Katharina de Ponte aus Schwäbisch Hall hält das alte Handwerk der Weißnäherin lebendig Rüstzeug für die Ehe

Katharina de Ponte im Freilandmuseum Wackershofen Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel

Früher war es Brauch, dass die Frau nett verzierte Leinen-Unterwäsche,Handtücher, Kissenbezüge, Tischdecken mit in die Ehe brachte. Katharina de Ponte hält das fast vergessene Handwerk der Weißnäherin lebendig.

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Das wär mal eine Überraschung: Wenn man einer 14-Jährigen heutzutage ein weißes Geschirrtuch oder Nachthäubchen zum Geburtstag schenkte. Eine amüsante Vorstellung auch, von ihr dann noch zu verlangen, dass sie nach der Schule und an den Wochenenden hübsche Monogramme in ihre Wäsche stickt.

 

Nicht so arg lange her, da war es noch anders. Die alten Zeiten bleiben lebendig in den Tischdecken, Unterhosen, Nachtjacken, Totenhemden, den mit gestickten Weisheiten wie „Ordnungssinn bringt Gewinn“ verzierten Handtüchern im Freilandmuseum Wackershofen bei Schwäbisch Hall. Dort ist dem ausgestorbenen Beruf der Weißnäherin ein Raum gewidmet, gleich über der verstaubten Werkstatt eines Schuhmachers. Katharina de Ponte, 76, hütet die Schatzkammer.

Eine häusliche Grundausstattung in die Ehe einzubringen war Sache der Braut. Und man konnte nicht früh genug damit anfangen, das Weißzeug zusammenzutragen und zu veredeln: Bettbezüge, Haushaltstextilien, die Leibwäsche der Frau – idealerweise mit verspieltem Spitzenbesatz an den Unterröcken. Diese „freien Spitzen“ gaben dem heiratswilligen Mann einen wichtigen Hinweis auf Fleiß und Geschick der Erwählten.

Unerfüllte Träume

„Oft stelle ich mir vor, welche zarten oder auch rauen Hände über den Stoff huschten, welche Wünsche ans Leben damit verbunden waren“, sagt Katharina de Ponte. Oft genug erfüllten sich die Träume nicht. Manchmal blieben die guten Sachen auch gänzlich unbenutzt im Schrank liegen, weil der Bräutigam im Krieg gefallen war und die Verlobte keinen anderen mehr gefunden oder nur diesen einen gewollt hatte. „Da sind so viele Geschichten hinter den Dingen“, sagt Katharina de Ponte. So viel Lebenshärte auch. Große Gefühlsduseleien konnte man sich nicht leisten. Sie weiß Bescheid.

Katharina de Ponte kommt aus einer Bauernfamilie in Hohebach an der Jagst, einem hohenlohischen Dorf. Ein mittelgroßer Hof, den es inzwischen nicht mehr gibt. Fünf Geschwister, sie die Zweitjüngste. Geboren in einem Stall „wie das Jesuskind“. Nachdem die Alliierten den Hof zerbombt haben, werden als Erstes die Stallungen wiederaufgebaut. Die Familie lebt zunächst in der Scheuer mit dem Vieh. Ein Schlafraum, eine Wohnküche. „Die hat meine Mutter selber geweißelt und mit grünen Tupfen ein bisschen freundlicher gemacht.“

Als der Vater von Niederstetten her zu Fuß aus dem Krieg heimkommt, sagt man ihm schon auf dem Weg: „Fritz, dei Hof steht aber nimmer.“ Er hat schon von jeher ein cholerisches Wesen. „Doch dann begannen nachts seine Albträume, die Aussetzer am Tag. Er war schwer traumatisiert.“

Als Kind sei sie wohl sehr schweigsam gewesen, erzählt Katharina de Ponte. Mit 13, 14 fängt sie an, Bücher zu lesen – Krimis von Edgar Wallace, viel Auswahl hat sie ja nicht. Aber genug, um zu merken, dass es noch eine andere Welt als die bäuerliche gibt. Ihre Lehrerin meint zum Vater: „Das Mädle gehört ins Gymnasium.“ Der Vater hat andere Pläne: Das Mädle heiratet einen Bauern.

Nach der Volksschule kommt sie in den Haushalt der Lehrerin. Deren Mann ist Assessor beim Gericht. Feine Leute, die das Mädchen fördern. Als eine Taufe ansteht, trauen sie Katharina zu, zwei teure Modellkleider, die der Hausherrin nicht mehr passen, aufzutrennen und sie ihr neu auf den Leib zu schneidern. „Schon als Kind habe ich meiner Mutter den Weißzeugschrank geplündert, gefärbt, geschneidert“, sagt sie. „Mit zwölf wusste ich schon die Faltenformel für einen Faltenrock.“ Mit Stoff, Schere, Faden kommen ihr alle möglichen Einfälle.

Leitgedanken für Mädchen, konserviert auf Leinenbändern Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel

Der Herr Assessor bezieht Fleisch bei Katharinas Vater. Einmal beschwert er sich, ihm sind zu viele Knochen dabei. „Darüber war mein Vater so erbost. Ich durfte nicht mehr ins Haus der Lehrerin, er hat mich fristlos heimgeholt.“ Für sie geht eine Welt unter. „Ich dachte, ich komme nie raus aus der Enge. Vor lauter Verzweiflung habe ich meinen Kopf an die Wand geschlagen.“ Sie will doch etwas werden, etwas sehen.

Sie löst die Verlobung

Mit 17 bewirbt sie sich heimlich im Haller Diakonie-Krankenhaus, um Pflegehelferin zu werden. Als die Zusage eingeht, ist der Vater einverstanden, Gott sei Dank. An den freien Tagen freilich muss sie auf dem Hof schaffen. Sie erinnert sich an eine Diakonisse mit immertraurigen Augen. „Sie wollte eigentlich Schneiderin werden, war von ihrer Art her aber einfach nicht in der Lage auszubrechen und sich ihren Platz im Leben zu suchen.“ Katharina will es besser machen.

Sie löst die fast schon geschlossene und halb von außen arrangierte Verlobung mit einem Jungbauern. Ein Drama für die gesamte Familie. Dann die glückliche Wende: Ihre Schwester heiratet ihn und wird die vom Vater gewünschte tüchtige Bäuerin. Lange fühlt sich Katharina mit einem Makel behaftet, auch schuldig. Ihre Mutter erzählt ihr später, auch sie habe einst eine Verlobung wieder aufgelöst. Dem Bräutigam war ein neuer Pflug wichtiger als sie.

Katharina de Ponte zieht weiter, landet in der Kirchenverwaltung. Die Leiterin der Evangelischen Familienbildungsstätte fragt sie beiläufig: „In welcher Boutique kaufen Sie Ihre Kleider?“ – „Die nähe ich selber.“ – Dann müssen Sie Kurse bei uns geben.“ Katharina de Ponte traut sich erst nicht. Dann doch. 32 Jahre leitet sie die Do-it-yourself-Abendkurse und Workshops an den Wochenenden. „Das war meine Bestimmung.“

Im Hauptberuf macht sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau, wird Sekretärin, dann Vorstandssekretärin, dann Referentin für Öffentlichkeitsarbeit in einer großen Behinderteneinrichtung. Aber wenn sie schneidert, ist sie ganz bei sich. Trevira 2000 und die anderen aufkommenden Kunstfasern mag sie nicht. Sie schaltet lieber Anzeigen im „Landwirtschaftlichen Wochenblatt“: „Suche altes Leinen.“ Das schlummert noch in vielen Haushalten. Sie zeigt Fotos: Ein Mantel, den sie aus einer Gardine geschneidert und mit Leinen verbrämt hat. „Oder das hier, das war ein Issey-Miyake-Schnitt.“ Sie hat immer gleich eine Vision, was der Stoff sein will. Ein Kostüm aus Bettlaken, Leibchen aus Hafersäcken, eine Bluse aus Aussteuerkissen mit Richelieu-Spitzen. „So rutschte ich in die Kunsthandwerker-Liga.“ Sie geht nun nicht mehr auf Märkte mit ihren Kleidern, sie macht Ausstellungen und Modenschauen.

Die Korallenringe an ihren Fingern sind von den Orkneyinseln und aus Nepal. Ladakh war auch sehr beeindruckend, fast 40 Jahre ist das jetzt her. Da fragt eine, die sie frisch kennengelernt hat: „Und du heißt Gertrud? Das passt ja gar nicht zu dir.“ Eigentlich hat ihr der Vorname auch selber nie gefallen. Von da an nennt sie sich Katharina nach ihrer Großmutter. Und nach der Heirat wird aus Gertrud Egner schließlich Katharina de Ponte. „I have changed my name so often – kennen Sie das Lied von Leonard Cohen?“

In Wackershofen hat altes Handwerk von jeher seinen Platz. Der damalige Leiter bringt irgendwann auch Katharina de Ponte ins Spiel. Seit 25 Jahren verkörpert sie dort jetzt schon die Weißnäherin. „In den Arbeiten steckt so viel Geduld, Fleiß, Akkuratesse. Aus jedem Handtuch wurde ein Kunstwerk.“

Nabelbinden und Taghemden

Im Hauswirtschaftsunterricht bekamen die Madlich, wie man in Hohenlohe sagt, damals ihr Rüstzeug für die Ehe mit. Sie lernten, wie man wiefelt, stickt, stopft, im Hexenstich näht. Auf Übungstüchern stellten sie ihr Können aus. Katharina de Ponte zeigt den gut hundert Jahre alten Flicken einer gewissen Else Waschke. „Sie hat das ganz großartig gemacht.“ So ein Flicken war für eine junge Frau ein Zertifikat. Ein Blick darauf und die künftige Schwiegermutter wusste: „Die kann er vom Fleck wegheiraten.“

Katharina de Ponte hat einen Hang zur Nostalgie. „In die alte Zeit zu reisen, das wär mein Traum“, sagt sie. Hier im Museum kann sie einen tiefen Schluck vom Vergangenheitstrunk nehmen: bei den antiken mit Sinnsprüchen bestickten Nabelbinden, die nach der Niederkunft vor Entzündungen schützten. Den Taghemden, die obenrum als Bluse dienten, untenrum als Leibwäsche. Darüber trug man die Röcke, drunter nichts. Unterhosen waren erst im 19. Jahrhundert üblich – zunächst noch offen im Schritt, dann mit rückwärtiger Klappe zum Aufknöpfen. Der Volksmund sagte gern „Zwei Schenkel am Bändel“. Für leibnahe Wäschestücke unterhalb der Taille gab es keine feste Bezeichnung. Es waren die Unaussprechlichen.

Auf dem Land wurde die weiße Aussteuer von der Braut und den Frauen des Hauses gefertigt. Großbauern holten sich eine Weißnäherin auf den Hof, wo sie bei freier Kost und Unterkunft so lange blieb, bis alles fertig war. Von ihrem kleinen Lohn musste sie meist noch die Eisennähmaschine abbezahlen. Später konnte sie Heimarbeit für Wäschefabriken machen, bis sie spätestens in den 1950ern ganz aus der Zeit gestoßen wurde. Heute muss eine Tischdecke vielleicht mal einen Sommer halten, aber kein Leben lang. Und die Ehen auch nicht.

Katharina de Ponte näht die vergessenen Stücke zurück ins heutige Blickfeld. Der Verschluss eines Kissens wird bei ihr zum Verschluss einer Bluse oder Saum eines Kleides. Kein gesticktes Knopfloch geht verloren. Spitzen und Monogrammen schenkt sie immer eine besondere Platzierung am neuen Gewand. „Die Frauen, die das Material einst webten, besticken, benutzten, sind längst nicht mehr. Aber der Wert ihrer Arbeit wird dadurch wieder sichtbar.“

Sie ist rausgekommen aus ihrem Dorf. Sie bereiste Alaska, Israel. Mexiko. Wanderte durch Chalkidiki. Lebte sechs Wochen im türkischen Hinterland. Sparte für Sprachreisen nach Irland, Schottland. Nahm sich Zeit in einem Kloster im Saronischen Golf. Ist ihr Lebenshunger gestillt? „Ich bin angekommen. Ich kann mit mir selber allein sein.“

Zu ihrem ersten Mann habe sie im Grunde nie richtig gepasst, sagt sie, „immerhin hielt es vier Jahre.“ De Ponte war dann die Liebe, eine schillernde Persönlichkeit, eine heftige Zeit. „Der schöne Mann ist mir leider nicht geblieben, aber dafür sein schöner Name. Man muss in sich behalten, was gut war, wenn auch manches blöd lief.“

Aus ihr hätte auch was ganz anders werden können, sagt Katharina de Ponte – „nämlich gar nichts“. Von Wackershofen geht sie immer beglückt heim. Sie ist dankbar dafür, dass sie etwas Schönes bewahren und weiterreichen kann. Für die Gespräche mit den Besuchern. Manchmal gibt sie ihnen ein paar Alltagstipps mit auf den Weg: „Leinensachen immer wieder mal mit Kernseife waschen wegen der Rückfettung.“

Blick zurück in Dankbarkeit

Dankbar ist sie auch für ihre Eltern. Auch für den schwierigen Vater. „Er wollte halt immer nur Bauer sein. Die Scholle bearbeiten“, sagt sie. „Ich war nie im Streit mit ihm, dafür bin ich zu anständig.“ Aber sie haderte oft. Bis zum Tag, als sie eine Kerze für ihn anzündete: „Jetzt ist mal Schluss mit den Vorwürfen. Ich bin selber verantwortlich für mein Leben.“ Ihr Heimgang ist schon geregelt: eine Waldbestattung unter einem Wildkirschenbaum. „Ich hab ja keine Familie, keine Kinder, wer soll mein Grab pflegen?“ So wird es nur eine kleine Tafel geben mit ihrem Namen und ihren Daten: „Links eine Jahreszahl, rechts eine Jahreszahl und der Bindestrich dazwischen war das Leben.“

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