Katholische Kirche in Böblingen Keine Nachfolge in Sicht: Karl Kaufmann bleibt zunächst Pfarrer

Trotz Ruhestand und Umzug nach Ditzingen: Karl Kaufmann bleibt Böblingen als Pfarrer zunächst erhalten. Foto: Eibner-Pressefoto/ Tasos Ioannou Foto:  

Karl Kaufmann gibt nach 15 Jahren die Verantwortung für die katholischen Gemeinden in Böblingen ab. Bis ein Nachfolger gefunden ist, bleibt er als Seelsorger.

Böblingen - Am Mittwoch der Umzugslaster, am Donnerstag der Frühgottesdienst und danach eine Beerdigung. Füße hochlegen, die Freizeit genießen, den bisherigen Wirkungsort aus der Distanz betrachten? Mitnichten. Karl Kaufmanns Ruhestand ist weit entfernt von dem, was man normalerweise mit dem Rückzug aus dem Berufsleben verbindet. Seit dem 1. Januar hat der Bischof den Böblinger Pfarrer offiziell von seiner Arbeit entbunden, Rentner ist der 68-Jährige deshalb noch lange nicht.

 

Einfach die Kirchentüre zu schließen und die Gemeinde für immer Gemeinde sein lassen: So endet die Ära Kaufmann in Böblingen nach 15 Jahren nicht. Der Pfarrer, der in der Kreisstadt für alle vier Gemeinden zuständig ist, geht und bleibt zugleich. Nicht mehr anwesend sein wird Karl Kaufmann nur, wenn es darum geht, Personalentscheidungen zu fällen, auf die Finanzen zu schauen und sich um alles zu kümmern, was Kirche außerhalb der Kirche ausmacht. Kurzum: Der Verwalter im Pfarrer Kaufmann zieht sich zurück und der erfüllt sich damit seinen Traumjob. „Man will Seelsorger werden und wird zum Manager“, lautet seine Berufserfahrung. Das soll nun anders werden.

Ohne Assistentin wäre er durchgedreht

Nach Jahren, in denen eine schwere Krankheit immer wieder seine Schaffenskraft einschränkte, war für Karl Kaufmann klar, dass es so nicht weitergehen kann. Mit 68 Jahren, zwei Jahre vor dem offiziellen Rentenalter der katholischen Priester, beschloss er, seinen Ruhestand zu beantragen. Die vielen langen Sitzungen, die ausufernde Schreibtischarbeit, zehrende Themen wie der gescheiterte Neubau einer zentralen Kirchenverwaltung am Bonifatiusplatz oder die beinahe bankrott gegangene Sozialstation kosteten viel Kraft in den vergangenen Monaten. „Das Krisenmanagement, die viele Verwaltung – ich wäre durchgedreht, wenn ich meine Assistentin nicht gehabt hätte“, gesteht er.

Doch das ist bekannt: Nachfolger für ein katholisches Priesteramt zu bekommen, ist eine Herkulesaufgabe. Auf die erste Ausschreibung für Kaufmanns Stelle im Herbst meldete sich kein einziger Interessent. Klar war, dass Dekan Anton Feil, der die Führung der Böblinger Kirchengemeinden zunächst übernimmt, neben seinen Aufgaben als Pfarrer auf der Schönbuchlichtung nicht auch noch die seelsorgerische Arbeit in Böblingen übernehmen kann. Also wurde aus dem alten Pfarrer schnell der neue. Zumindest bis ein Nachfolger gefunden wird, bleibt Karl Kaufmann den Böblinger Katholiken als Seelsorger erhalten. „Ich werde weiterhin Gottesdienste abhalten und bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen da sein“, erzählt er. Damit ist Karl Kaufmann im Ruhestand das, was er schon immer sein wollte: Pfarrer ohne Verwaltungsballast.

Persönliche Anekdoten und knitze Episoden

Wer Karl Kaufmann in der Kirche erlebt, kann nachvollziehen, dass hier ein Vollblut-Prediger am Start ist, dem die Menschen wichtiger sind als der Schreibtisch. Die persönliche Anekdote, der Schwenk zum aktuellen Geschehen, die knitze Episode und die mit einem Augenzwinkern verpackte religiöse Botschaft machen deutlich, dass hier keiner in abgehobenen theologischen Sphären über den Altar schwebt, sondern auf Augenhöhe unterwegs ist. „Von der Bibel zum Leben und nah bei den Menschen sein“, sagt der Mann aus Aalen, das sei auch immer sein persönliches Credo gewesen.

Der eigene Weg, fernab von klerikalen Hierarchien und aus der Zeit gefallenem Kurien-Denken, bestimmte auch immer sein Wirken in Böblingen. Karl Kaufmann tat als Pfarrer das, was ihm sein gesunder Menschenverstand nahe legte. Was in Rom verordnet wurde, interessierte in Böblingen nicht immer. Mit Erfolg: Die vier ganz unterschiedlich geprägten Gemeinden kamen einander näher, engagierte Laien-Teams, die weit mehr als Basisarbeit leisten und die Kirche am Laufen halten, entwickelten sich. „Wenn die Basis funktioniert, dann kann uns die Hierarchie egal sein“, sagt Kaufmann.

Eine Entwicklung, die nun hilft. Denn ohne starke ehrenamtliche Unterstützung wäre die Vakanz nicht leistbar ein. Zwar unterstützen der ehemalige Betriebsseelsorger Paul Schobel und ein Theologe aus Ghana bei den Gottesdiensten, die Wortgottesdienste und Kommunionfeiern werden jedoch von Laien übernommen.

„Sonst fliegt uns der Laden um die Ohren“

Für Karl Kaufmann ein wichtiges Fundament, das er jedoch gefährdet sieht, wenn die katholische Kirche so weiter macht und weiterhin an jahrhundertealten Strukturen festhält und Schlagzeilen produziert, die nicht einmal mehr von einem schlechten Roman getoppt werden. „Wir müssen Frauen ordinieren und den Zölibat abschaffen“ , sagt er, „sonst fliegt uns der Laden um die Ohren.“ Die Kirche könne sich nicht leisten, weiterhin Familien- und Partnerschaftserfahrung bei denen auszublenden, die den Glauben vermitteln.

Mittlerweile sucht Böblingen per zweiter Ausschreibung einen Pfarrer. Ausgang ungewiss. Karl Kaufmann ist skeptisch und glaubt nicht, dass vor Ende des nächsten Jahres ein Nachfolger gefunden ist. „Die Diözese hat so viele offene Baustellen, die müssen zunächst die Großbrände löschen, da ist Böblingen nicht vorne dran“, glaubt er.

Und was passiert, wenn Böblingen 2023 immer noch pfarrerlos ist? „Dann muss ich Druck machen“, sagt er. Denn bis dahin, signalisiert Karl Kaufmann, möchte er seinen Pensionärsjob beenden. Und eines soll dann nicht passieren: „Dass jede Woche ein anderer Pfarrer kommt, der die Gemeinde nicht kennt.“ Dafür verbindet den Mann von der Ostalb mittlerweile viel zu viel Herzblut mit Böblingen.

Karl Kaufmann

Pfarrer und Dekan
Karl Kaufmann hat von 1972 bis 1978 in Tübingen und Paris Theologie studiert. Zum Priester wurde er 1980 in Weingarten geweiht. Nach Stationen in Giengen/Brenz, Nürtingen und Cleebronn ging Kaufmann 1992 als Pfarrer nach Leonberg. Von 2005 bis 2015 führte er auch das Dekanat Böblingen. 2007 wechselte der 68-Jährige nach Böblingen und war dort für die vier Kirchengemeinden verantwortlich. 2015 übergab Kaufmann die Führung des Dekanats an Anton Feil. Der wird nun zusätzlich zu seiner Priestertätigkeit auf der Schönbuchlichtung auch die administrative Führung der Böblinger Kirchengemeinden übernehmen.

Gottesdienst
Die „Stabübergabe“ wird am Sonntag, 30. Januar, mit einem Eucharistiegottesdienst in der Böblinger St. Maria Kirche um 10.30 begangen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Zölibat