Katholikentag Präsidiale Mahnungen

Von , Regensburg 

Bundespräsident Joachim Gauck spricht auf dem Katholikentag in Regensburg. Er ermutigt die katholischen Christen, sich in die Debatte über die Zukunft ihre Kirche einzubringen und aktiv zu werden.

Präsident Gauck (Mitte) findet mahnende Worte auf dem Katholikentag. Foto: dpa
Präsident Gauck (Mitte) findet mahnende Worte auf dem Katholikentag. Foto: dpa

Regensburg - Der bayerische Ministerpräsident wirkt so heiter und er redet so drauflos, als sei ihm der Gottesdienst zum Auftakt des 99. Deutschen Katholikentages ein wenig zu Kopf gestiegen. Nicht nur, dass Horst Seehofer den Freistaat als „hervorragendes Land“ preist, den „friedvollen Stamm der Bayern“ lobt und angesichts des Dauerregens in Regensburg betont, die „Staatsregierung ist für die Gestaltung des Wetters nicht verantwortlich“. Nein, der CSU-Politiker lässt noch auf skurrile Art den Europawahlkampf wiederaufleben, in dem der SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz Kreuze in der Öffentlichkeit hinterfragt hat. Erst rühmt Seehofer die bayerischen Grußformeln „Grüß Gott“, „Pfiat di Gott“ und „Vergelt’s Gott“. Dann stellt er kurz und bündig fest, Bayern sei christlich geprägt, deshalb „werden wir die Kreuze in den Klassenzimmern und auf den Bergen lassen“.

Das klingt, als gäbe es im Freistaat weder Zuwanderung noch wachsende Glaubenszweifel in der Bevölkerung. Dass die Dinge aber heutzutage zumindest jenseits des Weißwurstäquators doch etwas komplizierter sind, zeigt schon die Reaktion der rund 10 000 Christen auf dem Platz vor dem Dom, die Seehofer eher pflichtschuldig als euphorisch Beifall spenden. Und das macht auch der Bundespräsident in seiner feinsinnigen Art klar: „Der Glaube mutet uns zu, uns selbst nicht zu wichtig zu nehmen“, mahnt Joachim Gauck. Der evangelische Pfarrer hat hier ein Heimspiel. Er spricht den Katholiken aus dem Herzen, wenn er ein mehr an Ökumene einfordert, und trifft den richtigen Ton: „Nicht mal drei Jahre bin ich im Amt und schon zweimal auf dem Katholikentag. Da können Sie nicht meckern“, sagt er scherzhaft am Eröffnungsabend.

„Mit Christus Brücken bauen“

Das Staatsoberhaupt ist der Star der ersten zwei Tage des Christentreffens mit 30 000 Dauerteilnehmern. Er nimmt sich Zeit, erweist der konfessionellen Konkurrenz so seine Reverenz: ganz im Sinne des Mottos „Mit Christus Brücken bauen“ geht Gauck auf alle zu und reißt sogar eine Mauer ein. Jedenfalls wirft er zwei Steine einer Styroporwand um, die an die einstige Berliner Mauer erinnert, als er den Stand des Hilfswerks Renovabis besucht, das Menschen im Osten unterstützt. Von diesem Gang über die Campusmeile nimmt der 74-Jährige auch ein kleines Kreuz mit, geformt aus einer abgeschossenen Patrone. Das ist ein Symbol für die Versöhnungsarbeit in Afrika und passt zu dem Mann, der die friedliche Wende in der DDR mitgestaltet und mit seiner Stasiunterlagen-Behörde auch Versöhnungsarbeit geleistet hat. „Gauck ist authentisch, glaubwürdig und hat eine beeindruckende Vita“, sagt Andreas Baier und bringt damit auf den Punkt, was viele hier denken. Eine Stunde ist der Kornwestheimer im strömenden Regen angestanden, um den Präsidenten am Donnerstag live bei einer Diskussion zu erleben. Dabei soll es eigentlich um die Frage gehen: „Wie viel Religion verträgt die säkulare Gesellschaft“, dem Thema, das Seehofer am Anfang angetippt hat. Man könnte da über Reizthemen wie Kreuze, Kirchensteuer, Beschneidung oder den Religionsunterricht reden. Doch es geht fast nur um die Zukunft des Christentums, und immer wieder ist es der Präsident, der das Publikum begeistert.

Beeindruckende Redekunst

Gauck beeindruckt mit seiner Redekunst, seiner Überzeugungskraft und seinem Glauben, von dem er im restlos gefüllten Audimax der Universität Zeugnis ablegt. Als Gauck aber die überall spürbare Euphorie über Papst Franziskus bremst, ist es mucksmäuschenstill. Ob der wirklich die Kirche grundlegend reformiere, müsse sich erst noch weisen. „Auch herzliche, gefühlsstarke Mensch können sehr konservativ sein“, warnt Gauck. Dann hält er ein leidenschaftliches Plädoyer für den Wandel. Der heilige Geist weihe nicht nur Bischöfe, meint Gauck und rüttelt so an der Hierarchie. Die Kirche solle neu entdecken, welche Gaben Gott seinem Volk geschenkt habe. Er rät auch zu einem großen Konzil: „Wir bleiben nicht katholisch, wenn wir Traditionen aufrechterhalten, die uns voneinander trennen“, sagt der evangelische Pfarrer und ignoriert so die Konfessionsschranken. Diese Einmischung stört das Publikum nicht. Es dankt mit Applaus. Der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, Alois Glück, pflichtet sogar bei: Wachstum und Veränderung seien nicht protestantisch, sondern gut katholisch.