Einige Zehntausend Gläubige werden zum 102. Katholikentag in der Landeshauptstadt erwartet. Eine von ihnen ist die Stuttgarterin Hildegard Bläsi. Sie war schon bei mehreren der Kirchengroßevents – unter anderen 1964 in Stuttgart.

Lokales: Viola Volland (vv)

Hildegard Bläsi schaut ihre alten Fotoalben durch. Nein, 1964 haben sie und ihr Mann leider kein Foto vom Katholikentag gemacht. Gemeinsam waren sie damals aus Degerloch zu der Großveranstaltung in die Stadt gefahren. Per Straßenbahn, schließlich waren die Besucher dazu aufgerufen worden, öffentlich zu kommen, da es „keine Parkplätze“ in der Stadt gebe. 58 Jahre ist der 80. Deutsche Katholikentag nun schon her. Die Straßenbahn fuhr noch oberirdisch durch die Königstraße.

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Beim Eröffnungsgottesdienst saßen sie auf einer unbequemen Holzbank ohne Lehne auf dem Schlossplatz. Das weiß sie noch. Und auch beim Abschluss auf dem Cannstatter Wasen muss sie dabei gewesen sein – als eine von 200 000 Katholikinnen und Katholiken. Dort hielt der Jesuit Mario von Galli die Hauptrede der Schlusskundgebung. Und an ihn erinnert sie sich noch. Seine ausgeprägte Mimik und Gestik hat sie lebhaft vor Augen. Er habe sie sehr beeindruckt, erzählt die 86-Jährige.

Sie vermisst ein gedrucktes Programmheft

Ansonsten ist es mehr ein Gefühl, an das sich die ehemalige Musiklehrerin erinnert – und das sie auch mit den anderen Kirchentagen, die sie besucht hat, verbindet. Es fühle sich gut an, von Gleichgesinnten umgeben zu sein, die ebenfalls an Gott glauben. „Der Kirchentag ist ein gemeinsames Erlebnis“, sagt Hildegard Bläsi. Ihr erstes Katholikentreffen hat sie 1951 in Stuttgart erlebt: Es war eine regionale, keine nationale Veranstaltung. Von dem Treffen hat sie sogar noch ein Foto im Album. Auf dem sieht man die Menschen im Innenhof der Ruine des Neuen Schlosses betend stehen – ein großes Kreuz auf Stoff prangt vor der kaputten Fassade. Wo einmal Fenster waren, sind Löcher. Aber die Figuren auf dem Gemäuer, die standen noch zum Großteil.

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Auch diesmal ist Hildegard Bläsi „natürlich“ beim Kirchentag dabei. Es ist ihr erstes Großereignis seit Beginn der Pandemie. Die Eröffnung am Mittwoch schaut sie sich im Fernsehen an, aber am Donnerstag will sie die Gemeinschaft spüren: Mindestens am 10-Uhr-Gottesdienst auf dem Schlossplatz will sie teilnehmen. Nur welche Veranstaltung sie noch besucht, da ist sie unentschieden. Die Seniorin vermisst ein ausgedrucktes Programmheft, findet es schwierig, auf der Internetseite des Katholikentags den Überblick zu gewinnen. Mithilfe ihres Sohnes will sie sich noch „eine kleine Veranstaltung“ heraussuchen. Alles, was mit der Zukunft der Kirche zu tun hat, interessiert sie. Sie glaubt an diese, schließlich biete sie „etwas, woran man sich ausrichten kann“, gerade in diesen unsicheren Zeiten.

Sonntags gehört der Kirchgang dazu

Manchmal deprimiert es sie, wenn sie auf die vielen leeren Kirchenbänke am Sonntag blickt. Sie geht jeden Sonntag zur Messe – bis zu seinem Tod vor 17 Jahren war ihr Mann an ihrer Seite. „Man ist Gott auch etwas schuldig, da kann man sich wenigstens am Sonntag bedanken“, findet sie. Auch einen eigenen kleinen Beitrag wird sie leisten. Am Freitagabend singt Hildegard Bläsi, die selbst mehr als 30 Jahre einen Chor in Rohr geleitet hatte, mit dem Kirchenchor um 21.30 Uhr in der Degerlocher Mariä-Himmelfahrts-Kirche beim „Tagesausklang mit Musik und Gebet“, einem abendlichen Begleitangebot zum Katholikentag.

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