Bischof Fürst hofft zum Start des Katholikentags in Stuttgart „auf ein Glaubensfest“. OB Frank Nopper erinnert daran, das Christentreffen Symbol für eine Lebenshaltung zu sehen: Es gelte nicht immer die Macht des Stärkeren.

Lokales: Martin Haar (mh)

21 Grad Celsius. In der Innenstadt herrschen moderate Temperaturen. So wie bei den Menschen, die am Mittag über die Königstraße flanieren – deren emotionale Temperatur ist noch im Normbereich. Kaum einer fiebert dem Großereignis entgegen, das erst am Mittwochabend mit großen Open-Air-Gottesdiensten beginnt. „Katholikentag?“, sagt ein Jugendlicher, dessen Skateboard unterm Arm klemmt: „Nee, interessiert mich nicht.“ Ob Ausnahme oder Regel – in den kommenden Tagen dürfte keiner in der City dem großen Christentreffen entkommen. Die Organisatoren sind guter Dinge, dass sich Stuttgart erneut als idealer Austragungsort für den 102.  Katholikentag zeigen wird. Es soll wie 2015 beim evangelischen Kirchentag ein Fest im Namen Gottes werden.

Botschaften für die ganze Welt

Darüber hinaus soll der Katholikentag eine Menge Botschaften in die Welt senden. Nicht zuletzt ein deutliches Zeichen der Solidarität mit den Menschen in der Ukraine. So wie den durch Flucht und Krieg gebeutelten Ukrainern solle das Christentreffen allen Menschen auf der Welt, die in Krisen stecken, ein Symbol der Hoffnung sein, wie die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZDK), Irme Stetter-Karp, auf der Auftaktpressekonferenz im Haus der Wirtschaft sagte: „Denn die Zukunftsfragen machen an den europäischen Grenzen nicht halt.“

Bischof hofft auf Zeichen für den Frieden

Gebhard Fürst, der gastgebende Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, äußerte sich ähnlich. Für ihn soll der Katholikentag ein „starkes Zeichen für den Frieden und gegen den Krieg“ sein. Er hoffe auf „ein Glaubensfest“, das heilend in dieser geschundenen Welt wirke und ein Zeichen der Welt ausstrahle. Beide, Fürst und Stetter-Karp, erinnerten dabei daran, jene Solidarität auch zu zeigen. Beide luden daher zu einer Friedenskundgebung am Freitag, 13 Uhr, im Oberen Schlossgarten, ein. Zu diesem sichtbaren Symbol soll auch ein weithin hörbares kommen: In Stuttgart werden zu dieser Zeit alle Kirchturmglocken läuten. Kurzum: Alle verknüpfen mit dem Katholikentag den Impuls und die Hoffnung auf bessere Zeiten.

Kretschmann und Steinmeier bei gemeinsamem Rundgang

Im Rahmen des Deutschen Katholikentags wird Ministerpräsident Winfried Kretschmann unter anderem bei der zentralen Eröffnungsveranstaltung am heutigen Mittwoch (18 bis 19 Uhr) auf der Bühne im Oberen Schlossgarten gemeinsam mit anderen Podiumsgästen erwartet, darunter auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Anschließend begleitet er den Bundespräsidenten anlässlich des Abends der Begegnung bei einem Rundgang. Am Donnerstag (26. Mai 2022), Christi Himmelfahrt, nimmt der Ministerpräsident am zentralen Gottesdienst (10 bis 11 Uhr) auf dem Stuttgarter Schlossplatz teil.

Politpromis am Start

Am Samstag (28. Mai 2022) hält Ministerpräsident Kretschmann zunächst in der Liederhalle einen biblischen Impuls (9.30 bis 10.30 Uhr). Anschließend nimmt er an zwei Podiumsveranstaltungen teil: Von 11.20 bis 11.50 Uhr ist er zunächst auf der Diözesanbühne auf dem Schillerplatz im Gespräch mit Bischof Dr. Gebhard Fürst. Im Schiller-Saal der Liederhalle geht es von 14 bis 15.30 Uhr dann um das Thema „Dürfen Maschinen denken (können)? Warum Künstliche Intelligenz eine Ethik braucht.“ Am Samstagnachmittag (15.45 bis 16.45 Uhr) ist dann noch ein Gang über die Kirchenmeile geplant, bei dem der Ministerpräsident verschiedene Stände besuchen wird. Zum Abschluss des Deutschen Katholikentags in Stuttgart besucht Kretschmann am Sonntag (29. Mai 2022) von 10 bis 11.30 Uhr den Abschlussgottesdienst auf dem Schlossplatz.

Echte Begegnungen nach zwei Jahren Pandemie

Zum Katholikentag haben laut Geschäftsführer Roland Vilsmaier bereits 19 000 Besucher eine Dauerkarte, 6000 Menschen eine Tageskarte gekauft. 7000 Dauerteilnehmer seien als Mitwirkende registriert. Bevor am Mittwochabend im Beisein des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) der Katholikentag offiziell eröffnet wird, freute sich ZdK-Präsidentin Stetter-Karp darüber, dass nun nach mehr als zwei Jahren Pandemie wieder „echte Begegnungen“ möglich seien. Neben den Themen Pazifismus sollen vor allem die Fragen nach den sozialen Folgen der Pandemie und die Dringlichkeit von kirchlicher Reformen diskutiert werden.

Ein Katholikentag in schwierigen Zeiten

Winfried Kretschmann hob beim Empfang im Neuen Schloss hingegen hervor: „Vielfalt und Toleranz, Diskurs und Respekt, Aktualität und Nachdenklichkeit – das ist die Mischung, die den Katholikentag ausmacht. Und das ist die Mischung, die eine freiheitliche und vielfältige Gesellschaft braucht. Deshalb sind Kirchen- und Katholikentage so wichtig für uns alle.“ Der Katholikentag finde angesichts der Corona-Pandemie, des Kriegs in der Ukraine und der Kirchenkrise in schwierigen Zeiten statt, so der Ministerpräsident. Umso wichtiger sei dieses Treffen. Es gelte, den christlichen Glauben auf diesem Weg in die Gesellschaft zu tragen. Politik und demokratischer Staat seien gerade in Zeiten wie diesen angewiesen auf die Kirchen, die Werte und Gemeinschaft stifteten, so Kretschmann. „Der aggressive und völkerrechtswidrige Überfall auf die Ukraine hat einen Zeitenbruch mit tief greifenden Konsequenzen für uns alle herbeigeführt. Jetzt, wo Frieden und Freiheit in Europa auf dem Spiel steht, müssen wir alle unseren Beitrag leisten“, betonte Kretschmann: „Ich bin deshalb sehr dankbar, dass sich der Katholikentag auch diesem Thema stellt.“

Die emotionale Temperatur dürfte steigen

Der OB Frank Nopper ergänzte: „Das Motto dieses Katholikentags ,leben teilen‘ fordert uns auf, Verantwortung zu übernehmen und Gerechtigkeit möglich zu machen, nicht nur in unserer eigenen Lebenswelt, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Und der Katholikentag will auch ein Zeichen dafür setzen, dass nicht die Macht des Stärkeren gilt.“

Kretschmann verschwieg nicht, dass die hohen Austrittszahlen und der Mitgliederschwund die Kirchen schwäche. Als Folge könnte die „soziale Temperatur“ im Land sinken. Zumindest in den kommenden fünf Tagen dürfte das anders werden. Auch wenn am Mittwoch in der Innenstadt noch Normaltemperatur herrschte. Wenn man von den Erfahrungen des evangelischen Kirchentags 2015 in Stuttgart ausgeht, dürfte in der Stadt bald ansteckendes Katholikentags-Fieber herrschen.

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