in die Praxis von Einsatzkräften und sollen praktische Fähigkeiten für Notfallsituationen vermittelt bekommen.
Doch aus Sicht von Hambach greift das zu kurz: „Ein Aktionstag im Schuljahr reicht dafür nicht aus“, sagt er. „Wenn man wirklich etwas mitnehmen soll, muss man Dinge ausprobieren und reflektieren.“ Diese Erkenntnis brachte ihn auf die Idee mit der AG. In den Stunden geht es nicht nur um Theorie, sondern vor allem ums praktische Ausprobieren: Die Schüler erstellen Vorratslisten, packen Notrucksäcke und kaufen für den Ernstfall ein.
Beim Üben wird den Schülern rasch klar: Es ist gar nicht so einfach, innerhalb von fünf Minuten einen Notrucksack zu packen. Foto: Gottfried Stoppel
Die Motivation von Hambach speist sich aus eigenen Einsatzerfahrungen. Als Katastrophenschützer musste er selbst Menschen aus ihren Häusern holen – oft mit nur wenigen Minuten Vorlauf. „Dann bleibt kaum Zeit zu überlegen, was man noch mitnimmt“, sagt er. Gleichzeitig beobachtet er, dass die Selbstversorgungsfähigkeit der Bevölkerung gering ist – und das sei ein großes Problem: „Wir erleben zunehmend Krisen- und Katastrophensituationen. Da sollte eigentlich jeder zumindest für ein paar Tage vorbereitet sein.“
Schülerin der AG: „Mir ist wichtig, anderen helfen zu können“
Bei den Jugendlichen kommt das Angebot gut an. „Die Kinder sind offen, positiv und begeisterungsfähig“, erzählt Hambach. Genau darin sieht er eine große Chance für den Bevölkerungsschutz. „Die AG klang für mich direkt interessant“, erzählt die 15-jährige Layla, die sich bereits bei der Malteser-Jugend und im Schulsanitätsdienst engagiert. „Mir ist wichtig, anderen helfen zu können.“
Die meisten Teilnehmer hatten sich vor der AG kaum oder gar nicht mit Katastrophenvorsorge beschäftigt. „Vorher wäre ich komplett aufgeschmissen gewesen“, sagt der 14-jährige Fabian. Durch die AG wisse er jetzt besser, was man im Ernstfall wirklich brauche. „Man denkt viel mehr darüber nach.“
Notvorrat für den Ernstfall: Schüler gehen einkaufen
Wie praxisnah das Projekt angelegt ist, zeigt eine weitere Übung: Die Schüler sollen einen Notvorrat für zu Hause einkaufen – für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Dafür geht es mit einem Einsatzfahrzeug der Malteser in einen nahe gelegenen Supermarkt.
Im Einkaufswagen landen Pumpernickelbrot in der Dose, haltbar bis 2028, Sauerkirschen, Ananas, dampfgegarte Erbsen und Möhren. „Können wir den Rotkohl weglassen?“, fragt der 13-jährige Simon beim Blick auf die Liste und verzieht das Gesicht. Die Einkaufsliste ist lang. Neben Hülsenfrüchten und Gemüsekonserven stehen auch Getreideprodukte auf dem Zettel. Immer wieder prüfen die Jugendlichen das Mindesthaltbarkeitsdatum, die Menge – und den Preis.
Bezahlt wird der Einkauf von Florian Hambach selbst. „Das wird der Notvorrat für meine Familie“, erklärt er. Beim nächsten Treffen wolle er einen Teil davon außerdem gemeinsam mit den Schülern kochen – und prüfen, was sich tatsächlich bewährt.
Tipps für den Notvorrat
Zuerst klären: Wie viele Menschen leben im Haushalt?
Wie viel Platz steht zur Verfügung – Keller oder kein Keller?
Auch an Wasser denken
Lieber einen Notvorrat für drei Tage als gar keinen
Haltbarkeit regelmäßig prüfen
Mit Nachbarn reden und sich absprechen
Langfristig hat Hambach das Ziel, sein Konzept auch landes- und bundesweit bekannt zu machen. „Wir erleben zunehmend Krisen- und Katastrophensituationen“, sagt er. Gleichzeitig sei die Selbstversorgungsfähigkeit der Bevölkerung gering. „Jeder sollte vorbereitet sein.“ Das gelte nicht nur für Jugendliche, sondern ebenso für Erwachsene.
Pionierarbeit an der Schule: Lernen ohne Panik
Schulleiterin Stefanie Rolli bezeichnet die AG als Pionierarbeit. Ob das Angebot im kommenden Schuljahr fortgeführt wird, sei derzeit noch offen. „Wir wollen unsere Schülerinnen und Schüler gut auf das Abitur vorbereiten“, sagt sie. „Aber wir möchten sie auch gut ins reale Leben entlassen.“
Dabei gehe es ausdrücklich nicht darum, Angst zu schüren. „Es sind ernste Themen, über die man sprechen muss – sachlich und ohne Panik.“ Die Zusammenarbeit mit den Maltesern sei dabei ein wichtiger Baustein. Diese bestehe an der Schule bereits seit vielen Jahren.
Am Ende der Übung bleiben keine dramatischen Bilder, sondern klare Erkenntnisse: Dass Vorbereitung Zeit braucht. Dass Entscheidungen unter Druck schwerfallen. Und dass Vorsorge nicht erst im Ernstfall beginnen sollte.
Ratgeber
Vorsorgen für Krisen und Katastrophen Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe stellt einen Ratgeber zur Vorsorge für Krisen und Katastrophen bereit. Darin werden Vorbereitungs- und Handlungsempfehlungen für verschiedene Notsituationen zusammengefasst. Checklisten sollen bei der Umsetzung unterstützen. Der Ratgeber kann online bestellt oder heruntergeladen werden.