Die Mutter der vermissten Madeleine hat Angst, dass die Welt ihr verschollenes Kind vergisst. Um das zu verhindern schrieb Kate McCann ein Buch.  

London - Als Strafe droht Kate McCann ein Lebenslang - der lebenslange Verlust ihres Kindes und lebenslange Schuldgefühle. Ihr Vergehen könnte allein darin bestehen, dass sie ihre Tochter schlafen ließ, 50 Meter entfernt zu Abend aß und alle halbe Stunde nach ihr sah.

Am späten Abend des 3. Mai 2007 ist die dreijährige Madeleine aus einem Ferienapartment im portugiesischen Praia da Luz verschwunden. Bis heute wird die junge Britin vermisst. Gut vier Jahre sind vergangen, in denen Kate McCann nach eigenen Angaben wie betäubt durch die Welt läuft und sich jeden Moment der Freude verbietet.

So schreibt sie es in ihrem Buch "Madeleine", das schon seit Monaten in den britischen Bestsellerlisten ist und am Freitag auch auf Deutsch erscheint. Detailliert, fast minutiös schildert die Mutter darin ihre verzweifelte Suche nach der Tochter. Und auch wer meint, schon alles über den "Fall Maddie" zu wissen, erfährt die Geschichte aus einer neuen Perspektive.

Die Eltern geraten in den Focus der Ermittlungen

Die Eckpunkte sind bekannt: Kate McCann kehrt gegen halb zehn Uhr abends in das Ferienapartment zurück, um nach Maddie und deren Geschwistern zu sehen. Die Tür zum Kinderzimmer steht offen. Sie schaut ins Zimmer und sieht das leere Bett ihrer Tochter.

Das Fenster steht sperrangelweit offen, die Jalousien sind hochgezogen. "Übelkeit, Entsetzen, Angst. Eiskalte Angst. Lieber Gott, nein!", fasst die Mutter den Horror in Worte. Es beginnt der Kampf mit Polizeibehörden, die im Gerangel um Zuständigkeiten nach Ansicht der Eltern ihre eigentliche Aufgabe zu vergessen scheinen: die kleine Madeleine zu finden.

Kate McCann berichtet von angeblichen Hellsehern, die behaupteten zu wissen, wo die Leiche ist. Andere gaben sich als Entführer aus und forderten Geld. Schließlich geraten die Eltern selbst in den Fokus der Ermittlungen. Beweise, die vor Gericht standgehalten hätten, gab es nicht. Die Ermittlungen wurden eingestellt, den Verdacht aber wurden sie nicht mehr los.

Das Buch als Verteidigungsschrift

Wer glaubt, dass Kate und Gerry McCann selbst mit dem Verschwinden des Kindes zu tun haben, kann das Buch als Verteidigungsschrift im eigentlichen Sinne lesen. Kate McCann protokolliert die Ereignisse in den ersten Tagen nach Madeleines Verschwinden in allen Einzelheiten. Sie nennt Uhrzeiten, Zeugen, Orte, alles Mögliche. Schon logistisch ist es da schwer vorstellbar, dass die Eltern, ein Ärztepaar, in den Fall verwickelt sind.

Kate McCann sagt, sie sehe ihr Buch als ein Vermächtnis an ihre Kinder: an die Zwillinge Sean und Amelie - und an Madeleine. Wenn ihre Tochter wieder nach Hause kommt, solle sie nachlesen können, dass ihre Eltern nie aufgehört haben, sie zu suchen.

Madeleine kommt zurück, davon sind sie überzeugt. Kate McCann klammert sich an andere Fälle: Natascha Kampusch, Jaycee Lee Dugard und Carlina White sind nach acht, 18 und 23 Jahren ihren Entführern entkommen.

Ein Pakt mit dem Teufel

"Madeleine ist am Leben, bis irgendjemand das Gegenteil beweist", daran halten die Eltern fest. Sie sind entsetzt, als der frühere portugiesische Chefermittler verkündet, Maddie sei mit Sicherheit tot. Ein totes Kind wird nicht gesucht, ein für tot erklärtes Kind wird von der Gesellschaft irgendwann vergessen - das ist die Sorge, die die McCanns mit aller Medienmacht bekämpfen wollen.

"Zyniker werden behaupten, wir hättendie Medien ,hofiert"', schreibt Kate McCann: "Wenn sie damit sagen wollen, wir hätten ihre Hilfe in Anspruch genommen, um überall kundzutun, dass uns unsere Tochter geraubt worden war und wir sie unbedingt wiederfinden wollten, dann geben wir ihnen sofort recht."

Ihre Kooperation mit den Medien, ihr Drang an die Öffentlichkeit muss ihnen irgendwann allerdings selbst wie ein Pakt mit dem Teufel vorgekommen sein.

Keine leichte Lektüre

Es beginnt damit, dass sie es als respektlos empfinden, dass ihr Kind konsequent Maddie genannt wird, obwohl ihre Tochter immer darauf bestanden habe, mit ihrem vollen Namen angesprochen zu werden: "Ich bin nicht Maddie, ich bin Madeleine!" Schwerer wog, dass sie erfahren mussten, dass nur als glaubwürdig trauernd gilt, wer öffentlich zusammenbricht.

Die McCanns jedoch rissen sich vor den Kameras zusammen. Sie dachten, dass es ihrer Tochter helfe. Doch es wurde ihnen als Gefühlskälte ausgelegt und machte sie in den Augen mancher erneut verdächtig.

"Madeleine" ist keine leichte Lektüre. Der Leser weiß schon am Anfang, dass es kein Happy End gibt. Dass es überhaupt kein Ende gibt. Was mit Madeleine passiert ist, ist bis heute nicht bekannt.

Kate McCann: Madeleine - Das Verschwinden unserer Tochter und die lange Suche nach ihr. Bastei Lübbe, 456 Seiten, 16,99 Euro.

Alle Spuren laufen ins Leere

3. Mai 2007 Madeleine verschwindet aus einem Hotelzimmer an der Algarve. Am Tag danach beginnt die Suche.

6. Mai Madeleines Eltern Gerry und Kate McCann appellieren an die Öffentlichkeit, ihnen mit Hinweisen bei der Suche zu helfen.

7. Mai 130 Personen arbeiten an dem Fall. Immer wieder wenden sich die McCanns an die Medien, reisen nach Deutschland, Spanien, Marokko und in die Niederlande, um Menschen und Regierungen zur Mithilfe zu bewegen.

11. Mai Die Suche in der Um-gebung des Tatorts wird eingestellt. Britische Prominente spenden in den folgenden Tagen 3,7 Millionen Euro, um die Suche zu unterstützen.

16. und 17. Mai Die britische Regierung sagt ihre Hilfe zu, und die Website findmadeleine.com wird freigeschaltet. In den ersten 48 Stunden hat die Seite bereits 75 Millionen Klicks. Trotzdem laufen alle Spuren ins Leere.

7. September Die McCanns werden selbst zu Verdächtigen erklärt und verhört.

18. September Der portugiesische Chefermittler gibt den Fall ab. Er sagt, die Berichterstattung der Medien sei ihm zu reißerisch geworden.

Juli 2008 Die Ermittlungen werden offiziell eingestellt.

Januar 2010 Gerry und Kate McCann verklagen den ehemaligen Chefermittler. Er habe sie in seinem Buch verleumdet. Es darf daraufhin nicht verkauft werden.

13. Mai 2011 Die Londoner Polizei rollt den Fall wieder auf - bisher ohne Ergebnis. aba